Ist das nicht ein Anlass zur Warnung? Eine Politikerin wird Chefin der Europäischen Zentralbank. Eine Frau, die keine Geldtheorien studiert hat und vehement gesellschaftliche Ziele wie ein eng verbundenes Europa oder soziale Gerechtigkeit verfolgt. Eine Ikone der Gleichberechtigung. Eine ehemalige Spitzenanwältin. Französische Finanzministerin. Chefin des Internationalen Währungsfonds.

Angesichts einer solchen obersten Zentralbankerin hätten sich noch vor 15 Jahren in der engen Gemeinschaft der Geldgelehrten die Nackenhaare aufgestellt. Ökonomen aus ihrem Kreis und gerade nicht Juristen und Politiker sollten Zentralbanken führen, unabhängig von taktischen Erwägungen und nur volkswirtschaftlichen Größen wie der Menge des Geldes oder dem Geldwert verpflichtet. Aus ihren Daten sollten sie herauslesen, wie hoch der Zins sein muss. In diesem Weltbild waren die Zentralbanken wie Kirchen und die Geldprofis ihre Hohepriester.

Nun aber hält sich die Sorge in engen Grenzen, und das nicht nur, weil die 63-jährige Französin Christine Lagarde eine kluge, aufgeschlossene und charismatische Managerin ist. Vielmehr sind die Technokraten an der Spitze in diesem Jahrzehnt selbst zu Politikern geworden. Und im Fall von Mario Draghi und seinen Unterstützern nicht einmal zu sonderlich guten. Die Mitgliedsländer des Euro entwickeln sich vielfach gerade nicht nach ihren Vorstellungen.

Wobei, man muss da einen Unterschied machen zwischen dem diese Woche abtretenden Chef der Europäischen Zentralbank und seinen Jüngern, so wie fast immer, wenn mit einem Namen eine ökonomische Kehrtwende verbunden wird.

Bei John Maynard Keynes etwa, dem führenden britischen Ökonomen der Zeit bis zum Zweiten Weltkrieg, der erst dem Geld und dann dem Staat mehr Einfluss auf die Konjunktur zuschrieb als vorher gedacht. In den 1960er-Jahren bestimmten die Keynesianer dann allerorten die Wirtschaftspolitik und versuchten die Konjunktur zu steuern – bis sie an Selbstüberschätzung litten und in den Ölkrisen ein Jahrzehnt später an der harten Realität scheiterten. Viele, die heute im Namen von Keynes reden, verlangen höhere Staatsausgaben, egal wie es der Volkswirtschaft geht. Und das, obwohl dem Meister selbst vorschwebte, dass die Staaten dem Abschwung mit neuen Schulden entgegenwirken und im Aufschwung genau diese Schulden wieder abbauen.

Kaum anders verhält es sich bei dem Amerikaner Milton Friedman, der sich nach dem Krieg gegen Keynes’ Lehre stellte und den Marktliberalismus neu begründete. Friedman fand neue Argumente dafür, dass staatliches Eingreifen schnell seine Wirkung verlieren kann. Und er stemmte sich gegen Keynes’ Überzeugung, dass die Menge des umlaufenden Geldes die Volkswirtschaft nachhaltig bewegt und Zentralbanken diese Wirtschaft immer wieder mit Geldspritzen aus Rezessionen befreien müssen. Erst seine "Follower" einschließlich des eigenen Sohnes radikalisierten die liberale Lehre, drängten den Staat überall zurück, egal ob das nun sinnvoll war oder nicht. Und sie wiesen den Zentralbankern eine gänzlich passive Rolle zu, sodass sie nur noch nach einer simplen Regel eine bestimmte Geldmenge anstreben sollten.

Mario Draghi ist kein Vordenker wie Keynes und Friedman, sondern ein hochgeachteter Praktiker von 72 Jahren. Dazu ein charmanter Professor, der gern mit Studenten diskutiert. Und das Symbol für eine neue Geldpolitik. Seine Generation hat aus der Geschichte der Wirtschaftskrisen gelernt, dass Zentralbanken nicht passiv bleiben dürfen, wenn der große Einbruch kommt. Dann stockt nämlich der Geldfluss, die Banken misstrauen sich gegenseitig, und es bedarf tatsächlich neuer liquider Mittel, damit die Wirtschaft nicht austrocknet. Bloß droht eben nicht ständig ein solcher historischer Einbruch, und wie jede steuernde Kraft in der Ökonomie stößt auch die Geldpolitik schnell an ihre Grenzen.

Was man Draghi zugutehalten muss: Das Europa des Euro ist ein einmalig schwieriger Fall. Während die USA, Geburtsland der Finanzkrise von 2008, schnell und drastisch die Folgen bekämpften, während sich Washington an den führenden US-Banken beteiligte und die Zentralbank die Zinsen massiv senkte, taten Deutschland und Europa nur das Notwendigste, um die Krise zu überstehen. Erst langsam lernten sie, dass der Euro verlangte, in schlechten Zeiten füreinander einzustehen – und dass Partner wie Griechenland, die es allein nicht schafften, sich im Gegenzug für die Hilfe auch verändern mussten.