Ich bin ganz oberflächlich unterwegs. Und bin begeistert von der Oberfläche. Vor meinen Augen zieht langsam ein sehr bekanntes Bild vorbei, die Skyline von Manhattan, eine Fassade aus Fassaden, was für ein Anblick. Meine Augen sind sicher inzwischen so groß wie die von japanischen Comicfiguren, damit noch ein bisschen mehr Panorama auf die Netzhaut passt. Ich sitze auf dem offenen Oberdeck einer Fähre, das Boot tänzelt durch den East River zwischen Manhattan und Brooklyn Richtung Norden und verschiebt und verschiebt und verschiebt den Blick auf den Stalagmitenwald von Midtown wie in einer Kamerafahrt. Das Empire State Building taucht im Hochhausgedränge auf und wird wieder verdeckt, ebenso das Chrysler Building. Aber es kommt ja gar nicht an auf das eine oder andere ikonische Gebäude. Es kommt an auf die Totale in Bewegung, die berauschende Partie entlang der Skyline.

Gibt es einen besseren ÖPNV-Deal als diesen?

Die Fähre gehört nämlich zum neuen Netzwerk NYC Ferry, das sich die Stadt erst in den letzten Jahren geleistet hat: Sieben Fährlinien, 21 Stopps, verteilt über Manhattan, Brooklyn, Queens und die Bronx. Die längste Tour geht bis zum Strand von Rockaway hinaus, eine Stunde ist man da unterwegs. Und das alles kostet nicht mehr als ein U-Bahn-Ticket. Man möchte gleich überallhin fahren.

Knotenpunkt der Ferry-Linien ist Pier 11 in Downtown Manhattan, Höhe Wall Street. Auf der Landungsbrücke nebenan starten und landen regelmäßig Hubschrauber, hier geht es etwas bodennäher zu. Eine Handvoll Anleger rund ums Pier, an denen die verschiedenen Fähren im 20-, 30-, 40-Minutentakt kurz andocken, gut sortierte Warteschlangen. Auf einer großen Digitaltafel steht, welche Fähre als Nächstes von welchem Anleger losmacht. Als Tourist fühle ich mich ein wenig wie vor dem Büfett: Welches Boot darf es diesmal sein? Als Ferry-Flaneur bin ich ja sehr viel flexibler als die commuter, die Arbeitspendler, für die das Routennetz vor allem gedacht ist. Die Fähre nach Astoria in Queens legt gleich ab, also okay, ich bin drauf.

Passagiere zwischen Manhattan und Brooklyn vor der Williamsburg Bridge © Todd Heisler/​The New York Times/​Redux/​laif

Groß sind die Boote nicht, 150 Sitzplätze, die meisten davon im Unterdeck. Die Bordwände haben einen fast sportwagenschnittigen Schwung. Der Prototyp wurde Lunchbox getauft, andere Boote heißen Opportunity, Ocean Queen Rock Star und New York, New York, die Namen stammen alle aus einem stadtweiten Schülerwettbewerb.

Astoria liegt auf der Ostseite des East River nördlich von Brooklyn. Die Fähre gleitet auf ihrem Weg flussaufwärts unter der Brooklyn Bridge und der Manhattan Bridge hindurch, beim Blick nach oben sieht man durch das stählerne Trägerwerk schattenhaft den Verkehr vorbeihuschen. Wir halten kurz an den Brooklyn Navy Yards, den ehemaligen Marinedocks, in denen zu Weltkriegszeiten Zehntausende Arbeiter Flugzeugträger zusammenbauten, dann in Midtown Manhattan im Schatten der American Copper Buildings, zwei zart einander zugeneigten neuen Hochhäusern. Auf einer Videowand im Unterdeck der Fähre werden Wohnungen in dem Doppelriegel angepriesen, natürlich diskret ohne Preisangabe. Zwei weitere Stopps noch, dann legt das Boot in Astoria an.

Alles sehr entspannt hier, Einfamilien-Reihenhäuschen mit Erkern und Blumentöpfen am Treppenaufgang. Hallo Kleinstadt-Amerika. Ein Cop patrouilliert so gemächlich über die Straße, als würde sowieso nie etwas passieren können an so einem sonnigen Tag. Ich höre Vögel und kaum etwas sonst. Im Socrates Sculpture Park nah am Flussufer nehmen zwischen Laubbäumen gerade 30 locals an einer öffentlichen Yogastunde teil. Entschleunigtes, flachgehaltenes New York. Schön, einmal vorbeigeschaut zu haben. Auch weil man ja immer mitdenkt: Hey, direkt nebenan liegt das brausende Zentrum der westlichen Welt; erstaunlich, wie anders gepolt es schon hier um die Ecke zugeht.

Zwei Ferry-Stopps südlich von Astoria legt das Boot in Long Island City an, gerade noch Queens, an der Grenze zu Brooklyn. Hier wird schon wieder höher gestapelt. Am Anleger stehen ein paar frische 20- bis 30-Geschosser, beste Uferlage, ausschwingende Balkone. Am anderen Ufer in Manhattan hat man das ewig elegante UN-Ensemble in voller Breite vor sich. Auf dem umgrünten Boardwalk in Queens stehen ausladende Holzsessel, die einem einflüstern: Hier setz dich hin – und dann lass dich wegpusten von der Aussicht auf delirious New York! In Long Island City unterhält das Museum of Modern Art seit Langem einen Satelliten für aktuelle Kunst, das PS1, in einem ehemaligen Schulgebäude. Sehr smart und zeitgenössisch. Auf dem Weg dahin passiere ich eine Reihe flacher Ziegelbauten: Tischlereien, Auto- und Metallwerkstätten, ein Crossfit-Studio, das aussieht wie ein Army-Trainingscamp. Schweißende, fräsende, schwitzende Männer überall, es riecht nach schwerem Öl und geschmortem Gummi. Eine kleine Überraschung, dass zwischen die gläsernen Ufertürme und das Mini-MoMA noch so eine breite Tranche working class-New-York passt. Aber das lernt man schnell bei den Streifzügen rund um die Ferry-Anleger: Jenseits von Manhattan geht es deutlich durchmischter zu als im Alpha-Stadtteil.

Am Anleger Hunter’s Point South ganz im Süden von Long Island City treffe ich Frank Raffaele, einen energischen Bolzen um die 50 mit Yale-Basecap und Hornbrille. Er betreibt direkt am Pier unter einem weit aufgespannten weißen Metalldach die Café-und-Biergarten-Kombi LIC Landing. "Das neue Ferry-Netz", sagt er, "hat manche Ecken erst richtig zugänglich gemacht. Die U-Bahn kommt ja oft nicht ran an die ufernahen Viertel. Aber wir leben nun mal in einer Stadt am Wasser." Wo Raffaeles schicke Café-Rampe steht, war lange Deponiegelände. Jetzt, da die Fähre direkt von Midtown Manhattan herüberkreuzt, ist Platz für 1400 Wohneinheiten. Die Fähren seien ein großer Dienst am Volk, sagt Raffaele, und das betont er auch deshalb, weil er weiß, dass andere das anders sehen. "Manche meinen ja, Anleger gäbe es nur dort, wo Besserverdienende leben – oder leben werden."