"Man muss die Ängste und Sorgen der AfD-Wähler ernst nehmen." Kaum ein Satz erklingt in diesen Tagen häufiger, und kaum ein Satz nimmt diese Wähler weniger ernst als dieser.

Denn Ängste und Sorgen hat man in allen Parteien: Grüne sorgen sich um das Klima, Linke um soziale Ungleichheit. Liberale haben traditionell Angst vor zu viel Staat, Konservative vor Veränderung. Aber nur den Wählern der Alternative für Deutschland wird regelmäßig die küchenpsychologische Kollektivdiagnose einer Angststörung zuteil, womit sie gleichsam pathologisiert werden.

Hier setzt auch die Rede von den sogenannten "Abgehängten" an. Diese Typologisierung, die ebenfalls aus politisch handelnden Subjekten die Objekte einer Ausgrenzung macht, kommt nicht nur von gut meinenden Demokraten, denen es darum geht, die Abgehängten wieder anzuhängen. Auch der Rechtspopulismus selbst bedient dieses Narrativ gerne und oft.

Besonders eifrig verbreitet es Alexander Gauland. Schon im ersten Gastbeitrag in seiner Rolle als AfD-Vorsitzender für die Frankfurter Allgemeine Zeitung im Oktober 2018 bediente er ebenjenes Klischee, wenn auch in einer etwas anderen Terminologie. Gauland beklagte damals die Bildung einer "urbanen Elite", die er als neue Klasse bezeichnete. Deren Mitglieder wohnten in Großstädten, sprächen fließend Englisch und zögen "zum Jobwechsel von Berlin nach London oder Singapur", weswegen die Bindung "an ihr jeweiliges Heimatland" schwach sei.

Diese Äußerungen blieben nicht lange unwidersprochen. Die Historiker Wolfgang Benz und Michael Wolffsohn erkannten kurz nach der Veröffentlichung von Gaulands Text Parallelen zu einer Ansprache, die Adolf Hitler 1933 vor Arbeitern gehalten hatte. Es handle sich daher bei Gaulands Rede um "Hitler light". Gauland distanzierte sich auf vielfach erprobte Weise halbherzig.

Nun könnte man Gaulands Elitenkritik, die sich aus zahlreichen Quellen speist und mit der Hitler-Rede zumindest nicht im Widerspruch steht, als rechte Bürgerkriegsfantasie oder überkommenen Heimatkitsch abtun und in der völkischen Ecke stehen lassen, in der sie sich formiert. Ebenso könnte man auf die antisemitische Tradition verweisen, in der das Klischee des "heimatlosen Kosmopoliten" steht, denn ihm ist das aus dem Nationalsozialismus und seinen Vorläufern bekannte Stereotyp vom "entwurzelten Ahasver" als Gegenbild zum fest auf seiner Scholle stehenden "Volksgenossen" eingeschrieben.

Da die von Globalisierungsangst grundierte Klassenkampfrhetorik jedoch mittlerweile weit über das rechte Lager hinaus anschluss-, wenn nicht sogar konsensfähig ist und sich nicht zuletzt in der weitverbreiteten Rede von den "Abgehängten" spiegelt, muss man sich näher damit auseinandersetzen.

Die Dämonisierung der globalisierten Eliten hat mittlerweile vielfältige Anhänger. Zu ihnen gehört der christdemokratische Gesundheitsminister Jens Spahn, wenn er sich medienwirksam über die jetsettenden "elitären Hipster" beschwert, denen zuliebe Café-Bedienungen in Berlin mittlerweile Englisch sprächen, aber auch der Sozialdemokrat Sigmar Gabriel, wenn er die perspektivlosen Arbeiter aus dem amerikanischen "rust belt" ebenjenen hedonistischen Hipstern in Kalifornien gegenüberstellt. Die Globalisierungsskeptiker in der von der Sozialistin Sahra Wagenknecht mitbegründeten linken Sammlungsbewegung "Aufstehen" stoßen in das gleiche Horn, und selbst Anhänger der Grünen, die von Gauland als die Partei der entnationalisierten Globalisten identifiziert werden, dürften sich in der Beschreibung urbanisierter Weltbürger durchaus wiederfinden, wenn auch mit positiver Bewertung. Und ist diese Beschreibung überhaupt falsch?