Als Sigurd Rink den "Wald der Erinnerung" bei Potsdam betritt, erzählt er gerade von seinen letzten Tagen, er sei pilgern gewesen auf dem Jakobsweg, gemeinsam mit Bundeswehrsoldaten. Er lerne, sagt er, sehr viel aus den Gesprächen mit Soldaten. Über Verantwortung, über Schuld, über die Ungewissheiten im Einsatz. Zu den Gewissheiten eines jeden Krieges zählen seine Opfer. 111 Bundeswehrsoldaten sind seit 1993 in Auslandseinsätzen zu Tode gekommen. Ihrer wird im "Wald der Erinnerung" gedacht. An Gedenkstelen hängen die Namen der Toten. An einzelnen Bäumen auch persönliche Erinnerungen der Angehörigen. Ein Wald wie eine Mahnung.

Sigurd Rink hat in diesem Jahr ein Buch veröffentlicht. Es trägt den Titel: "Können Kriege gerecht sein?" (Ullstein Verlag, Berlin 2019). Es war als Provokation für die kirchliche Welt gemeint. Ein Christ, der Kriege als legitime Mittel ansieht, um Frieden in die Welt zu bringen? Ganz so einfach ist es nicht. Im November beginnt die Synode der EKD mit dem Titel "Auf dem Weg zu einer Kirche der Gerechtigkeit und des Friedens". Deutschland diskutiert einen Bundeswehreinsatz in Syrien. Es ist Zeit, über Krieg zu sprechen.

Frage: Herr Bischof, Sie sind seit fünf Jahren im Amt des evangelischen Militärbischofs. Ist Ihnen die Bundeswehr noch manchmal fremd?

SigurdRink: Ich habe bestimmt zwei Jahre gebraucht, um mich richtig in der Kultur der Bundeswehr einzufinden. Und mich daran zu gewöhnen, ständig von uniformierten Menschen umgeben zu sein. Hinter mir liegen 25 Jahre landeskirchliche Arbeit, das ist eine völlig andere Arbeit, eine völlig andere Institution.

Frage: Wie war Ihr Bild von der Bundeswehr vor Ihrem Amtsantritt?

Rink: Neulich hatte ich vierzigjähriges Abiturtreffen, da ist mir noch mal aufgefallen, dass kaum jemand von uns nach der Schule den Wehrdienst geleistet hat. Das war Ende der Siebzigerjahre, die Zeit der Friedensbewegung. Das Militär war für uns eine fremde Welt, diese Distanz hat meine ganze Generation geprägt. Was man so von der Bundeswehr hörte, der harsche Umgangston auf dem Kasernenhof, das hat auch nicht unbedingt ermutigt, sich dafür zu interessieren.

Frage: Und später als Theologe waren Krieg und Gewalt keine Option?

Rink: Krieg war für mich ohne Ausnahme ein barbarisches Verbrechen, ein Zivilisationsbruch, er verletzte die Schöpfung Gottes.

Frage: Heute begleiten Sie Soldaten in den Krieg. Was würde der frühere Sigurd Rink vom Militärbischof Rink halten?

Rink: Ich müsste mir sehr viel Kritik anhören, keine Frage. Der Großteil meiner Familie ist bis heute fundamentalpazifistisch geprägt. Das bekomme ich bei jedem Familientreffen zu hören. Eine Cousine sagte mal zu mir: "Lieber Sigurd, es gibt kein richtiges Leben im falschen." Wer sich auf das Militär einlässt, gehört zu den Bösen, sollte das heißen. Wer so denkt, versteht Militärseelsorge als moralische Zurüstung. Dieser Meinung bin ich nicht. Nicht mehr. Soldaten sind auch Menschen, sie brauchen Beistand.

Frage: Ist es eine Gefahr dieses Amtes, dass Sie militärische Entscheidungen durch Ihre bloße Anwesenheit kirchlich legitimieren?

Rink: Ich bin nicht dazu da, Einsätze zu rechtfertigen. Militärseelsorge hat den Auftrag, das Gewissen der Soldaten zu schärfen. Soldaten zu ermutigen, nicht nur willenlose Befehlsempfänger zu sein.

Frage: Ein hehres Ziel in einer Institution, die von Befehl und Gehorsam lebt.

Rink: Die Befehlskette ist enorm wichtig, sie dient der Handlungsfähigkeit im Ernstfall. Unter Gefahr muss es einfach funktionieren. Aber wir haben keinen Kadavergehorsam mehr, wie man es aus dem Zweiten Weltkrieg kennt. Der einzelne Soldat muss sein Tun immer an sein eigenes Gewissen rückbinden. Innere Führung nennt die Bundeswehr das. An dieses Gewissen appellieren ich und die 108 evangelischen Seelsorger in der Bundeswehr. Aber es braucht natürlich Mut, in einer Befehlskette einen Vorbehalt zu äußern. Diese Spannung muss ein Soldat aushalten können.

Frage: Welche Spannung muss ein Militärbischof aushalten?

Rink: Mein Amt ist auf Spannung ausgelegt. Wenn ich Soldaten im Auslandseinsatz treffe und die mich fragen, weshalb sind wir hier, muss ich etwas antworten. So ist es mir in Kabul passiert. Dann sitzen sie mit 35 Soldaten zusammen und suchen nach der richtigen Antwort. Es wäre unredlich, zu sagen, man kann sich von dieser Frage lösen. Ich mag den Ausspruch: Zwischen den Stühlen sitze ich richtig. Aber das ist natürlich nicht bequem.