© Lisa Tegtmeier

Entscheidung

1. Welche Erwartungen haben Eltern?

DIE ZEIT: Frau Jonkmann, viele Eltern begleiten die Schullaufbahn ihrer Kinder intensiv. Ist dieser Ehrgeiz hilfreich oder eher hinderlich für den Nachwuchs?

Kathrin Jonkmann: Prinzipiell sind hohe elterliche Erwartungen eine gute Sache, wie wir aus der Forschung wissen. Sie beeinflussen die Leistungsentwicklung, aber auch das Wohlbefinden von Schülerinnen und Schülern. Das Kind nimmt wahr, dass ihm etwas zugetraut wird. Damit wächst die innere Überzeugung, Dinge aus eigener Kraft zu schaffen. Studien zeigen, dass hohe elterliche Erwartungen mit einer höheren Lernmotivation einhergehen. Das alles hat positive Folgen für den Bildungserfolg während und nach der Schulzeit.

ZEIT: Warum sind viele Eltern heute so stark involviert?

Jonkmann: Dadurch, dass ein großer Teil eines Jahrgangs mittlerweile Abitur macht, ist ein Druck entstanden. Eltern wissen, dass sie wichtig sind für die Bildungskarrieren ihrer Kinder. Das kann man in jedem Erziehungsratgeber lesen. Da will man natürlich nichts unversucht lassen. Die Angst vor dem sozialen Abstieg spielt bei bildungsnahen Eltern ebenfalls eine Rolle.

ZEIT: Früher wurde häufig erwartet, dass Kinder beruflich in die Fußstapfen ihrer Eltern treten. Heute scheint alles offener. Lenken Eltern ihre Kinder, bewusst oder unbewusst, trotzdem in bestimmte Richtungen?

Jonkmann: Nach wie vor haben Eltern sehr großen Einfluss auf die Berufswünsche der Kinder. Denn mit welchem Beruf hat ein Kind am meisten Kontakt? Mit dem der Eltern! Und wenn die Eltern zufrieden mit ihrem Job sind und zudem eine gewisse Infrastruktur vorhanden ist – sei es der Malerbetrieb oder die Anwaltskanzlei der Eltern –, liegt es nahe, dass Kinder dort ebenfalls Erfolgschancen für sich sehen. Zudem können Kinder nur Interesse für Dinge entwickeln, die ihnen aufgezeigt und vorgestellt werden. Und das liegt zu einem großen Teil in der Hand der Eltern.

ZEIT: Sollten Eltern auch nach dem Abi bei der Zukunftsplanung mitreden?

Jonkmann: Engagierte Eltern werden derzeit in den Medien oft durch den Kakao gezogen. Aber am Leben des Kindes teilzunehmen und es zu unterstützen, daran ist nichts falsch, auch nach Schulabschluss und Volljährigkeit nicht. Man sollte die Kinder allerdings nicht bevormunden, kontrollieren oder sonst wie in ihrer Autonomie einschränken. Auch wenn Eltern dazu neigen, die Schuld für Misserfolge immer bei anderen zu suchen, bei angeblich unfähigen Lehrern zum Beispiel, wirkt sich das negativ aus.

ZEIT: Inwiefern?

Jonkmann: Bei diesen Kindern zeigt sich später im Studium, dass sie weniger hartnäckig sind, weniger an sich glauben. Trotzdem ist es mir wichtig, zu betonen, dass elterliches Engagement grundsätzlich gut ist!

Kathrin Jonkmann ist Professorin für Bildungspsychologie an der Fernuniversität in Hagen

Planung

2. Wie viel zeitlicher Vorlauf muss eingeplant werden?

Ein Jahr vor den Abiturprüfungen sollten Eltern und Kinder spätestens damit beginnen, sich über die Zukunftsplanung auszutauschen, empfehlen Studienberater.

Wer direkt nach dem Abi an einem Auslandsprogramm teilnehmen will, muss sich schon im Sommer davor bewerben. Gleiches gilt für duale Studiengänge und viele Ausbildungsplätze. Für ein Freiwilliges Soziales Jahr sollte man mit einem Vorlauf von drei bis sechs Monaten rechnen. Die Bewerbungsfrist für zulassungsbeschränkte Studiengänge, die im Wintersemester beginnen, endet kurz nach der Abiturzeugnisverleihung im Juli.

3. Wie fragt man, ohne zu nerven: Hast du dir schon Gedanken gemacht?

"Über das Thema Zukunft rede ich mit meiner Tochter nicht erst seit der zwölften Klasse, sondern seit vielen Jahren. Erste Ideen, was sie vielleicht beruflich machen möchte, hat sie mittlerweile. Aber der Weg dorthin ist noch nicht klar – auch, weil die Zeit nach dem Abi weit weg erscheint. Die Gedanken kreisen derzeit vor allem um Klausuren und Prüfungsfächer. Ich frage deshalb auch nicht: Wo willst du dich wann bewerben? Mein Ansatz ist sanfter. Ich frage: Wovon träumst du? Worauf hast du Lust? Das versuche ich einzuordnen.

Manchmal erzähle ich von den erwachsenen Kindern meiner Freunde, einfach weil ich spannend finde, was die mittlerweile machen. Aber dann merke ich, dass das bei meiner Tochter so ankommt, als würde ich sagen: Schau mal, die haben alle schon einen Platz, nur du noch nicht. Das ist überhaupt nicht meine Absicht. Ich weiß, wie schwierig die Entscheidungen sind, die die Kinder jetzt fällen müssen. Wichtig ist mir, dass wir im Gespräch bleiben. Wenn für meine Tochter greifbarer geworden ist, was sie nach dem Abitur machen will, wird sie sich um das Organisatorische schon rechtzeitig kümmern. So viel Vertrauen habe ich zu ihr."

Mariam Hartinger ist Professorin für Logopädie in Berlin. Ihre Tochter wird nächstes Jahr Abitur machen