Beim Michaelsempfang der katholischen Deutschen Bischofskonferenz am 16. Oktober dieses Jahres in Berlin umarmten sie sich noch herzlich: Pfarrer Emmanuel Sfiatkos, Archimandrid des Ökumenischen Patriarchats der Griechisch-Orthodoxen Metropolie, und sein russisch-orthodoxer Amtsbruder Bischof Tichon boten ein einträchtiges Bild.

Ihrer beider Blicke verdüsterten sich jedoch, als Gastgeber Reinhard Kardinal Marx in seiner Festrede eindringlich das "Momentum der Geschichte" beschwor. Dieses gelte es unbedingt zu ergreifen, wenn man von der Historie nicht abgehängt werden wolle. Als 1517 Martin Luther seine Thesen in Wittenberg verbreitete, so Marx, habe die katholische Kirche den Augenblick versäumt, Reformvorschläge zu übernehmen, und dadurch die tragische Spaltung, die bis heute nicht überwunden ist, zu verhindern.

Größer könnte der Affront für die russische Kirche nicht sein.

Wiederholt sich Geschichte? Drei Tage nach diesem Empfang hat die griechisch-orthodoxe Kirche offiziell das autochthone ukrainische Patriarchat in Kiew anerkannt, das sich nach der völkerrechtswidrigen Annexion der Krim bildete. Moskau verweigert dieser neuen ukrainischen Gründung jede Aufnahme in die Liturgie – und drohte damit dem Ökumenischen Patriarchat. Bisher halten sich zwölf Landeskirchen unter der Fuchtel Moskaus noch daran. Die Griechen sind die einzigen, die ausscheren. Der Athener Bischof Hieronymos II. kommemorierte trotzig den Namen des ukrainischen Kirchenoberhauptes Metropolit Epiphanius in Thessaloniki bei einem gemeinsamen Gottesdienst mit dem Ökumenischen Patriarchen in Konstantinopel, Bartholomaios I. Damit wurde er als anbetungswürdig gesetzt und in die griechische Orthodoxie integriert.

Größer könnte für die russische Kirche der Affront nicht sein. Nachdem sie bereits im Oktober 2018 den Bruch mit Konstantinopel eingeleitet hatte, hoffte sie, dass Konstantinopel die letzte Konsequenz nicht wagen würde. Doch Bartholomaios I. vollzog den radikalen Schritt und somit den harten Schnitt. Der Moskauer Patriarch Kyrill I. wurde nun von seinem Leitungsgremium, dem Heiligen Synod, ermächtigt, mit Hieronymus nicht mehr gemeinsam zu zelebrieren. Hieronymos scheint das nicht zu beeindrucken. Er freut sich auf den Besuch des Kiewer Metropoliten Epiphanius in Griechenland. Seine Landsleute werden ihre Arme für das ukrainische Volk öffnen, betonte er. Tatsächlich hat die große Mehrheit der griechischen Bischöfe bei einer Vollversammlung in Athen nun den Weg für eine Anerkennung der neuen ukrainischen Kirche bereitet. Offenbar hatten sie ein Gefühl für das Momentum. Fragt sich nur, für welches?

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