Am Montagabend vor dem Hauptsitz der Credit Suisse in Zürich. Ein paar ältere Damen sitzen auf Stühlen, Studentinnen hocken auf dem Boden, vor sich violette Frauenstreik-Plakate. Es war ein überschaubares, aber nicht übersehbares Grüppchen, das mit seiner #Feierabend-Mini-Demo zeigen wollte: Die Frauenbewegung darf nicht ruhen. Schon gar nicht nach dieser historischen Wahl.

Am 2. Dezember werden 84 Frauen ihre Arbeit im Nationalrat aufnehmen. Das sind 42 Prozent aller Ratsmitglieder. So hoch war der Frauenanteil noch nie in der großen Parlamentskammer. Während die Schweiz jahrelang wegen ihrer lausigen Frauenpräsenz in Bundesbern in den internationalen Gender-Ranglisten auf den hinteren Plätzen landete, rangiert sie nun unter den Top-15-Nationen – noch vor Deutschland. Trotzdem stellt sich die Frage: Hat die feministische Bewegung in der Schweiz genügend Schwung, um auch weiterhin Hunderttausende zu mobilisieren? Und dringt ihre Botschaft auch noch in vier, acht, zwölf Jahren durch die dicken Bundeshaus-Mauern?

Denn der unerwartete Frauensieg hat einige Schönheitsfehler. Ja, die Frauen sind einigermaßen adäquat im Nationalrat vertreten. Aber nur wegen des linken Lagers. Während die Grünen und die SP über 60 Prozent Nationalrätinnen nach Bern schicken, sind es bei der FDP lediglich 34 Prozent, bei der CVP ist es nicht einmal ein Drittel und bei der SVP nur ein Viertel. Überspitzt formuliert heißt das: Bald politisieren linke Frauen gegen bürgerliche Männer.

So war die Forderung nach mehr Frauen in der Politik aber nicht gemeint. Kurzfristig mag das okay sein, wenn die Linke die fehlenden bürgerlichen Frauen überkompensiert. Längerfristig führt das zu Konflikten. Mit den linken Männern. Deutlich wurde das schon am Sonntag, zum Beispiel im Kanton Bern. Die SP tritt jeweils mit zwei Listen an: einer Männer- und einer Frauenliste. Heuer erhielten die Männer viel weniger Stimmen, die beiden Gewerkschafter Corrado Pardini und Adrian Wüthrich wurden abgewählt. "Der Niedergang der linken Männer" titelte die Berner Zeitung.

Und die Wahlen sind noch nicht vorbei. In vielen Kantonen werden die Ständeratssitze in einem zweiten Wahlgang vergeben. Rechnet man die kleine Kammer mit, wird aus dem feministischen Erfolg plötzlich ein Erfölgli. Die Kampagnen-Organisation Helvetia ruft! rechnet damit, dass zu den bereits gewonnenen fünf Frauen im Stöckli noch sechs hinzukommen. Das wären dann 24 Prozent und gleich viele wie vor 16 Jahren. Ein Grund zum Jubeln ist das nicht.

Auch in der Politik gibt es eine gläserne Decke. Im Gerangel um die wichtigsten Posten, dazu gehören ein Partei- oder Fraktionspräsidium, ein Regierungsrats- oder eben auch ein Ständeratsmandat, schwingen nach wie vor viel häufiger die Männer obenaus.

"Es geht für uns Frauen immer zwei Schritte vor und einen zurück", sagt Anita Fetz. Die ehemalige SP-Ständerätin aus Basel, die heuer nicht mehr zu den Wahlen antrat, war schon 1991 beim Frauenstreik dabei. Sie weiß: Feminismus kommt und geht. Gerade in der reichen Schweiz: "Es geht uns Frauen zu gut, der Leidensdruck ist zu gering, deshalb dauert das hier alles so lange."

Also, wie weiter? Dranne bliibe, dranne bliibe! Im nächsten Jahr stehen in zahlreichen Kantonen weitere Wahlen an: in St. Gallen, Schaffhausen und im Aargau, im Thurgau und Jura, sowie in Uri und Schwyz. Die Frauen hinter Helvetia ruft! werden die 960 kantonalen Parteisektionen weiterhin genau beobachten, auf dass sie genügend Frauen auf ihren Listen portieren. Eine Fleißarbeit, aber eine wichtige. Schließlich sind diese angehenden Lokalpolitikerinnen die National- und Ständerätinnen von morgen.

Allein, wählen muss die Frauen schließlich das Volk. Und da würde es nur schon helfen, wenn all die demonstrierenden, protestierenden, streikenden Frauen an die Urnen gingen. Die Wahlbeteiligung lag dieses Mal bei lediglich 45 Prozent. Erfahrungsgemäß sind darunter mehr Männer als Frauen. Da geht noch mehr.