Maryam Zaree, Schauspielerin, Filmemacherin und Theaterautorin – drei Ausrufezeichen –, besitzt keinen Fernseher. Zum Filmihreslebensgucken schlägt sie die Berliner Pension Funk in Ku’damm-Nähe vor, einstmals die Wohnung des Stummfilm-Superstars Asta Nielsen. Am verabredeten Tag erscheint Zaree, schwarze Lederjacke und schwarze Jeans, Fighterstyle, pünktlich in den schönen, angenehm ältlich im Stil der Zwanzigerjahre eingerichteten Räumen. Sie kenne das Hotel, sagt Zaree, weil in die Wohnung darunter kürzlich ein guter Freund gezogen sei, und da habe sie – sie stutzt plötzlich. "Moment ... Ist das nicht ...?" Sie läuft kopfschüttelnd durch die langen Flure des Hotels. "Wie verrückt!", ruft sie. Vor vielen Jahren hat sie genau hier ihren Abschlussfilm gedreht. Sie studierte noch Schauspiel an der Potsdamer Hochschule für Film und Fernsehen. Das war wohl auch einer der Filme ihres Lebens. Oder wie kommt es, dass wir ausgerechnet hier gelandet sind?

Sigmund Freud zufolge findet ein Großteil unseres Seelenlebens ja im Unbewussten statt. Was uns auf der gepflegten Rasenoberfläche unseres wachen Geistes an Gefühlen und Gedanken begegnet, ist demnach das Ergebnis eines tiefen, verworrenen Prozesses, der sich unserer Kontrolle entzieht. Die Seele; das, was wir erinnern und vergessen; was uns bewusst ist und was wir verdrängen: das ist das große Thema auch im Leben und Arbeiten von Maryam Zaree. Da passt es, dass das Unbewusste gleich zu Beginn unseres Treffens eine kleine, freundliche Grußbotschaft schickt.

Zaree, die am bekanntesten sein dürfte für ihre Rolle als Frau des Clanchefs Toni Hamady in der Hitserie4 Blocks (die letzte Staffel läuft am 7. November an), die gerade aber zum Beispiel auch im deutschen Oscar-Kandidaten Systemsprenger mitspielt und die in Anbetracht ihrer Begabung, Arbeit und Person eigentlich überhaupt nicht bekannt genug ist, hat sich schwergetan mit der Entscheidung, welchen Film sie für diesen Text auswählen sollte. Am Ende wurde es Der Partyschreck, diese legendäre, ziemlich handlungsfreie Komödie von Blake Edwards aus dem Jahr 1968. Peter Sellers zerstört als der liebenswerte indische Tollpatsch Hrundi V. Bakshi versehentlich erst die Party, dann das komplette Anwesen eines Hollywood-Studiobosses.

Peter Sellers sprengt als Komparse Hrundi V. Bakshi eine Hollywood-Party. © United Archives

Warum dieser Film? Sie wisse es gar nicht so genau, sagt sie (die Gründe, denkt Freud, sind ihr nur halb bewusst). Den Film habe sie als Kind unendlich oft gesehen. Das letzte Mal sei allerdings sehr lange her, neun Jahre alt sei sie vielleicht gewesen. "Ich glaube", sagt sie, "das war mit der Familie." Sie erinnere sich kaum noch an die Handlung. "Ich weiß bloß, dass wir uns alle totgelacht haben." Kindheitserinnerungs-Film, alles klar. Zumindest an der Oberfläche.

Maryam Zaree kam 1983 in einem Gefängnis in Teheran zur Welt. Zarees Eltern waren junge iranische Revolutionäre, die nach dem Sturz des Schah-Regimes ins Visier der an die Macht gekommenen Mullahs gerieten und so im mörderischen Gefängnis Evin landeten. Zarees Mutter war da schon mit Maryam schwanger. Als Maryam zwei Jahre alt ist, kommt die Mutter vor dem Vater frei und flieht nach Deutschland. Am Heiligen Abend 1985 stehen Mutter und Tochter frierend vor dem Frankfurter Hauptbahnhof, auf der Suche nach einem Dach über dem Kopf. Sie hoffen auf ein neues Leben.

Zaree erzählt von alledem in ihrem Debüt als Filmemacherin, der Dokumentation Born in Evin, die zurzeit im Kino läuft und ihr Preise und höchstes Kritikerlob eingebracht hat. Viele, viele Jahre nach der Ankunft in Frankfurt, der seitens der Mutter eine geglückte akademische Karriere, seitens Maryam ein freies, neugieriges Aufwachsen am Main folgte, versucht Zaree, das Schweigen der Mutter über die Zeit im Gefängnis zu brechen (oder zu verstehen). Was geschah, bevor wir nach Deutschland kamen? Ihre Mutter will darüber nicht sprechen.

Die Mutter, Nargess Eskandari-Grünberg, ist inzwischen promovierte Psychotherapeutin, außerdem sitzt sie für die Grünen im Frankfurter Magistrat. Als Maryam den Film dreht, kandidiert die Mutter gerade für das Bürgermeisteramt der Stadt. Der zweite Mann der Mutter ist der Psychoanalytiker Kurt Grünberg, Kind von Holocaust-Überlebenden und Experte für Traumatisierungen, die Generationen überdauern. Die Zaree-Eskandari-Grünbergs: eine deutsche Schwergewichts-Familie, wie sie von den Gaulands und Höckes nicht ansatzweise vorgesehen ist. Eine Familie, in der die superdeutsche Frage nach der Erinnerung und dem Vergessen und Verdrängen in verschiedensten Formen eine gewaltige Rolle spielt.

So. Und nun sitzt Maryam Zaree also in einem Hotelzimmer im Westen von Berlin und guckt als Film ihres Lebens ausgerechnet diesen Klamauk: Der Partyschreck. Es gibt kein Sofa, wir setzen uns einfach aufs Bett, Schuhe aus, Laptop ans Fußende, es ist ganz gemütlich.