Als Mario Draghi im Jahr 2011 zur Europäischen Zentralbank nach Frankfurt kam, grassierte das Misstrauen in Europa. Zwischen Geber- und Nehmerländern, Nord und Süd, Anlegern und staatlichen Schuldnern. Einzelnen Ländern wie Italien drohte deshalb die Insolvenz, dem Euro das Ende. Im Jahr 2012 hatte der Italiener dann seinen großen Moment. Seine Bank werde die Währung bewahren, sagte er fast beiläufig bei einem Auftritt in London – "was immer dafür nötig ist". Beruhigend fügte er hinzu, man dürfe gewiss sein: "Es wird ausreichen." Kurze Zeit später verabschiedete die Zentralbank ein Programm, um Staatsanleihen von notleidenden Mitgliedern des Euro zu kaufen, die sich einem strengen Rettungsregime unterstellten.

Das war Geldpolitik vom Feinsten, weil Draghi in Wahrheit nun gar nichts tun musste. Die Zinsen der Krisenländer wie Italien und Portugal sanken, ohne dass Draghis Bank ihr Programm je aktivieren musste. Euroland gewann Zeit, um sich zu retten, obwohl die Zentralbank keine einzige Staatsanleihe kaufte. Die Aussicht war schon genug.

Viel spricht dafür, dass der Erfolg von 2012 Mario Draghi und seine Gehilfen mit großem Selbstvertrauen erfüllte. In einer zunehmenden Anmaßung wurden sie von Rettern des Moments zu Konjunkturlenkern und sogar zu denen, die Demokratien bewahren wollten. Statt der Politik einmalig Zeit zu kaufen, damit sie stabile Verhältnisse schafft, zog man diese Aufgabe dauerhaft nach Frankfurt. Die Folge: Das, was einmal Kardinalsünden der Geldpolitik waren, wie Staatsanleihen zu kaufen und auf diese Weise die Finanzpolitik von der Disziplin des Marktes zu befreien, wurde zum "New Normal". Der Ausnahmezustand wurde zur Regel.

Zunächst ließen Draghi und Co. den Zins verschwinden. Für frisches Geld mussten Banken bald nichts mehr bezahlen, weil der Leitzins gegen null sank. Um eigenes freies Geld über Nacht bei der Zentralbank zu parken, müssen sie dagegen bezahlen, weil Draghi den ehemals positiven Einlagenzins unter null senkte und somit zu einer Einlagengebühr machte. Im Jahr 2015 schien auch das nicht mehr genug, unterstützt von vielen Kollegen gerade aus Südeuropa brach der Chef das nächste Tabu und legte ein Programm zum Kauf von Anleihen auf. Europa war damit spät dran.

Die Federal Reserve in den USA hatte ihre über fünf Jahre laufenden Käufe schon wieder beendet. Und dann passierte Draghi das Gleiche wie so vielen Mächtigen, wenn sie sich einer Strategie verschreiben: Er fand einfach kein Ende, obwohl Europa spätestens 2017 einen echten Aufschwung erlebte. Immer gab es noch eine Wahl, die den politisch gewordenen Zentralbankern Sorgen bereitete – was, wenn die Franzosen rechts außen wählen würden (taten sie nicht) oder die Italiener (taten sie)?

Auf diese Weise verpasste die Zentralbank den Ausstieg. Erst Ende 2018 kaufte sie ihre vorerst letzten Anleihen, insgesamt hatte sie da rund 2,5 Billionen Euro an Wertpapieren erworben und dadurch diese riesige Menge Geld in den Finanzmarkt gepumpt. Jetzt erlebt die Weltwirtschaft und mit ihr Europa einen Abschwung, und die Europäische Zentralbank kann nicht als Gegenmaßnahme wie gewohnt die Zinsen kräftig senken. Es gibt ja keine. Und das ist nur eines der Probleme: Unterschiedlich hohe Zinsen zeigen normalerweise an, welche Unternehmen und Staaten riskant wirtschaften und welche nicht. Doch in Draghis Geldschwemme geht diese höchst wichtige Funktion unter, sodass Zombiebanken und Zombieunternehmen, die längst pleite sein müssten, weiter Kredit erhalten.

Die größte Frage ist, wie Europa, das sich ans superbillige Geld gewöhnt hat, je wieder davon loskommt. Zum Beispiel ist das wenig dynamische Italien mit Schulden von über 130 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung davon abhängig. Deshalb fehlt auch ein Licht im Tunnel der Sparer, vor allem in Deutschland. In der stabilsten Volkswirtschaft des Euro-Raums sind die Zinsen nämlich besonders niedrig, während die Preise steigen. Da können Draghisten den deutschen Sparer zynisch vorwerfen, sie hätten mehr Aktien und Häuser kaufen sollen – sie und ihr Held tragen eine Mitschuld daran, dass eine ganze Generation ihr Geldvermögen und ihre zu erwartenden privaten Renten der Kaufkraft nach schmelzen sieht wie Eis in der Mittagssonne.

Mario Draghi selbst hat nicht mehr herausgefunden aus seinem selbstbestärkenden Denken. Das zeigte sich zuletzt deutlich. Gegen fast die Hälfte seiner Kollegen im Rat der Zentralbank setzte er durch, dass erneut jeden Monat Anleihen für 20 Milliarden Euro gekauft werden und der Einlagenzins auf das Rekordtief von minus 0,5 Prozent sinkt.