Die Collage der Künstlerin Pipilotti Rist, 57, Zürich © Abbildung: Pipilotti Rist

Brief an Immanuel Kant

Hochverehrter Professor,

melde gehorsamst, dass die Schweiz am 20. Oktober 2019 im Sinne Ihres kategorischen Imperativs gewählt hat: Handle so, als ob die Maxime deiner Handlung durch deinen Willen zum allgemeinen Naturgesetze werden sollte! Nun sind Wahlen allenfalls symbolische Handlungen. Immerhin ist in der Schweiz zum ersten Mal ein Naturgesetz beinahe mit Ja beantwortet worden: Man kann aus unserem Planeten nicht mehr herausholen, als drin ist. Greta Green pfeift’s von allen Dächern: Grün, grün, grün sind alle meine Kleider ... aber ein Jäger darf mein Schatz nie mehr sein. Ein Laubfrosch muss reichen.

Was Ihre Frage nach dem "Rahmenabkommen" betrifft: Welch ein Glück, dass sie sich bei dieser Wahl mäuschenstille hielt. Sonst hätte ein Imperativ der Volkspartei – die Schweiz gehört zu Europa, aber sie sei kein Teil davon! – die Einkehr der Vernunft womöglich verhindert. Da weiß man das Zugeständnis, dass die Schweiz mit der Welt immerhin das Klima gemeinsam haben will, doch erst richtig zu schätzen. Verehrter Herr Professor: Auch die Vernunft nimmt, was sie kriegen kann. Darin ist sie der Schweiz ja nicht ganz unähnlich. Und wo eine Willensnation ist, ist immer auch ein Weg: der Umweg. Auch wenn sie gar keine Wahl mehr hat: Sie wählt immer noch. Wenn das keine gute Nachricht ist!

Heimlifeiß, aber auch heimlich dankbar grüßt Sie: Ihr Adolf Muschg

Adolf Muschg, 85, Schriftsteller, Männedorf

"Weltenei"

Die Gewinnerin dieser "eidgenössischen" Parlamentswahlen ist eine weltweit sich formierende außerparlamentarische Opposition: junge Menschen, die seit Monaten ihre Stimme erheben, für das "Weltenei" (wie Paracelsus es formulierte), und einen sorgsamen Umgang mit unseren Lebensgrundlagen einfordern; Jugendliche – die oftmals noch keine politischen Rechte haben – zeigen mit ihren Interventionen und ihrer Präsenz, dass sie die wichtigsten Schulstunden nicht verpasst haben: Das globale Ökosystem braucht entschiedene Denkschritte und beherzte Maßnahmen, jenseits von "Heimatschutz", "Patriotismus" und dem Dogma des "endlosen Wirtschaftswachstums"; und ja, es gibt ein Recht auf Zukunft, ein Menschenrecht auf Leben! Diese außerparlamentarische, bewegende Opposition hat zwar jetzt schon Geschichte geschrieben. Aber ob sie wirklich gehört wird, "gewinnt", hängt von uns allen ab; ob wir bereit sind, uns zu verändern, uns als Teil des Wassers, der Luft, der Erde zu begreifen. Und ob wir bereit sind, Druck auf unsere nationalen Parlamente auszuüben, damit sie international agierende, schamlos plündernde Konzerne zur Verantwortung ziehen – und Politiker, Politikerinnen, die diesen Konzernen aus Eigennutz zudienen.

Melinda Nadj Abonji, 51, Schriftstellerin, Zürich

Die Gewählten stören die Demokratie

Eine Wahlbeteiligung von unter 50 Prozent zeigt, wie nebensächlich Wahlen in einer direkten Demokratie sind. Wahlen sind nur für diejenigen wichtig, die gewählt werden wollen. Für sie geht es um viel Geld. Aber für die Wähler sind Wahlen uninteressant. Wozu sollte man Menschen wählen, die gewählt werden wollen?

Ganz anders verhält es sich mit Abstimmungen. Dort liegt die Beteiligung höher, man redet über die Sache, es geht darum, zu bestimmen, was geschieht.

Bei Wahlen hingegen reden nur diejenigen, die gewählt werden wollen – und zwar über sich selbst. Und sobald sie gewählt sind, versuchen sie auch noch, Abstimmungen zu verhindern. Wenn trotzdem abgestimmt wird, setzen sie sich über das Resultat hinweg oder versuchen, es zu relativieren.

In einer direkten Demokratie stören Gewählte.

Andreas Thiel, 48, Satiriker, Innerschweiz

Menschen mit Mut und Liebe

Alle vier Jahre beginnt für die Zeit der Scham. Von den Köpfen, die sich zur Wahl stellen, kenne ich die wenigsten, die Slogans wirken unfreiwillig komisch, und wie man den Wahlzettel korrekt ausfüllt, habe ich auch vergessen. Sobald der Wahlkampf anbricht, schäme und schummle ich mich also durch Essensrunden und Spontangespräche mit Nachbarinnen.

Dabei weiß ich eines: Ich will als meine politische Vertretung Menschen mit Mut, Zuversicht und Liebe wissen. Ich will niemandem ins Parlament verhelfen, der für soziale Gerechtigkeit, das Engagement der Jugend und andere Lebensentwürfe als die seinen nur Spott und Hohn übrig hat.

Mein persönliches Wahlprogramm mag limitiert erscheinen, aber es ist die Essenz dessen, was ich von der Politik erwarte. Und solange in unserem Land immer noch zu viele Betonköpfe gewählt werden, denen Macht und Habgier wichtiger sind als alles andere, kann man schamlos undifferenziert sein.

Güzin Kar, 48, Drehbuchautorin und Regisseurin, Zürich