DIE ZEIT: Frau Özdemir, Sie sind kurdischer Abstammung, Herr Güven ist türkischer Abstammung, wenn Sie sich beide heute in Nordsyrien begegnen würden, würden Sie dann aufeinander schießen?

Cansu Özdemir: Das würde wahrscheinlich davon abhängen, ob wir beide Teil einer Partei wären, die in diesem Konflikt beteiligt ist. Aber wir haben uns ja entschieden, hier zu sitzen und das Streitgespräch zu führen.

Bülent Güven: Ich bin Pazifist, ich würde auf niemanden schießen.

Özdemir: Ich sehe mich als einen Teil der kurdischen Bevölkerung, als ein Teil einer betroffenen Gruppe, bei der die Gefahr besteht, dass sie gerade ethnisch gesäubert wird.

Güven: Ethnische Säuberung? Den Begriff lehne ich ab. Was die türkische Armee betreibt, ist kein Krieg gegen die Kurden an sich, sondern ein Krieg gegen eine Terrororganisation, die auch in der Türkei mehrere Male Attentate verübt, auch jetzt im Zuge der Militäroperationen, und Stadtteile mit Raketen angegriffen hat, wodurch sehr viele Zivilisten umgekommen sind.

Özedmir: Von Nordsyrien gehen überhaupt keine Angriffe auf die Türkei aus. Erdoğans Krieg richtet sich gegen die Zivilbevölkerung.

Güven: Überhaupt keine Angriffe?! Da kann ich Ihnen nur vehement widersprechen ...

ZEIT: Sie werden sich da nicht einig werden ...

Güven: Mag sein. Aber was ich schon sagen möchte, ist, dass Deutschland sich jetzt sehr widersprüchlich verhält. Erst sagt Außenminister Heiko Maas im Morgenmagazin, dass der Einsatz der Türkei völkerrechtswidrig ist, und am Abend sagt die Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer, dass Deutschland in derselben Region bei der Errichtung einer Sicherheitszone mitmachen sollte.

Özdemir: Es geht ja der Türkei überhaupt nicht darum, sich dort selbst zu verteidigen oder einen gewissen Schutz zu gewährleisten. Es geht ihr darum, die dortige Bevölkerung, die aus vielen ethnischen und religiösen Gruppen besteht, zu vertreiben und islamistische Strukturen zu etablieren.

ZEIT: Was halten Sie, Frau Özdemir, denn von dem Vorschlag von Frau Kramp-Karrenbauer? Der würde ja auch einen besseren Schutz für die Kurden bedeuten.

Özdemir: Die Haltung der Bundesregierung ist widersprüchlich. Ich wünsche mir, dass eine Schutzgarantie der Vereinten Nationen zustande kommt.

ZEIT: Wenn Sie beide auf den Grundkonflikt schauen, den zwischen den Kurden und der Türkei, worauf können Sie sich beide, die hier in Deutschland leben, eigentlich einigen?

Güven: Präsident Erdoğan hat in seiner Regierungszeit sehr viele Rechte für die Kurden eingeführt, in der türkischen Regierung sitzen Kurden, der türkische Geheimdienstchef ist Kurde, der türkische Außenminister ist Kurde, der türkische Gesundheitsminister ist Kurde, es gibt innerhalb der Regierungspartei ...

Özdemir: ... das sind doch alles Menschen, die damals vertrieben wurden aus ihren Dörfern, weil sie zerstört wurden.

Güven: Aber die werden alles, sie werden Ärzte, Politiker, Bürgermeister.

Özdemir: Solange sie sich an die Regeln der AKP halten, kommen sie an diese Positionen.

ZEIT: Wir merken schon, Sie können sich auch hier nicht einigen. Herr Güven, können Sie verstehen, dass aus deutscher Sicht eine gewisse Skepsis herrscht, wenn in der Türkei Leute als Terroristen kritisiert werden, die einfach nur Kritiker der Regierungspartei AKP sind?

Güven: Wir müssen auch ein bisschen Empathie mit der Türkei haben. Die Türkei ist vor drei Jahren mit einem Militärputsch konfrontiert worden, sie ist mit Terrororganisationen konfrontiert, die ihre territoriale Sicherheit infrage stellen.

Özdemir: Wir wissen, dass der türkische Geheimdienst hier in Deutschland aktiv ist, dass Oppositionelle hier verfolgt werden. Es hat sich auch oft gezeigt, dass türkische Bürgerinnen und Bürger den türkischen Sicherheitsbehörden melden, wenn sich Oppositionelle hier in den sozialen Medien kritisch gegenüber über die AKP äußern. Die Konsequenzen daraus erlebe ich immer wieder. Ich werde manchmal nachts angerufen von Leuten, die sagen, so, ich werde hier gerade am Istanbuler Flughafen festgehalten, und ich werde gleich vor ein Gericht gestellt, was soll ich denn jetzt tun?