Das unsichtbare Drittel – Seite 1

Es ist ein Traum nicht nur von Kindern, der in Mythen und Geschichten immer wieder erzählt wird: unsichtbar zu sein. Was man dann alles anstellen könnte! Sich vorteilhaftes Wissen verschaffen, in Räume gelangen, die sonst verschlossen blieben, von verbotenen Früchten naschen. In der Wirklichkeit ist unsichtbar zu sein aber vor allem eins: ein Albtraum. Wie leidvoll es ist, von anderen Menschen behandelt zu werden, als wäre man Luft, nicht vorzukommen im Leben der anderen und in der Gesellschaft, auch davon erzählen viele Geschichten. Es ist ein peinigendes Gefühl, das Kräfte freisetzt, im Positiven wie im Negativen.

Die lange Historie der Emanzipationsbewegungen ist die Geschichte von Männern und Frauen, die aus dem Schatten ins Bühnenlicht des Geschehens getreten sind und sich gesellschaftliche Teilhabe erfochten haben. Daneben steht die destruktive Variante, die Rache der Übersehenen. Die Geschichte wimmelt nur so von verkrachten Existenzen, die vom Rand der Gesellschaft ins Zentrum drängen und Schrecken verbreiten, bis hin zu den Attentätern von heute, die sich nach einer perversen Logik – "Ihr habt mich nicht gesehen, aber ich sehe euch, und jetzt seid ihr dran" – kurze Momente der Aufmerksamkeit verschaffen.

Aber auch jenseits dieser Extreme gilt: Unsichtbarkeit wirkt auf eine Gesellschaft destabilisierend. Erst recht in einer Demokratie – sie lebt ja davon, dass jede Stimme zählt. Umso brisanter ist die Studie Die andere deutsche Teilung der Initiative More in Common, die den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Deutschland erforscht hat und der ZEIT exklusiv vorab vorlag. Die Wissenschaftler kommen zu dem Ergebnis, dass 30 Prozent der Menschen in Deutschland "eine große Distanz zum politischen System und ihren Mitmenschen" empfinden. Sie seien deshalb "auf politisch-gesellschaftlicher Ebene kaum sichtbar". More in Common nennt diese Gruppe das "unsichtbare Drittel". Wer dazu zählt, fühle sich weder von der Politik der Parteien noch von zivilgesellschaftlichen Bewegungen angesprochen. "Sichtbar" sind demnach nur zwei Drittel der Gesellschaft.

Die Zweidrittelgesellschaft: Das ist ein altes politisches Schlagwort, es geistert seit den Achtzigerjahren durch die Soziologie. Geprägt hat es der SPD-Politiker Peter Glotz angesichts der damaligen Furcht, dass technische Entwicklungen die Arbeit eines Drittels der Bürger entbehrlich machen und kulturelle Entwicklungen dieses Drittel auch in anderen Bereichen des Lebens abhängen könnten. Doch laut der Studie von More in Common besteht das unsichtbare Drittel nicht nur aus Abgehängten. Auch ein großer Teil der jungen Menschen mit mittlerem sozialen Status und sicherem Job gehört dazu.

Das Münchner Meinungsforschungsinstitut Kantar Public, das die Studie durchgeführt hat, erhob nicht nur harte Daten wie Einkommen, Alter, Bildungsgrad, sondern versuchte vor allem, die Werte der Menschen zu ergründen. Die Meinungsforscher haben 4001 repräsentativ ausgewählte Personen in Deutschland dazu befragt, wie sie den gesellschaftlichen Zusammenhalt bewerten, ob sie sich sozial eingebunden fühlen, was sie von der Zukunft und der Politik erwarten.

Es kristallisierten sich sechs Gruppen heraus, die ähnlich groß sind: die Offenen (16 Prozent), denen Selbstentfaltung, Weltbürgertum und kritisches Denken wichtig sind; die Involvierten (17 Prozent), die über viel Bürgersinn verfügen; die Etablierten (17 Prozent), die zufrieden sind mit dem Erreichten; die Pragmatischen (16 Prozent), die sich auf ihr persönliches Vorankommen konzentrieren; die Enttäuschten (14 Prozent), die das Gefühl haben, zu kurz zu kommen, und die Wütenden (19 Prozent), die ein fundamentales Misstrauen gegenüber dem System hegen.

Dreiteilung der Gesellschaft

Die Segmentierung offenbart verschiedene gesellschaftliche Rollen.

© ZEIT ONLINE

Das unsichtbare Drittel setzt sich aus den Pragmatischen und den Enttäuschten zusammen. Verglichen mit den anderen Gruppen, fühlen sie sich mit weitem Abstand am häufigsten einsam; oft wissen sie nicht, wohin sie gehören. Zu den Pragmatischen zählen überdurchschnittlich viele Menschen mit Migrationshintergrund. Beide Gruppen sind politisch desorientiert, sie tun sich schwer damit, sich in das gängige Rechts-links-Schema einzuordnen. Und es gehören viele junge Menschen dazu, von den 18- bis 39-Jährigen sind es 44 Prozent, das unsichtbare Drittel umfasst also einen wichtigen Teil der Zukunft Deutschlands.

Vielleicht wird das unsichtbare Drittel sogar einmal ausschlaggebend sein für fundamentale Richtungsentscheidungen, und zwar gerade weil es politisch desorientiert ist. Denn umso mehr Potenzial bietet es den Parteien für einen Stimmenzuwachs: Die Hälfte der Nichtwähler findet sich im unsichtbaren Drittel. Und auch die Affinität zur AfD ist unter den Enttäuschten und Pragmatischen hoch, höher ist sie nur unter den Wütenden.

