Peter Dausend ist Politischer Korrespondent im Hauptstadtbüro der ZEIT © Unbekannt

Zu grüblerisch, zu wenig emotional, zu verschroben – ein feiner Mensch, der zwar hohe Fachkompetenz besitzt, mit seinem Hang zur Melancholie aber nicht ins Herz des Ruhrpotts passt, nicht zu dem Herzschmerz-Verein Borussia Dortmund, nicht an einen Ort, an dem der ewig zähnefletschende Gefühlsmacho Jürgen Klopp als Held gilt. Ein Fußballlehrer, mit dem man vieles werden kann – aber garantiert nicht deutscher Meister. Wie auch, wenn man seine Spieler höflich siezt, anstatt sie regelmäßig zusammenzufalten.

So in etwa lautet das, was Lucien Favre, der Trainer des BVB, über sich wieder mal lesen darf. Jetzt, da die Meisterschaft weiter entfernt ist als von den BVB-Oberen geplant. Der Fußball, so scheint es, ist der einzige gesellschaftliche Bereich, in dem man sich gelegentlich noch benehmen muss wie der Chefprimat einer Pavianhorde, um als Autorität zu gelten. Das ist Teil des ihm immanenten Männlichkeitswahns. Diesen Wahn macht Favre nicht mit – dafür muss man ihn mögen.

Favre ist anders als alle anderen. Der Bauernsohn aus St. Barthélemy, einem 700-Einwohner-Ort in der französischen Schweiz, wäre niemals – anders als die BVB-Ikone Kloppo – von den immer wichtiger werdenden Selbstvermarktungsgeboten des Profifußballs dazu verführbar, sich Haare in seine Geheimratsecken transplantieren und seine Zähne weißen zu lassen. Dem 61-Jährigen geht es nicht um die Optimierung seiner selbst, sondern um die seiner Spieler.

Favre ist ein Großmeister des kleinsten Details. Nicht platt auf den Füßen stehen, sondern auf dem Vorfuß Habachtstellung einnehmen, um schneller in den Sprint zu kommen. Als Stürmer in höchstem Tempo auf die Füße des Verteidigers achten, um an der richtigen Seite vorbeizudribbeln. Als Verteidiger nicht mit geballten Fäusten, sondern mit gespreizten Fingern in die Zweikämpfe gehen – das erhöht die Konzentration. Mit einer Vielzahl solcher Kleinigkeiten hat Favre zahlreiche junge Spieler besser und aus dem gestrauchelten BVB wieder einen Spitzenclub gemacht.

Dass man bei einem Traditionsverein wie Dortmund die Gewichte des Gestern stets in Richtung Zukunft schleppen muss, hat Favre gewusst, als er den Job annahm. Unterschätzt hat er womöglich, dass sie umso schwerer wiegen, je mehr Hoffnungen er und seine Mannschaft wecken.

Kann sein, dass sich der BVB vom Fußballflüsterer Favre bald trennt. Ein Trost wird ihm bleiben: Favre hat Größeres erreicht als eine Meisterschaft. Im Milliarden-Business Profifußball hat er sich seine Menschlichkeit bewahrt.