In unserer Interview-Reihe befragen wir Menschen, die vor Kurzem in die Schweiz gezogen sind, nach ihrem Blick auf das Land. Aura Xilonen, 23, ist eine von 3000 Mexikanerinnen und Mexikanern in der Schweiz. Sie ist in Mexiko-Stadt aufgewachsen und studierte in Puebla Filmwissenschaften. Heute arbeitet sie als Writer in Residence des Literaturhauses in Zürich.

DIE ZEIT: Frau Xilonen, Sie wohnen seit ein paar Monaten in Zürich. Wie fühlt sich das an?

Aura Xilonen: Es ist surreal. In Mexiko werden täglich Menschen ermordet, entführt, vergewaltigt. Man hat Angst, nachts auf die Straße zu gehen. Und dann kommt man hierher an diesen Ort, an dem alles zu sauber und so organisiert ist. Klar gibt es hier auch Schatten, klar führt nicht jeder ein glückliches Leben. Aber es ist schon ganz, ganz anders.

ZEIT: Was heißt das?

Xilonen: Mir ist nach ein paar Tagen ein enormer Druck von den Schultern abgefallen: die ganze Angst, die ganze Unsicherheit, die mich zu Hause begleiten. In Mexiko drehst du dich alle zwei Minuten um, weil jemand hinter dir stehen könnte. Hier fühlt man die Freiheit.

ZEIT: Fühlt sich das künstlich an?

Xilonen: Nein, viel natürlicher. So sollte das Leben doch sein!

ZEIT: Wie muss man sich das Leben in Mexiko-Stadt denn vorstellen?

Xilonen: Man kann sich auf gar niemanden verlassen. Es gibt keine Guten und Schlechten, es gibt kein Links und Rechts. Es gibt nur ein Oben und ein Unten. Unten ist das Volk, das sind 90 Prozent der Bevölkerung. Da drüber ist die Mafia, die Regierung, die Korruption. Ein riesiges Spinnennetz, das alles beherrscht. Es gibt keine Robin Hoods in meinem Mexiko.

ZEIT: Ihr Buch Gringo Champ handelt von einem mexikanischen Jungen, der illegal in die USA einwandert und sich dort durchschlägt. Trotz der Schwere des Themas ist das Buch voller Humor.

Xilonen: Natürlich! Das ist enorm wichtig. Was haben wir denn sonst? In dem Buch geht es um Hoffnung. Um die Hoffnung für das Volk. Und es geht nicht mal um mexikanische Emigranten, das ist ja ein weltweites Problem. Ich spreche ja von Kindern, die flüchten, weil sie in ihrem Heimatland keine Voraussetzungen mehr zum Leben haben.

ZEIT: Der Protagonist Liborio entdeckt, wie Literatur als Lebenshelfer funktioniert.

Xilonen: Ich glaube tatsächlich, dass Literatur uns allen helfen kann. Literatur ist wie ein Fenster in viele neue Universen. Fenster, die jedem offenstehen. Du erfährst Sachen, du erlebst Dinge, von denen du nicht mal wusstest, dass sie existieren.

ZEIT: Ihr Buch beeindruckt durch seine Sprache.

Xilonen: Wir haben als Jugendliche angefangen, eine Art Geheimsprache zu entwickeln. Uns war es wichtig, dass wir unsere mexikanischen Eigenheiten leben konnten. Im normalen Spanisch gehen ja alle regionalen Färbungen verloren. Man weiß nicht mehr, ob jemand aus Mexiko, Peru oder Chile kommt. Das wollten wir ändern – und das ist nun in das Buch eingeflossen. Außerdem spiegelt die Sprache die Persönlichkeit von Liborio wider. Er ist Boxer, und er boxt sich durchs Leben, überwindet die Grenze in die USA, überwindet alle Schwierigkeiten. So, wie er Schläge austeilt, teilt er auch Wörter und Sätze aus. Radikal, direkt, ungefiltert. Im Laufe des Romans entdeckt er die Literatur für sich, und so wandelt sich auch seine Sprache.

ZEIT: Sie studierten in der Millionenstadt Puebla Filmwissenschaften, schrieben nebenbei Drehbücher und Kurzgeschichten. Dann gewannen Sie einen Romanwettbewerb, schrieben ein Buch, hatten Erfolg – und sind nun in Zürich gelandet.

Xilonen: Ja, verkürzt war es so. Als ich die Ausschreibung für den Wettbewerb sah, habe ich das Manuskript in drei Wochen komplett umgeschrieben. Ein paar Wochen später kam der Bescheid: gewonnen! Das Buch war wie ein Katapult, raus aus meiner kleinen Welt.

ZEIT: Sind Sie reich geworden?

Xilonen: Keine Spur. Ich wohne immer noch bei meiner Mutter und studiere. Klar, ich hab mir ein paar Sachen leisten können, einen neuen Laptop und eine Fotokamera mit ein paar Objektiven. Alles gut.