Ob Frauen an der Kirchenspitze unterrepräsentiert seien, fragte mich eine Reporterin in Rom Anfang Oktober. Immer, wenn mir diese Frage gestellt wird, werde ich ungeduldig. Nicht, weil die Frage so offensichtlich rhetorischer Natur ist. Nicht, weil einem die Antwort in den Mund gelegt zu werden scheint. (Ja, natürlich, ist man geneigt zu antworten. Denn wie alle Welt weiß, gibt es praktisch keine Frauen in der Führungsriege der katholischen Kirche.) Nicht, weil ebenso schnell dann auch die entsprechenden Forderungen an der Hand sind. Forderungen, deren Verfechter und Gegner ihrer in jahrzehntelangem Stellungskampf müde geworden sind, sodass man sie aus purem Überdruss kaum mehr über die Lippen bringt.

Was mich ungeduldig werden lässt, ist etwas anderes: Die Frage baut auf einer falschen Prämisse auf. Sie setzt voraus, dass die katholische Kirche – ähnlich modernen parlamentarischen Regierungssystemen – auf Repräsentation beruht: Wahlberechtigte wählen Abgeordnete, die sie dann in einem Parlament vertreten, das eine Regierung stellt und in dem Beschlüsse über das Zusammenleben der Gemeinschaft gefasst werden. In einem solchen repräsentativen System ist die Frage sinnvoll, ob bestimmte Gruppen der Gesamtgesellschaft im Parlament und in der Regierung hinreichend repräsentiert sind. Denn wenn beispielsweise – wie derzeit im Deutschen Bundestag – der prozentuale Anteil von Frauen im Parlament weit unter dem prozentualen Anteil von Frauen in der Gesellschaft liegt, besteht die Gefahr, dass Themen, Anliegen und Bedürfnisse, die überwiegend Frauen betreffen, im Parlament nicht angemessen Raum finden.

Die katholische Kirche jedoch ist nun einmal kein repräsentatives System, keine Demokratie. Es werden also nicht nur Frauen in der katholischen Kirche nicht repräsentiert, es wird schlicht niemand repräsentiert. Deshalb gibt es in der Kirche auch keine Abgeordneten und kein Parlament, wird die Regierung nicht demokratisch gewählt. Die Regierung der katholischen Kirche, an deren Spitze allein der Papst steht, erhält ihre Legitimation gerade nicht von ihren Mitgliedern. Ein Bischof erhält seine Legitimation gerade nicht von den Gläubigen in seinem Bistum. Ein Pfarrer erhält seine Legitimation gerade nicht von seiner Pfarrei. Jeder, der in der Kirche Verantwortung trägt, erhält seinen Auftrag dazu von oben, vom Bischof und in letzter Instanz vom Papst. Über eine Milliarde Katholiken weltweit werden von einem Monarchen regiert, in dessen Amt alle Entscheidungsgewalt in der Kirche zusammenläuft und auf dessen Ernennung oder Beschlüsse sie nicht den geringsten Einfluss haben. Daher geht die Frage, ob Frauen an der Kirchenspitze unterrepräsentiert sind, am Kern des Problems vorbei.

Eine Einschränkung muss an dieser Stelle gemacht werden. Es stimmt nicht ganz, dass niemand in der katholischen Kirche repräsentiert wird. Eine Ausnahme gibt es: Jesus Christus wird repräsentiert. Der Papst trägt sogar den Titel "Stellvertreter Jesu Christi". Ebenso wird Jesus Christus von katholischen Priestern repräsentiert, wenn sie in der Feier der Eucharistie die Wandlungsworte in seinem Namen sprechen: Das ist mein Leib, das ist mein Blut. Es gibt also eine Art von Repräsentation in der katholischen Kirche. Diese geht aber nicht von unten nach oben, durch freie, gleiche und geheime Wahl, sondern von oben nach unten, durch unverfügbare, unhinterfragbare göttliche Auserwählung.

