Auf dem alten Foto schmiegt sich ein kleines Mädchen an seine Mutter. Große, traurige Augen. Sie sieht eingeschüchtert aus. Wer war sie, und was dachte sie? Das kann niemand mehr sagen. Geblieben sind ein paar vergilbte Bilder, versehen mit ihrem Spitznamen, unter dem sie beim Publikum bekannt war – Petite Capeline, die "kleine Kapbewohnerin". Und der Totenschein. Eine Lungenentzündung hat sie umgebracht. Das etwa zweijährige Mädchen, sagt Pierre Blanchard, starb in den Armen seiner Mutter, unter den Augen der gaffenden Menge. "Nicht als echtes Kind, sondern als Mitglied einer minderwertigen Art." Ein kaputtes Ausstellungsstück in einem Gehege im Pariser Jardin d’Acclimatation.

Petite Capeline war Mitglied einer elfköpfigen Gruppe von Feuerländern, wahrscheinlich Wassernomaden von den Hermite-Inseln, am Südzipfel Chiles gelegen, die durch europäische Metropolen tourten, wo sie Schwindsucht, Masern und Lungenentzündungen bekamen. Wahrscheinlich überlebten nur zwei aus der Gruppe die Tortur.

Der studierte Historiker Blanchard hat zusammen mit Kollegen des Pariser Recherchekollektivs Achac einen Film über Petite Capeline und andere derart vorgeführte Menschen gemacht – Die Wilden in den Menschenzoos.Das Werk ist verstörend für Hamburger Zuschauer. Denn Petite Capeline tourte in Völkerschauen auch als Attraktion des Stellinger Tierparkgründers Carl Hagenbeck durch die Zoos des Kontinents.

Man schreibt das Jahr 1881. In der Vergnügungsindustrie herrscht Goldgräberstimmung: In London waren schon "Eskimos" und "Buschmänner" zu sehen. In den Vereinigten Staaten touren "Fidschi-Kannibalen" und die Indianershow von Buffalo Bill. Die neuen Völkerschauen machen Männer reich. Der international gut vernetzte Tierhändler-Sohn Hagenbeck ist ganz vorn mit dabei. Hagenbeck hatte 1874 den Handel von seinem Vater übernommen, am Neuen Pferdemarkt "Hagenbeck’s Thierpark" gegründet – und zeigte schon ein Jahr später dort die ersten Fremden. Sechs "Lappländer" mit Kindern und Rentieren.

Der Erfolg ist enorm. Hagenbecks Freund und Biograf Heinrich Leutemann erinnert sich an "ein noch nie gewesenes Gedränge". Die Hamburger können gar nicht genug davon bekommen, sich anzusehen, wie die Fremden ihre Rentiere mit Wurfschlingen einfangen und an Schlitten spannen. Hagenbeck, der auch Mitglied in der Gesellschaft für Anthropologie ist, sucht sofort nach neuen "Völkern". Sein dezidierter Wunsch: Gruppen mit Kindern. Von da an gibt es neue Spektakel im Jahrestakt.

Auch Petite Capelines Gruppe ist so ein Großereignis: "Das Publikum ist ganz vernarrt in die Feuerländer", schreibt Hagenbeck in einem Brief. 500.000 Besucher zählt er in Paris, in Berlin freut er sich über eine Million. In Blanchards Film heißt es, man habe sie in Viehwaggons von einer Spielstätte zur nächsten reisen lassen. Es gibt dort weitere schwere Vorwürfe an das Unternehmen, das seinen bis heute andauernden Erfolg mit den Völkerschauen begründete. Die Menschen aus der Ferne hätten ihre Tage wie Tiere in einem verschlossenen Gehege verbringen müssen. Die Besucher hätten sie mit Steinen beworfen, um ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Und zu Beginn ihrer Reise habe Hagenbeck sie bei einem Chilenen "bestellt", der habe ein paar Männer engagiert, die sie geraubt und auf ein Schiff nach Europa gezwungen hätten. Eingepfercht und angeschrien, hätten sie nicht gewusst, wohin die Reise ging.

Es gibt eine Frau, die sich über diese Aussagen wundert. Hilke Thode-Arora leitet im Münchner Museum Fünf Kontinente die Ozeanien-Abteilung. Wenn man mit Ethnologen über Völkerschauen spricht, fällt immer wieder ihr Name. Ihre besondere Verbindung zu Hagenbeck ist der Nachlass von Johan Adrian Jacobsen, auf den sie während ihrer Magisterarbeit in den 1980er-Jahren im Hamburger Völkerkundemuseum stieß: Kisten voll mit Tagebüchern, Verträgen und Briefen. Damals konnte sie ihn als Erste gründlich sichten.

Der Norweger Jacobsen lernt Hagenbeck 1877 kennen. "Er sucht nach reisewilligen Menschen", sagt Thode-Arora. "Vor allem besondere Talente, Reiter, Kajakfahrer, Speerwerfer. Außerdem kaufte er Alltagsgegenstände, auch für die Show. Sobald er eine Truppe beisammen und die Formalien für die Ausreise erledigt hatte, fuhr er mit ihr nach Europa." Jacobsens Aufzeichnungen führen hinter die Kulissen der Hagenbeck-Schauen. Oft bleibt er, als Garant der getroffenen Vereinbarungen, während der Tournee bei der Truppe. Jacobsen erfüllt Menü-Wünsche, hilft, die Wohnhäuser passend auszustatten. Er richtet die künstlichen Dörfer ein, in denen sie ihr Kunsthandwerk zeigen oder landestypische Gerichte kochen. Verunfallte oder Fiebernde bringt er in Krankenhäuser. Einmal, als bei einer Frau Wehen einsetzen, springt er als Hebamme ein.