Was wir wissen

Vielleicht lässt sich die Sache am besten mit einer Mikrobe erklären, nennen wir sie Maxime. Sie wacht eines Tages auf und findet sich in einem riesigen Hefeteig wieder, der sich bis zum Horizont erstreckt. In der Ferne kann sie Dutzende Krümel erkennen, die wie Berge aus der Knetmasse aufragen. Zugleich fällt ihr auf, dass sich die Krümel von ihr wegbewegen. Je weiter sie entfernt sind, desto eiliger scheinen sie es zu haben.

Maxime ist ein neugieriger Einzeller, noch dazu ungewöhnlich schlau. Also beobachtet sie die Sache und wälzt Backbücher. Schließlich wird ihr klar: Sie muss sich in einem Ofen befinden, dessen Hitze den Teig langsam aufgehen lässt. Die Mikrobe rätselt: Wird der Teig immer weiter aufgehen? Oder fällt er wieder in sich zusammen? Und überhaupt: Wer hat eigentlich den Ofen angeschaltet?

Ähnliche Fragen stellt sich die Menschheit. Sie weiß: Das All um sie herum dehnt sich aus, ferne Galaxien entfernen sich immer weiter. Aber wo kommt das alles her? Und wo geht die Reise hin?

Fest steht, dass die Distanzen gigantisch sind. Allein zum nächsten Stern, einem rötlichen Feuerball namens Proxima Centauri, sind es 40.000 Milliarden Kilometer. Ein Lichtstrahl benötigt dafür mehr als vier Jahre, Astronomen sprechen daher von einer Distanz von vier "Lichtjahren". Wollte man diese Strecke auf der Erde zurücklegen, müsste man eine Milliarde Mal um den Äquator reisen. Bezogen auf das gesamte Universum ist die Strecke geradezu mickrig. Bereits zum Mittelpunkt unserer eigenen Galaxie, der Milchstraße, sind es 26.000 Lichtjahre. Ferne Galaxien sind mitunter Milliarden Lichtjahre entfernt.

Diese Größenverhältnisse kann sich kaum ein Mensch mehr anschaulich vorstellen. In diesem Sinne gleichen wir Einzellern in einem Backofen. Doch wir bauen Teleskope und können immer weiter ins Weltall hinausblicken.

Ihnen verdanken wir die wohl wichtigste Erkenntnis über unser Universum: Es dehnt sich aus wie ein Hefeteig. Die ersten Hinweise darauf fanden der Belgier Georges Lemaître und der Amerikaner Edwin Hubble in den 1920er-Jahren. Sie erkannten, dass sich so gut wie alle Galaxien von unserer Milchstraße wegbewegen, ähnlich wie Maxime die Krümel in die Ferne wandern sieht.

Und nicht nur das: Die Astronomen entdeckten, dass die Fluchtgeschwindigkeit der Galaxien umso größer ist, je weiter diese von uns entfernt sind – ein Effekt, der sich in einer Verschiebung des Lichtspektrums hin zu größeren, roten Wellenlängen zeigt ("Rotverschiebung").

Daraus ergibt sich übrigens noch ein anderer Pfeiler unseres kosmologischen Weltbilds: Kehrt man die Ausdehnung im Geiste um, kann man bis zu jenem Punkt zurückrechnen, an dem alle Materie des Universums in einem Punkt vereinigt war. Das wäre demnach vor rund 14 Milliarden Jahren gewesen. Damals bildeten Raum und Zeit einen unvorstellbar dichten Klumpen, der sich plötzlich rasant ausdehnte. Und seither lässt die Energie dieses Urknalls den kosmischen Hefeteig immer weiter aufgehen. So weit das übliche Kosmologie-Szenario.

Doch im Jahr 1998 schauten die Astrophysiker noch einmal genauer hin. Durch die Vermessung spezieller Supernova-Explosionen gelang es ihnen, die Entfernungen ferner Galaxien präziser als bisher zu ermitteln. Dabei stellten sie fest, dass sich die Expansion des Alls im Laufe der Zeit nicht etwa verlangsamt (so wie es zu erwarten wäre, wenn der Schwung des Urknalls abklingt). Im Gegenteil: Der Raum zwischen den Welteninseln scheint sich immer schneller auszudehnen. So als wäre Maxime, die Mikrobe, von ganz besonderer Hefe umgeben, die immer schneller aufgeht.

Sogar einen Begriff haben die Kosmologen dafür gefunden: "Dunkle Energie" nennen sie die treibende Kraft, die den Raum zwischen den Sternen immer schneller aufbläht. Für ihre Entdeckung erhielten die US-Amerikaner Saul Perlmutter, Brian Schmidt und Adam Riess im Jahr 2011 den Physik-Nobelpreis. Die Sache hat also den höchsten Stempel der Wissenschaft.