Wie das so ist mit Erlösern: Je länger sie ausbleiben, desto inniger werden sie begehrt. Bis zuletzt hatten sie ein Plätzchen im Louvre freigehalten, nur für den Fall, dass der Salvator Mundi, das umstrittenste Bild der Gegenwart, doch noch in Paris erscheinen würde. Vor zwei Jahren war es für 450 Millionen Dollar versteigert worden, seither rätselt alle Welt, wer es besitzt, wo es lagert und ob es überhaupt von jenem Künstler stammt, ohne dessen Urheberschaft das Werk vermutlich in irgendeiner Besenkammer stünde. Ein echter Leonardo da Vinci? Oder doch nur ein Flop?

Kein Museum wäre besser geeignet, diese Frage zu klären, als der Louvre, wo gerade eine Ausstellung beginnt, die etliche Werke des Renaissance-Malers zusammenbringt, mehr als er wohl selbst je an einem Fleck zu Gesicht bekam. Es ist der Höhepunkt der globalen Leonardo-Feiern, 500 Jahre nach seinem Tod – und zugleich in den Augen vieler eine Enttäuschung. Der Erlöser ist nicht angereist, die Gegenüberstellung der Christus-Figur mit all den anderen Heiligen hier im Louvre bleibt aus.

Leonardo allerdings, damit kann man sich trösten, hätte all das Geraune und Gerätsel sehr genossen, er liebte das Spektakel und liebte noch mehr das Geheimnisvolle – all die Dinge, die nicht offen zutage liegen und kaum zu greifen sind.

Unbestritten war er ein Meister der milden Schönheit, dafür wird er in aller Welt gerühmt. Um die Mona Lisa im Louvre zu sehen, stehen die Menschen dicht gedrängt wie vor einem Abflugschalter, von Sicherheitsbändern mühsam im Zaum gehalten. Doch mehr als die Weltberückung interessierte Leonardo die Weltdurchdringung. Er war ein Maler, dem das Malen nicht so wichtig war. Lieber schnitt er Schädel auf, vermaß Flüsse, zerklopfte Steine, um sich ein Bild zu machen von dem, was das Leben in Schwung setzt.

Gleich zu Beginn der Ausstellung trifft man auf dieses spannungsvolle Gegeneinander von Sicht- und Unsichtbarem: In der Mitte des Raums steht ein großes Skulpturenpaar, Jesus und der ungläubige Thomas, entworfen von Leonardos Lehrer Andrea Verrocchio. Begleitend dazu hängen an den Wänden viele kleine Zeichnungen, allesamt Gewandfalten, die als Vorstudien dienten, sollte man meinen. Doch wer die windungsreichen Linien verfolgt, wer sieht, wie die Stoffe sich falten und verknoten, wie sie fließen, stürzen, sich stauen, wie sie Höhlen bilden und geheimnisvolle Ritzen, dem steht überdeutlich vor Augen, dass diese Zeichnungen mehr sind als nur Hilfsmittel. Sie erzählen etwas von Leonardos Gespaltenheit. Einerseits war ihm die Kunst ein lustvolles Spiel der Bewegungen. Andererseits lässt sich ahnen, wie unzufrieden er gewesen sein muss, weil unter den Stofflandschaften das Eigentliche, der Körper, nie zu sehen, nur zu ahnen ist.

Womöglich sah sich Leonardo selbst als Thomas, denn er war ein Zweifler, der ungläubig glaubend den schönen Schein pflegt und ihm zugleich misstraut. Der Oberflächen malt und sie durchstoßen will, mit sezierender Erfahrung.

Anders als Thomas, der Gewissheit will und deshalb in Jesu Wunden greift, suchte Leonardo die Wahrheit mit dem Zeichenstift. Er war ein unermüdlicher Kritzler und Krakler, das lässt sich in vielen Sälen des Louvre bestens studieren, ein Mann des schnellen, fahrigen Strichs, des aufblitzenden, eilig hingehuschten Einfalls, der am Ende seines Lebens zigtausend Blätter gefüllt hatte, die man wie einen Live-Mitschnitt all dessen verstehen kann, was er sah und was in ihm an Ideen emporstieg. Da finden sich Entwürfe für Kriegsmaschinen neben lieblichen Mädchengesichtern oder Drehspießen, es gibt daumengroße Skizzen für das Bild einer Reiterschlacht neben dem großen Blatt eines hässlichen Alten mit Tripelkinn und der innigen Szene einer Mutter, hingetupft, die gerade ihrem Kind die Füße wäscht. Es gibt Schnurren, es gibt technische Entwürfe, das alles unterbrochen und umspielt von Einkaufslisten, schönen Weisheiten und langwierig erläuterten Projektideen. Schreiben, zeichnen, rechnen – für Leonardo alles eins.

Noch die kleinsten Zettelchen konnte er von vorn, von hinten und bis an die äußersten Ränder mit seinen Eingebungen übersäen, endlos, haltlos, vorläufig wie das Leben. Ein Durcheinander, das dennoch eine tiefere Bedeutung in sich trägt. Denn in der Renaissance hieß Disegno nicht allein Zeichnen, es meinte ebenso ein geistiges, ja spirituelles Konzept. Gott selbst galt als maestro pittore, als Meisterkünstler, der in der Schöpfung seine Ideen "nach außen" aufs Papier gebracht, sprich "aus seinem Geist und aus den Händen" in die Welt gezeichnet habe, wie der Dominikanermönch Girolamo Savonarola meinte.

Nun weiß man nicht, ob Leonardo mit seinen unerschöpflichen Schöpfungen selbst in die Rolle des Maestro schlüpfen wollte, um auf diese Weise endlich zu verstehen, was die Vögel fliegen, die Flüsse fließen, das Licht sich brechen lässt. Wahrscheinlich kam es ihm, dem Zweifler, weit naheliegender vor, statt sich auf Gottes Spuren zu begeben, zunächst einmal die Spur des eigenen Geistes zu verfolgen – gewissermaßen als ungläubiger Thomas, der seine Notiz- und Zeichenblätter braucht, um sich selbst und der Welt zu glauben. Immerzu beobachtet er sich selbst beim Sehen und Denken, vergewissert sich seines Ichs. Denn als wäre der Vogelflug oder die Verwirbelung einer Locke nicht wundersam genug, erscheint es ihm noch wunderbarer, wie sich im eigenen Kopf die Vogel- und Lockenbilder, die Ideenfetzen und Erinnerungen ineinanderdrehen, sich überlagern und etwas Drittes dabei entsteht, das manchmal hohe Kunst sein kann, manchmal fröhlicher Unsinn.

Die Ausstellung folgt diesem Prinzip der streunenden Überlagerung: Sie feiert Leonardo, den Maler, von dem sich kaum mehr als 15 Gemälde erhalten haben, derer neun nun im Louvre zu sehen sind. Ergänzt werden sie um etliche Gemälde und Skulpturen anderer Künstler seiner Zeit, schließlich war Leonardo von anderen geprägt, etwa von flämischen Malern mit ihrer Öltechnik und den Porträts im Dreiviertelprofil. Zudem finden sich zwischen den alten Werken ganz andere, sehr heutige Bilder: Infrarot-Fotografien, grau und von Leuchtkästen hinterfangen. Sie lenken, könnte man sagen, Leonardos Durchdringerblick in die Gegenwart, wollen zeigen, was hinter den Farbschichten seiner Gemälde steckt, wie er sich korrigierte und wer aus seiner Werkstatt mit Hand anlegte.