Es dürfte das längste Jubiläumsjahr seit Menschengedenken sein. Da Theodor Fontane an einem 30. Dezember das Licht der Welt erblickte, erstrecken sich die Feierlichkeiten zu seinem 200. Geburtstag über das ganze Jahr. Da kann einem zwischendurch schon einmal der Atem aus- und das Bewusstsein dafür verloren gehen, was es hier eigentlich zu feiern gibt. Um einer nachhaltigen Feierlaune aufzuhelfen, seien hier einige lose Anregungen vorgestellt, warum es sich immer noch lohnt, Fontane zu feiern. Und man kann einen Schriftsteller nicht besser feiern, als dass man seine Werke liest – oder gute Bücher über ihn. Solche Lese-Hinweise sind besonders für die Menschen wichtig, die sich für religiöse Gegenwartsfragen interessieren. Denn anders, als man vielleicht meinen würde, hat Fontane gerade zum Christentum manches geschrieben, das heute noch des Nachdenkens wert ist.

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Künstlerjubiläen werden nicht zuletzt auf dem Buchmarkt gefeiert. Aber es ist keineswegs selbstverständlich, dass ein Jubeljahr eine wirklich interessante Biografie mit neuen Perspektiven auf ein altes Werk hervorbringt. Zu oft wird Allzubekanntes nur aufgehübscht und wiedervermarktet. Doch zum Fontane-Jahr ist zumindest ein faszinierendes, spannendes und innovatives Buch erschienen – ein regelrechter "page-turner", wie die Engländer Bücher nennen, die man nicht aus der Hand legen kann, bis man sie durchgelesen hat.

In Fontane. Ein Jahrhundert in Bewegung stellt Iwan-Michelangelo D’Aprile seinen Helden mitten in die politischen, technischen, sozialen, medialen und kulturellen Umbrüche seiner Zeit. Wer Fontane bisher für einen gütig abgeklärten, mild ironischen Repräsentanten eines vermeintlich guten alten Preußen gehalten haben mag, wird auf das Aufregendste eines Besseren belehrt. D’Apriles Fontane ist eine hochmoderne Gestalt: ein Mann mit sehr vielen Eigenschaften, oft widersprüchlich, nie eindeutig zuzuordnen, nicht selten zwiespältig, immer im Dazwischen. Zwischen dem Alten und dem Neuen, dem Progressiven und dem Konservativen suchte er seinen Weg – als Einzelperson, Ehemann und Familienvater, als Berufsschreiber, der mühsam einen unsicheren Lebensunterhalt zu verdienen versucht und doch seiner Bestimmung als Schriftsteller folgen möchte, als politischer Mensch, der instinktiv Abstand zum herrschenden Establishment sucht, sich aber keiner alternativen Fortschrittspartei verschreiben mag. Als ein Mensch im Widerspruch dürfte Fontane für heutige Leser besonders anziehend sein. Denn hier zeigt sich ein Autor, der nicht Bescheid weiß, keine Richtung weist, der unauflösbare Ratlosigkeiten mit Humor und weiser Resignation zu nehmen weiß und so seine Leser anregt, einen ehrlichen Blick auf eigene Lebensspannungen zu werfen.

Ein Mann im Widerspruch war Fontane auch in religiöser Hinsicht. Das zeigt D’Aprile besonders eindrucksvoll, wenn er über dessen Arbeit bei der äußerst reaktionären Kreuzzeitung berichtet – ein unrühmliches Kapitel, das von 1851 bis 1870 reichte und das Fontane am liebsten wohl verheimlicht hätte. Dieses Organ der kaiserlichen Partei bot, wie D’Aprile schreibt, eine "abstoßende Mischung aus reaktionärer Frömmigkeit und denunziatorischem Schmuddeljournalismus" (man fühlt sich an die kulturkämpferische Empörungspublizistik der Gegenwart erinnert) oder wie ein Zeitzeuge formulierte: "Sie kennen alle diese Zeitung, welche ein heiliges und ehrwürdiges Zeichen an ihrer Stirn trägt und in ihren Spalten, wie aus hohen Kirchenfenstern, dem Volke Buße predigt, während unten, im Kellergeschoss dieser politischen Kirche, böse Buben angestellt sind, um die Vorübergehenden gelegentlich mit Kot und Steinen zu bewerfen." Hier lernte Fontane auf das Intimste einen politischen Protestantismus von oben und von rechts kennen, den er von Herzen verabscheuen musste. Zugleich aber konnte er sich keiner kirchlichen oder theologischen Fortschrittspartei anschließen. Dabei war er nicht ohne eigene religiöse Fragen und Überzeugungen. Nur worin bestanden sie und wie äußerte er sie?

