Es könnte sich anbieten, die Filme von Céline Sciamma, in denen es tatsächlich nur um Frauen, ihre Erfahrungen und Körper geht, als feministisch zu bezeichnen. So richtig passt der Begriff aber nicht. Es schwingt etwas Programmatisches in ihm mit, und was die Handschrift der Regisseurin auszeichnet, ist eher das Gegenteil: eine immense physische und materiale Sinnlichkeit.

Genauso könnte es sich anbieten, das kontinuierliche Verschwinden von Männerrollen aus den Drehbüchern der 40-jährigen Französin als Kommentar zur Männerdominanz im Filmgeschäft zu deuten. In ihren Coming-of-Age-Filmen Water Lilies (2007), Tomboy (2011) und Mädchenbande (2014) tauchten Männer noch als Schwimmlehrer, Väter oder Jungs auf. Im neuen Werk Porträt einer jungen Frau in Flammen fehlen sie ganz, sieht man vom Miniauftritt eines Dieners ab. Er nimmt gerade mal 70 Sekunden ein. Nur lässt sich die betörende, emphatisch erschaffene Schönheit dieses Films schwerlich auf ein Statement eindampfen. Wenn der Männermangel einen Schluss erlaubt, dann eher den, dass Céline Sciamma den Bildern und Zeichen eines weiblichen Kinos immer größeren Raum verschafft. Zieht man die 70 Sekunden ab, gehören die restlichen 121 Leinwandminuten der schroffen Küstenlandschaft einer bretonischen Insel, den düster verschatteten Innenräumen eines Schlosses, den Lichtkegeln von Kerzen und Kaminfeuern, den expressiven Komplementärfarben Rot und Grün der Kleider zweier junger Frauen. Den beiden Heldinnen vor allem gehört dieser Film. Sie sind in nahezu jeder Szene präsent; allein oder im Dialog der Worte und noch mehr dem der Blicke. Die Begierde, die aus ihren Blicken hervorgeht, können sie lange selbst nicht verstehen, weil es keine Norm, keinen Maßstab für sie gibt. Es ist das Jahr 1770. Die Französische Revolution lässt noch einen Wimpernschlag auf sich warten.

Im Versuchslabor der Liebe

Im Versuchslabor der Liebe und der Kunst aber ist sie bereits erglüht. Ihr Funke fliegt schon durch die Luft. Mühelos ließe sich Porträt einer jungen Frau in Flammen als Phänomenologie des Feuers beschreiben. Es brennt als Kerzenlicht, als Scheiterhaufen eines nächtlichen Walpurgisnacht-Rituals, bei dem der Saum des grünen Kleides in Flammen aufgeht. Und auch wenn die zahlreichen Kaminfeuer nicht im Bild sind, ist das Knistern und Knacken ihrer lodernden Holzscheite auf der Tonspur zu hören. Die Malerin Marianne (Noémie Merlant) hat in jeder Situation Zündhölzer griffbereit. Zum einen, weil sie verwegen genug ist, Pfeife zu rauchen. Zum anderen, weil sie im symbolischen Sinn die Flamme des Aufbegehrens auf die Insel trägt, als Namensschwester der französischen Nationalfigur.

Ihre Ankunft nach einer Schiffsfahrt über den stürmischen Atlantik erinnert an Jane Campions Film Das Piano (1993), der genauso, mit einem durch Ozeanwellen schaukelnden Boot und dem Transport einer voluminösen Holzkiste, beginnt. Die Klavierspielerin Ada bringt darin ihr Piano nach Neuseeland. In Mariannes Holzkiste befindet sich ebenfalls das Werkzeug ihrer Kunst, es sind Leinwände und Pinsel.

Eine verwitwete Gräfin hat sie beauftragt, ein Porträtgemälde ihrer Tochter Héloïse (Adèle Haenel) anzufertigen. Es soll einem Mailänder Aristokraten seine künftige Verlobte präsentieren. Eigentlich war die ältere Schwester für diese Ehe vorgesehen. Sie kam auf mysteriöse Weise zu Tode, als Ersatz hat die Mutter Héloïse aus der Klosterschule geholt. Aber die Tochter sträubt sich, gegen das Verkuppelt- und gegen das Gemaltwerden. Ein Maler ist bereits gescheitert, nun versucht es Marianne mit einem Trick: Auf Wunsch der Mutter präsentiert sie sich Héloïse als Begleiterin für deren Spaziergänge, studiert sie heimlich und arbeitet nachts aus dem Gedächtnis an dem Porträt.