Vier Jahre lang hat Carsten Rentzing versucht, möglichst unpolitisch zu wirken. Doch je mehr sich der sächsische Bischof auf seine Rolle als Seelsorger berief, als zwar konservativer, aber doch unparteiischer Vermittler zwischen den Lagern, desto lauter wurde die Forderung nach einer klareren Positionierung von links und desto dreister die Vereinnahmung von rechts. Seine Weigerung, das Bischofsamt auch politisch zu füllen, führte zur größten politischen Krise der sächsischen Landeskirche. Rentzing war angetreten, seine Kirche zu einen, jetzt hinterlässt er sie – nach Bekanntwerden rechtsradikaler Texte aus seiner Studienzeit – zerstritten wie nie. Rentzings Fall belegt, dass Kirche nicht ohne Politik zu machen ist.

Kurz vor seinem Rücktritt, nach dem rechtsterroristischen Anschlag auf die Synagoge in Halle, da ist der Bischof noch einmal ungewohnt deutlich geworden: "Jetzt erst recht ist es unser aller Aufgabe, sich jedem antisemitischen Denken und Handeln deutlich entgegenzustellen und die Gefahren des Rechtsextremismus klar beim Namen zu benennen. Dazu dürfen wir nicht schweigen", ließ Rentzing am 10. Oktober verlautbaren. Doch die Parteinahme kam zu spät. Tags darauf sollte der Bischof eingeholt werden von Texten, die er vor 30 Jahren in einer Publikation mit dem Titel "Fragmente" veröffentlicht hat. Seine Kirchenleitung stufte die Beiträge als "elitär, in Teilen nationalistisch und demokratiefeindlich" ein. Mit anderen Worten: rechtsradikal bis rechtsextrem. Mit der Veröffentlichung dieser Texte kann Rentzings Politik der Zurückhaltung nicht mehr als unpolitisch gelten. Aus seinem Schweigen ist ein Verschweigen geworden. Rentzing traf seine wohl bischöflichste Entscheidung bisher: Er gab darauf sein Amt preis, noch bevor es richtig unangenehm wurde, um seiner Kirche nicht noch mehr Schaden zuzufügen. Am Reformationstag endet seine Amtszeit nach vier statt der vorgesehenen zwölf Jahre.

Anstatt sich jetzt aber endlich unmissverständlich gegenüber rechtsaußen zu distanzieren, theologisiert Rentzing auch noch seine politische Vergangenheit: "Mich von allem zu distanzieren, was in meinem früheren Leben dem Geist des Evangeliums vom Frieden, der Versöhnung und der Liebe Gottes zu allen Menschen widersprach, fällt mir leicht, da ich dies bereits vor über 25 Jahren gegenüber meinem Beichtvater getan habe", schreibt er in seiner Erklärung. Wie soll so Frieden einkehren? Wie das Misstrauen ihm gegenüber abnehmen? Wieder weist er eine politische Instrumentalisierung seiner Person "von links und vor allem rechts" von sich. Dabei fand draußen schon eine AfD-nahe Mahnwache für den Bischof statt, während die Kirchenleitung drinnen noch über seinen Rücktritt zu debattieren hatte. In Blogs und via Twitter rufen ihn zweifelhafte Unterstützer bereits als Mobbingopfer einer vermeintlich links-versifften EKD aus. Das linke Lager, das den Bischof über Monate unter Druck gesetzt hatte, ist derweil noch etwas perplex ob des unverhofften Sieges.

Zu Recht fühlen sich jetzt auch Rentzings moderate Verteidiger betrogen. Sie sahen in ihm, dem Konservativen, zumindest die Chance, die Frommen im Vogtland und Erzgebirge weiterhin in der Landeskirche zu halten. Nicht nur sie melden nun Zweifel an, ob seine mangelnde Distanz nach rechts nicht doch insgeheim Nähe war, die er nur aus politischem Kalkül nicht allzu sehr zu erkennen geben wollte. Seine Stellungnahmen und Predigten der letzten vier Jahre sind nicht zu vergleichen mit den Texten, die er vor 30 Jahren als Redakteur der Zeitschrift "Fragmente" veröffentlicht hat, und doch klingt nun jeder noch so moderate Satz berechnend und verlogen. Nichts davon ist noch glaubwürdig, solange Rentzing seine Abkehr vom Rechtsextremen nicht auch inhaltlich belegt.

Immer wenn der Bischof sein Amtsverständnis und damit die Aufgabe seiner Kirche beschreiben wollte, erzählte er eine Geschichte: Als er noch Pfarrer im vogtländischen Markneukirchen war, habe es zwei Gruppen in seiner Gemeinde gegeben. Die eine habe nach Dresden aufbrechen wollen, um Pegida zu unterstützen, die andere habe zur Gegendemonstration fahren wollen. Rentzing überredete beide, stattdessen zu einem gemeinsamen Bibelabend im Gemeindehaus zu bleiben. Am Ende – so erzählte der Bischof nie ohne einen gewissen Stolz im Gesicht – sei keine der beiden Gruppen nach Dresden gefahren.

Wer miteinander redet, wollte der Bischof sagen, findet gemeinsam eine Lösung. Wenn sich rechts und links nur versammeln, in Gottes Namen, kehrt Frieden ein. Doch hat der Bischof mit dieser Anekdote, die er nicht müde wurde zu erzählen, nur sein politisches Unvermögen zum Ausdruck gebracht – und darüber hinaus mit seiner Amtsführung von der Wahl bis zum Rücktritt gezeigt, dass diese Art der Politikverweigerung, der völligen Verkennung gesellschaftlichen Kräftemessens, am Ende alle in den Graben hineinreißt, der sie trennt. Wo schon die These die Grundlagen der Gesellschaft und des Zusammenlebens infrage stellt, ergibt keine noch so kluge Gegenrede Gutes. Da hilft alles Reden nichts.