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Fontane war zum Glück kein Theologe und kein Prediger, sondern ein Erzähler. Will man sich ein Bild von seinem eigenen Glauben oder Unglauben machen, empfiehlt es sich, die Pastorengestalten in seinen Büchern zu betrachten. Da sind zunächst die vielen Landgeistlichen, die er in seinen Wanderungen durch die Mark Brandenburg vorstellt. Ihr Leben und Arbeiten ist mühsam. Aber sie stehen mitten im Leben ihrer Gemeinden. Der Blick der Landpastoren umgreift das ganze Leben, nichts Menschliches ist ihnen fremd, zu Angehörigen aller Schichten haben sie Zugang. So können sie ihren Dienst tun, der darin besteht, Gegensätze zu versöhnen. Fontane schildert das märkische Pfarrhaus in seiner anspruchslosen, doch von Kunstsinn und Bildung erfüllten Behaglichkeit und setzt es in einen schroffen Gegensatz zur verbissenen und politisierten Pastorenschaft der Residenz.

Aber er sah, dass die Zeit der alten Pastoren, die für alle da waren, an ein Ende gekommen war. Umso wichtiger war ihm, dass sie für das Gedächtnis ihrer Dörfer einstanden. Mit großem Respekt, aber auch feinem Sinn für Humor stellt er deshalb in seinen Wanderungen wieder und wieder Tagebücher und Chroniken von Dorfpastoren vor, in denen er Vorbilder seiner eigenen Erzähllust erkennt.

Mit dem wirtschaftlichen und politischen Niedergang des Adels verlor auch die Landgeistlichkeit ihr Fundament. Ein gefährlicher Prozess der Vereinnahmung begann, und der Pastor wurde zum Interessenvertreter seines Patrons. Mit antimodernistischer Wut und unevangelischem Dogmatismus – wie Fontane es leider von der "Kreuzzeitung" kannte – stemmte er sich gegen die gesellschaftlichen Veränderungen, die die Stellung seines Herrn gefährdeten. In Briefen hat Fontane oft über die "schweifwedelnden Pfaffen" geschimpft, "die uns diese Mischung von Unverstand und brutalem Egoismus als 'Ordnung Gottes' aufreden wollen".

Vor diesem düsteren Hintergrund gestaltete Fontane einige pastorale Licht- und Gegengestalten. Diese stattete er mit einer eigentümlichen Widerständigkeit aus. Sie gewinnen ihre Glaubwürdigkeit dadurch, dass sie sich nicht zum Werkzeug der Herrschenden machen lassen. Gegenüber Obrigkeit, Konvention und Kirchenamt bewahren sie sich eine evangelische Freiheit. Einer von ihnen ist Pfarrer Lorenzen aus dem Stechlin. Er hat das Glück, im alten Dubslav von Stechlin noch einen weitherzigen Patron alter Prägung zu besitzen, der "seinen" Pfarrer weitgehend gewähren lässt. Lorenzen nutzt diese Freiheit für ein intensives soziales Engagement und eine undogmatische Verkündigung. Er versucht, die frühere Weite des märkischen Landpfarrers durch den Einsatz für die unteren Schichten wiederzugewinnen, und nähert sich deshalb – unerhört! – der Sozialdemokratie an. Sein "Ritt ins Bebelsche" ist Ausdruck eines Christentums, das die Nächstenliebe unter den Bedingungen moderner Sozialpolitik zu üben versucht.

Ganz anders sein Vorgesetzter, Superintendent Koseleger: karrieresüchtig, gierig nach Anerkennung durch die Obrigkeit, ständig bemüht, sich bei den Herrschenden beliebt zu machen. Er hält an der Schale, der alten Ordnung, fest und bekämpft alle, die dem Kern des Christlichen eine neue Gestalt geben wollen. Wer von beiden ist nun konservativ-bewahrend, wer politisch-engagiert? Im Grunde ist es doch Lorenzen, der vermeintlich linke Pfarrer, der die verlorene Unabhängigkeit seines Amts wiedergewinnt, indem er nicht zum kirchlichen Parteipolitiker wird, sondern er selbst bleibt und für alle da ist.