"Im traurigen Monat November war’s/ Die Tage wurden trüber/ Der Wind riss von den Bäumen das Laub". So beginnt einer der schönsten Verse der Weltliteratur, Heinrich Heines Deutschland. Ein Wintermärchen. Das ist auch die Zeit, in der die Christen ihrer Toten gedenken: die Katholiken an Allerseelen, die Protestanten am Totensonntag – und der Volkstrauertag als staatlicher Gedenktag.

Aber Trauerarbeit lässt sich nicht in ein Kalendarium pressen. Wer den Verlust eines nahestehenden Menschen verkraften muss, braucht Zeit. Ganz besonders die Kinder. Sie trauern anders. Die Johanniter-Unfall-Hilfe hat "Lacrima" ins Leben gerufen, eine spendenfinanzierte Trauerbegleitung für Kinder und Jugendliche. Es gibt diese Initiative inzwischen in immer mehr Städten.

Die Kleinen malen ihren Trauerkloß, der immer heller wird.

In Frankfurt am Main leitet die Pädagogin und ausgebildete Kindertrauerbegleiterin Melanie Hinze gemeinsam mit ihrer Kollegin Daphne Peter die Gruppe. Dem Evangelischen Pressedienst gegenüber erklärte sie: "Die Kinder kommen in der Regel zwei bis zweieinhalb Jahre lang zu uns. Diese Zeit brauchen die Kinder auch." Ein Jahr für die akute Trauer, ein weiteres für die Einübung neuer Rituale, die über den Verlust hinweghelfen.

Besonders an den emotional hoch aufgeladenen Feiertagen wie Ostern, Weihnachten oder an Familienfesten wird der Verlust besonders schmerzlich erfahren. Melanie Hinze berichtet von einer Familie, die nach dem Tod des Vaters dessen ersten postumen Geburtstag am Grab feiern wollte. Zusammen backten die Hinterbliebenen Papas Lieblingskuchen. "Weil der Vater jedoch den Teig immer am liebsten roh gegessen hat, haben wir ihnen gesagt, sie sollen zwei Teige machen." Aus dem einen backten sie einen Kuchen, den anderen vergruben sie in der Erde des Grabes. "Für die Kinder hatte der Vater so teil an seinem Geburtstag."

Die alten festen Rituale weiterzuführen bietet Sicherheit. In seinem Leitfaden zur Begleitung trauernder Kinder, der über das Netz der Diakonie zu beziehen ist, erläutert der Psychologe Oliver Junker den für Erwachsene oft verstörenden Stimmungswechsel der Kinder: "Tiefe Traurigkeit schlägt plötzlich in fröhliches Spiel um. Das ist aber eine sehr gesunde Reaktion. So nehmen sich die Kinder zeitweise aus Situationen heraus, die sie sehr belasten." Und er macht deutlich, wie wichtig es ist, dass sie ihren emotionalen Stress abbauen können, durch Toben auf dem Spielplatz oder durch kreative Tätigkeiten wie Malen oder Basteln.

Trauernde Hinterbliebene im Kinder- und Jugendalter zu stillem Gedenken am Grab zu zwingen wäre falsch. In der "Lacrima"-Gruppe malen die Kleinen ihren Trauerkloß, der in der fortgeschrittenen Trauerphase immer heller wird. Sie stellen einen Briefkasten an den Grabstein, über den die Kinder mit ihren Verstorbenen kommunizieren. Das Sprichwort "Schweigen wie ein Grab" hat sich überlebt.

Haben Sie von einer ungewöhnlichen Idee in Ihrer Gemeinde gehört? Bitte schreiben Sie an redaktion@christundwelt.de.