Die grünen Sieger verhielten sich geradezu demütig an diesem Sonntagabend. Kein Triumphgeheul im Bundeshaus, keine Ultimaten in der Elefantenrunde. Nein, die Ökoparteien wussten: Ihr Sieg ist ein prekärer. Noch nie schnitten Grüne und Grünliberale bei nationalen Wahlen in der Schweiz so gut ab. Noch nie hat eine einzige Partei, die Grünen, an einem einzigen Wahlsonntag so viele zusätzliche Nationalratsmandate erobert. Aber für eine Mehrheit reicht das noch lange nicht.

Es war fast schon irritierend, wie zurückhaltend die grüne Parteipräsidentin Regula Rytz ihren Machtanspruch formulierte. Nur keinen möglichen Verbündeten allzu früh und allzu sehr vor den Kopf stoßen.

Matthias Daum leitet das Büro der ZEIT in Zürich © Lea Hepp

Trotzdem: Das historische Resultat muss Konsequenzen haben. Die Grünen gehören in den Bundesrat. Nicht erst in vier Jahren, sondern Mitte Dezember.

Die vereinigte Bundesversammlung wird bei den Gesamterneuerungswahlen einen amtierenden Bundesrat abwählen müssen – oder einer der sieben Magistraten geht freiwillig.

Nie in den vergangenen 60 Jahren hat der Bundesrat weniger Wähler repräsentiert als heute. Ein Drittel von ihnen ist in der Landesregierung nicht vertreten. Im National- und im Ständerat hat künftig eine Mitte-links-Mehrheit das Sagen. Aber im Bundesrat dominieren FDP und SVP, also Mitte-rechts. Sie stellen vier von sieben Regierungsmitgliedern.

Die sogenannte Zauberformel, etabliert im Jahr 1959, sieht für die drei stärksten Parteien je zwei Sitze im Bundesrat vor, die viertstärkste Partei erhält noch einen Sitz. Die Formel verlieh der Schweiz jahrzehntelang Stabilität. Politische Minderheiten wurden in die Regierungsverantwortung einbezogen, anstatt sie, wie in anderen Ländern, in die Opposition zu verbannen.

Aber seit den Wahlen im Jahr 1999 und dem Aufstieg der SVP zur wählerstärksten Partei wurde die Zauberformel nicht mehr streng politisch-arithmetisch, sondern immer stärker entsprechend dem jeweiligen Zeitgeist ausgelegt.

Erst wurde die SVP jahrelang hingehalten, bis sie einen zweiten Bundesrat erhielt. Dann verlor sie gleich beide Exekutivmitglieder, weil diese die Partei wechselten. Schließlich stellte sie lediglich einen Vertreter in der Regierung. Bis vor drei Jahren aus dem SVP-Solisten wieder ein SVP-Duo wurde.