Drohen amerikanische Verhältnisse?

Beides kann sich ändern – nur weist gerade nichts auf eine positive Entwicklung hin. Laut der More-in-Common-Studie sind 70 Prozent der Menschen in Deutschland der Meinung, dass sich das Land in die falsche Richtung bewege. Nur jeder Zweite ist zufrieden damit, wie die deutsche Demokratie funktioniert. Dass sich in den vergangenen fünf Jahren die gesellschaftliche Lage verschlechtert habe, glaubt mehr als die Hälfte. Und nur fünf Prozent rechnen mit Besserung in den kommenden Jahren.

Dieser düstere Blick nach vorn könnte darauf hindeuten, dass dem gesellschaftlichen Zusammenhalt in Deutschland schwere Zeiten bevorstehen. Zwar sind 70 Prozent der Befragten davon überzeugt, dass es wichtig wäre, eine gemeinsame Grundlage zu finden. Aber eine Mehrheit glaubt nicht, dass dies gelingen könne angesichts der Unterschiede zwischen den Parteien, den Weltanschauungen und den Lebensweisen in diesem Land. Drohen also amerikanische Verhältnisse? Unüberbrückbare Spaltungen?

Die More-in-Common-Studie legt diesen Schluss nahe – belegen kann sie ihn nicht. Schon deshalb nicht, weil es sich bei der Befragung um eine Momentaufnahme handelt. Um eine Tendenz aus den Zahlen herauszulesen, bräuchte es Vergleichsdaten aus früheren Jahren, die aber gibt es nicht. Das sei ein generelles Problem vieler Befragungsstudien, sagt die Frankfurter Soziologin Nicole Deitelhoff: "Aus weichen Umfragekriterien werden relativ harte Schlussfolgerungen gezogen." Deitelhoff ist gerade dabei, mit anderen ein Institut aufzubauen, das den gesellschaftlichen Zusammenhalt systematischer untersuchen soll, gefördert wird es vom Bundesministerium für Bildung und Forschung. Es wird Soziologen, Politikwissenschaftler, Historikerinnen, Juristinnen, Medienwissenschaftler und Geografinnen aus Instituten, die quer über die Republik verteilt sind, zusammenbringen. Ein Schwerpunkt soll die Datenerhebung bilden, um gezielt Lücken bisheriger Studien schließen und diese besser vergleichen zu können. Startschuss ist Mitte 2020.

Bis dahin kann man sich ein Stück weit mit der Sozialphilosophie behelfen. Der Philosoph Axel Honneth, bis 2018 Direktor des Instituts für Sozialforschung in Frankfurt, hat schon 1994 das gesellschaftliche Auseinanderdriften beschrieben und nach einer Lösung gesucht. Die Bürger pluraler Gesellschaften, schrieb er damals, bedürften "einer sozialen Wertschätzung, wie sie nur auf der Basis gemeinsam geteilter Zielsetzungen erfolgen kann". Im Innersten zusammen hält die Gesellschaft demnach also nicht Tradition, die als gemeinsamer Besitz definiert wäre, sondern das, was gemeinsam erreicht werden soll. Kurz gesagt: Für den gesellschaftlichen Zusammenhalt ist Zukunft wichtiger als Herkunft.

Mit diesem Gedanken im Hinterkopf lassen sich zwei schockierende Zahlen aus der More-in-Common-Studie in Beziehung zueinander setzen, die auf den ersten Blick nicht viel miteinander zu tun haben: Nur 24 Prozent der Befragten glauben, die Politik gehe "derzeit die wichtigen Themen in Deutschland entschieden" an – und 60 Prozent befürworten, einen Schlussstrich unter die Verbrechen der deutschen Vergangenheit zu ziehen, statt sich damit kritisch auseinanderzusetzen. Offenbar müssen die Schulen und die Politiker noch besser vermitteln, wie wichtig gerade das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte für unser Selbstverständnis sein sollte. – Und vielleicht fällt gerade diese kritische Beschäftigung mit der Vergangenheit den Bürgern leichter, wenn sie das Gefühl haben, dass die Herausforderungen der Zukunft angepackt werden.

Vor allem beim Thema Gerechtigkeit sehen die Bürger laut der More-in-Common-Studie Handlungsbedarf. 72 Prozent beschäftigt das Thema häufig, das sind deutlich mehr als etwa bei der Migration (59 Prozent). Am stärksten wird das unsichtbare Drittel von Gerechtigkeitsfragen umgetrieben. Faire Löhne, bezahlbarer Wohnraum, eine höhere Besteuerung von Spitzenverdienern: Das wäre die Agenda des unsichtbaren Drittels, wenn es eine hätte.

Vielleicht entwickelt sich diese ja noch. Sobald etwa die Politik beginnt, das unsichtbare Drittel zur Kenntnis zu nehmen – aus eigenem Interesse, weil eine Demokratie es sich nicht leisten kann, 30 Prozent der Bürger außen vor zu lassen, schon gar nicht, wenn weitere 19 Prozent bereits wüten. Sollten die Unsichtbaren – Pflegekräfte, Supermarkt-Kassierer, Handyladenbesitzer – dann beginnen, aus dem Schatten zu treten, könnten sie die lange Geschichte der Emanzipationsbewegung fortschreiben, indem sie dafür sorgen, dass sich die Demokratie in Deutschland sozial vertieft.

Quellen

  • Die aktuelle Studie von More in Common zum Download: www.dieandereteilung.de
  • Peter Glotz (1984): Die Arbeit der Zuspitzung
  • Axel Honneth (1994): Kampf um Anerkennung