Es ist nicht nur die Repräsentation, die in der Kirche umgekehrt funktioniert. Auch ihr Ziel ist ein ganz anderes als das moderner Staatsverfassungen. Wie es Aufgabe des modernen Staates ist – zumindest vom Anspruch einer modernen Verfassung her –, die Rechte jedes einzelnen Mitglieds der staatlichen Gemeinschaft zu schützen und seine freie Entfaltung und Teilhabe zu gewährleisten, begreift die Kirchenspitze den Heilswillen Gottes als ihre Aufgabe. Das heißt, es geht in der Kirche nicht darum, dass möglichst alle eine Stimme haben oder vertreten werden. Vielmehr soll der Wille Gottes geschehen. Die Kirchenspitze nimmt für sich in Anspruch, diesen Willen Gottes genau zu kennen und dass ihre Lehren und Weisungen die Stimme Gottes authentisch wiedergeben. Konkret heißt das, es ist Aufgabe kirchlicher Verantwortungsträger, dafür zu sorgen, dass möglichst alle Getauften der Lehre und den Geboten der Kirche folgen, das Wort Gottes hören, die Sakramente empfangen und im Stande der Gnade leben.

Wer die katholische Kirche als politische Einheit verstehen will, muss sie mit anderen Großinstitutionen, der Europäischen Union etwa, vergleichen. Man stelle sich eine Union mit einem EU-Präsidenten vor, der in Personaleinheit Präsident der Europäischen Kommission und Präsident des Europäischen Rates wäre. Davon abgesehen gäbe es weder ein Europaparlament noch die nationalen Parlamente der Mitgliedsstaaten. Alle Regierungsposten in den Mitgliedsstaaten würden direkt vom EU-Präsidenten besetzt. Ebenso würde er die Richter für den Europäischen Gerichtshof und die obersten Gerichtshöfe der Nationalstaaten ernennen. Er würde sich das letzte Wort über die Zulassung von Professoren an europäischen Hochschulen vorbehalten, sämtliche Gesetze selbst erlassen und die alleinige Zuständigkeit für die Interpretation ebendieser Gesetze innehaben. Einsprüche gegen irgendeine seiner Entscheidungen von irgendjemandem wären unmöglich. Wer gegenteilige Auffassungen öffentlich vertritt, müsste mit Sanktionen rechnen.

Es werden nicht nur Frauen nicht repräsentiert. Es wird niemand repräsentiert.

Derlei Vergleiche, heißt es an dieser Stelle gerne, verbieten sich. Sie würden der katholischen Kirche nicht gerecht. Schließlich handelt es sich um eine Religionsgemeinschaft. Daher kann sie nur mit religiösen, geistlichen, theologischen Begriffen angemessen verstanden und beurteilt werden. Dabei wird aber gerne vergessen: Die Kirche ist eben nicht nur ein geistliches, sondern als organisierter Zusammenschluss von Menschen auch ein politisches Gebilde. Sie hat mit dem Konstrukt des "Heiligen Stuhls" sogar Völkerrechtscharakter und weiß das zu nutzen. Zugleich ist sie die letzte Gemeinschaft dieser Größe, die entschieden an einer vormodernen politischen Struktur festhält. Und das, obwohl sich vormoderne politische Systeme mit der für sie typischen Gewaltanhäufung in den Händen einer kleinen Machtelite als instabil, leicht korrumpierbar und grausam gegenüber Untergebenen und Minderheiten erwiesen haben. Darüber hinaus dürfte ebenfalls klar sein: Moderne politische Errungenschaften wie Demokratie, Gewaltenteilung und Gewaltenkontrolle haben sich als effektiv erwiesen. Warum sollte eine solche Effizienz im katholischen Kosmos nicht möglich und geboten sein? Welche stichhaltigen theologischen Gründe könnten dem widersprechen? Dennoch hat sich im verfassten Katholizismus ein Verständnis von Spiritualität und Theologie durchgesetzt, das so tut, als wäre alles Religiöse per se den Gesetzen der menschlichen Vernunft enthoben. Das ist entweder gefährlich naiv oder eine bewusste Machtverschleierungsstrategie.