DIE ZEIT: Herr Lutz, es ist Montag. Hatten Sie heute früh schon Ihren Adrenalin-Kick?

Richard Lutz: Nur beim Kaffeetrinken.

ZEIT: Wie das? Morgens bekommen Sie doch eine SMS mit der aktuellen Unpünktlichkeit der Bahn.

Lutz: Am Wochenende waren wir gar nicht so schlecht. Wir kämpfen jeden Tag um jede Minute. In den ersten neun Monaten waren wir pünktlicher als im Vorjahr.

ZEIT: Das ist relativ. Sind Sie nach drei Jahren an der Bahn-Spitze etwa schon abgestumpft?

Lutz: Nein, ich leide wie alle Mitarbeiter, wenn Züge unpünktlich sind. Aber wenn ich von Berlin nach Frankfurt fahre und zehn Minuten Verspätung habe, geht für mich die Welt nicht unter.

ZEIT: Verkehrsminister Andreas Scheuer reicht es. Er forderte gerade per Brandbrief ein schlüssiges Strategiekonzept der Bahn bis Mitte November. Was antworten Sie?

Lutz: Wenn wir auf die Fakten schauen – und die Pünktlichkeit ist nur ein Thema von vielen –, ist die Bahn besser geworden gegenüber dem Vorjahr. Nur ein Beispiel: Wir haben bis Ende September fast 20.000 neue Mitarbeiter eingestellt und damit fast schon unser Jahresziel erreicht.

ZEIT: So wie Sie reden, waren Sie völlig von den Socken, als der Brief kam.

Lutz: Der Inhalt war mir nicht neu. Ich war erst vergangene Woche zum Jour fixe bei Herrn Scheuer. Es gibt keinen Dissens zwischen Bund, Verkehrsministerium und uns.

Jeder weiß: Die Bahn wird nicht von heute auf morgen rundum besser, dafür braucht es Jahre.
Richard Lutz, Vorstandschef der Deutschen Bahn

ZEIT: Der Minister schreibt, es dürfe kein "Weiter so" geben. Lässt Sie sein Ultimatum kalt?

Lutz: Ein "Weiter so" gibt es schon lange nicht mehr. Wir investieren massiv in die Schiene, damit sie leisten kann, was sie für Kunden und Klima leisten soll.

ZEIT: Brauchen Sie dafür ein Ultimatum?

Lutz: Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht. Jeder weiß: Die Bahn wird nicht von heute auf morgen rundum besser, dafür braucht es Jahre. Entscheidend ist, dass wir Schritt für Schritt besser werden. Und die Fakten zeigen, dass wir Fortschritte machen.

ZEIT: Sind Sie Weihnachten noch Bahn-Chef?

Lutz: Ich verschwende meine Zeit nicht mit solchen Gedanken. Mir hat dieser Job noch nie so viel Spaß gemacht wie heute. Ich habe gerade mein 25-jähriges Bahn-Jubiläum gefeiert, und ich erlebe Historisches: Die Politik hat die Eisenbahn nach vielen Jahrzehnten wiederentdeckt. Als Schlüssel für Klimapolitik und Mobilitätswende.

ZEIT: Haben Sie sich schon bei Greta bedankt?

Lutz: Schon vor Greta haben wir auf Ökostrom gesetzt. Grün gehört zur DNA der Bahn.

ZEIT: Aber "Fridays for Future" hat die Politik wachgerüttelt.

Lutz: Wir sind dankbar, dass der Klimaschutz in den Mittelpunkt der politischen Diskussion rückt. Ohne Verkehrswende keine Klimawende. Die Beschlüsse des Klimakabinetts sind ein starkes Signal für eine starke Schiene!

ZEIT: Bisher konnte sich noch jeder Bahn-Chef damit herausreden, dass der Bund zu wenig Geld gibt. Nun bekommen Sie 20 Milliarden Euro zusätzlich für Schienen- und Brückensanierungen in den nächsten Jahren. Was bedeutet das?

Lutz: Ich habe immer gesagt: Eine bessere Bahn gibt es nicht zum Nulltarif. Wir können jetzt endlich anfangen, die Verkehrsverlagerung auf die Schiene zu organisieren. Die Infrastruktur ist dabei der Schlüssel für Wachstum, Betriebsqualität und Pünktlichkeit. Dafür müssen wir uns natürlich mehr anstrengen. Und für die Umsetzung brauchen wir nicht nur neue digitale Technik, sondern auch mehr Mitarbeiter, beispielsweise Ingenieure.