DIE ZEIT: Frau Rebsamen, eigentlich ist es verrückt: Sie sind erst 17 Jahre alt und damit die Einzige in der Runde, die gestern nicht wählen durfte. Trotzdem hatten Sie vermutlich am meisten Einfluss auf die Wahlen.

Saskia Rebsamen: (lacht) Wir Klima-Aktivistinnen sind nicht alles Grüne. Unsere Leute wählen auch die GLP, die SP oder andere Parteien. Aber klar, wir haben das wichtigste Thema bei diesen Wahlen auf den Tisch gebracht. Das ist extrem cool!

ZEIT: Was hat am Sonntag überwogen: Der Frust, nicht selbst wählen zu dürfen, oder die Genugtuung, dass die Alten richtig entschieden haben?

Rebsamen: Die Freude am Resultat! Wir haben in Bern ein Public Viewing organisiert und mitgefeiert.

ZEIT: Herr Glättli, die Grünen gewannen 17 Sitze und haben neu 28 Nationalratsmandate. Wie viele Stimmen haben Sie Frau Rebsamen zu verdanken?

Balthasar Glättli: Von ihr direkt? Keine. Sie konnte ja nicht wählen (lacht).

ZEIT: Und wie viel haben Sie dank Frau Rebsamen gewonnen?

Glättli: Tausende, Abertausende. Der Klimawandel ist eine leise Katastrophe, die uns fundamental betrifft. Aber konkret wird das selten spürbar, etwa dann, wenn wir vor einem schmelzenden Gletscher stehen oder von Extremwetter betroffen sind. Jahrelang haben wir Grünen vergebens versucht, Begriffe wie Enkeltauglichkeit in die breite politische Debatte zu bringen. Nun geht eine junge Generation auf die Straße – und sagt: "Wessen Zukunft? Unsere Zukunft!"

ZEIT: Auch die Grünliberalen konnten sich um 9 Sitze auf 16 verbessern. Dank Bürgern wie Ihnen, Herr Blum. Sie haben früher mit der SP sympathisiert und wählen nun GLP. Was hat Ihnen bei den Genossen gefehlt?

Michael Blum: Das Liberale! Die SP war mir in vielen Themen zu starr und zu strikt.

Kathrin Bertschy: Der Frauenstreik im Juni und die Klimastreiks haben neue Milieus mobilisiert. Ich war überwältigt, wie stark der Frauenanteil im Parlament gestiegen ist. Um zehn Prozentpunkte auf rekordhohe 41 Prozent. Seit zwei Jahren habe ich mich dafür intensiv eingesetzt. Das klingt vielleicht etwas pathetisch, aber die Schweizer Demokratie wurde an diesem Sonntag eine bessere.

Glättli: 2019 ist das Jahr der Bewegungen. Auch Menschen, die nicht mit einem Parteifähnchen unterwegs sind, mischen sich ein. Sie sagen sich: Hey, in der Politik geht es um etwas! Es ist eine Art Rückkehr zur Politik im eigentlichen Sinn: Menschen treffen sich, diskutieren, spüren sich und arbeiten konkret zusammen an einer lebenswerten Zukunft – Online und Offline finden zusammen.

ZEIT: Frau Rebsamen, was erwarten Sie als junge Klimaaktivistin von den neuen grünen Kräften im Parlament?

Rebsamen: Das große Ziel muss sein, beim CO₂-Ausstoß möglichst rasch auf netto null zu kommen. Nicht erst 2050, sondern bereits 2030. Ich erwarte vom neuen Parlament bald viele konkrete Vorstöße – und dann viele kleine Siege. Die Parteien müssen beweisen, dass sie die Dinge ändern können. Sonst kippen die Verhältnisse in vier Jahren wieder.

ZEIT: Was würden Sie als Erstes anpacken?

Rebsamen: Die Politik muss sich endlich den Finanzplatz vornehmen. Wir brauchen eine Flugticketabgabe, die mehr kostet als die 30 bis 120 Franken, über die nun diskutiert wird. Es braucht aber auch eine Bildungsoffensive: Die Leute wissen noch immer viel zu wenig über die Klimakatastrophe. Sie interessieren sich nicht für ökologische Themen.

Glättli: Bei den Pensionskassen und der Nationalbank müssen wir ansetzen. Aus dem Schweizer Finanzplatz darf kein Geld mehr in kohlenstoffbasierte Unternehmen fließen.

ZEIT: Was braucht es, damit das gelingt?

Glättli: Trotz des historischen Zuwachses der Grünen und dem Erfolg der GLP: Wir müssen weiterhin Teile von CVP und FDP überzeugen. Ein gutes Beispiel ist der Gebäudebereich: Dort konnten wir Allianzen mit der Bau- und Energiewirtschaft schließen. Weil sie davon profitiert, wenn Gebäude energetisch saniert werden.