Ich lass mich lieber erschießen – Seite 1

Schnell rankten sich Gerüchte um die Tat: Konnte sie wirklich ein Einzelner verübt haben? Hat dieser Mann den Sprengsatz tatsächlich ohne jede Hilfe im Bürgerbräukeller in München in einem ausgehöhlten Pfeiler versteckt? Am 8. November 1939 war sie explodiert, um 21.20 Uhr, 13 Minuten zu spät. Adolf Hitler und die nationalsozialistische Führung hatten den Raum bereits verlassen, in dem die "Alten Kämpfer" der NSDAP wie jedes Jahr ihren misslungenen Putschversuch von 1923 feierten. Acht Menschen kamen durch die Detonation ums Leben, etliche wurden verletzt, auch eine Kellnerin war unter den Toten.

Während die nationalsozialistische Propaganda dem britischen Geheimdienst die Schuld zuschob, vermuteten deutsche Regimegegner, die Nazis selbst hätten durch die Tat provozieren und Stimmung für Hitler machen wollen, den die "Vorsehung" geschützt habe.

Doch es war so, wie Georg Elser nach seiner Festnahme an der Grenze zur Schweiz gestand: Er hat die Tat allein und in eigener Verantwortung begangen. Er, Georg Elser, ein schwäbischer Tischler, der frühzeitig erkannt hatte, dass Hitler und die nationalsozialistische Führung einen Krieg vorbereiteten.

Neben Claus Schenk Graf von Stauffenbergs Anschlag vom 20. Juli 1944 war es die einzige Tat, die das Leben des Diktators direkt gefährdete. Dennoch mussten viele Jahre vergehen, ehe Elser als Regimegegner gewürdigt wurde. Die alten Gerüchte hielten sich beharrlich, und noch in der geläufigen Bezeichnung "einfacher Tischler" schwingt Herablassung mit.

Als einziges Foto von Elser kursierte lange Zeit das Haftfoto der Gestapo – nicht der Handelnde wurde gezeigt, sondern der Häftling, dem dubiose Motive unterstellt werden konnten. Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) erwähnte Georg Elser zum ersten Mal öffentlich in einer Rede zum 20. Juli in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, das war 1984. In diesem November nun besucht Frank-Walter Steinmeier als erster Bundespräsident die 1998 eröffnete Georg-Elser-Gedenkstätte in Königsbronn, dem Heimatort Elsers.

Dessen einsame Tat bleibt bis heute eine Herausforderung: Er sah, was jeder Deutsche hätte sehen können, und zog daraus eine radikale Konsequenz, während die übergroße Mehrheit seiner Landsleute der NS-Führung widerspruchslos folgte. Wie kam es, dass er sah und sehen wollte, was andere ausblendeten? Woher nahm dieser Mann den Mut zum Tyrannenmord? 80 Jahre nach dem Anschlag in München sind die Quellen so weit erschlossen und erforscht, dass sich darauf klare und aufschlussreiche Antworten geben lassen.

So penibel, wie er arbeitet, so ausgeprägt ist Georg Elsers Gerechtigkeitssinn

Georg Elser kommt am 4. Januar 1903 im württembergischen Hermaringen zur Welt; im nahe gelegenen Königsbronn, wohin die Familie kurz darauf umzieht, wächst er in schwierigen Verhältnissen auf. Sein Vater Ludwig Elser, Jahrgang 1872, stammt aus einer Bauernfamilie und hat 18 Geschwister. Georgs Mutter, die 1879 geborene Maria Müller, ist ein uneheliches Kind und wurde von ihrer Mutter unmittelbar nach der Geburt verlassen. Bis zur Heirat mit Ludwig Elser arbeitet sie auf dem Hof ihres Vaters. Da ist der Junge, Johann Georg, bereits zehn Monate alt. Voreheliche Geburten sind damals keine Seltenheit. Vielen Paaren fehlt schlicht das Geld für die Hochzeit und die Gründung eines Haushalts.

Mitglied des kommunistischen Roten Frontkämpferbunds

Georg bekommt über die Jahre fünf Geschwister. Die Ehe seiner Eltern aber ist ausgesprochen unglücklich, Georg Elsers Jugend ist hart, oft freudlos. Er berichtet darüber 1939 im Gestapo-Verhör, das nach wie vor die wichtigste Quelle zu seinem Leben darstellt. "Mein Vater", gibt er zu Protokoll, "hat sich in der Landwirtschaft wenig betätigt, er hat zuerst Holz geführt und dann später einen eigenen Holzhandel angefangen. Die Hauptlast der Landwirtschaft lag auf meiner Mutter. Ich und meine Geschwister mußten sehr früh im Stall, auf dem Feld und im Haus mithelfen. Ich als der Älteste war auch immer die Kindsmagd für meine jüngeren Geschwister."

Ludwig Elser ist häufig krank, die Familie verarmt. Vor allem aber überschatten der Alkoholismus des Vaters und dessen Gewalttätigkeit Georg Elsers Jugend. Er selbst wird später weder rauchen noch trinken.

1910 trennt sich die Mutter kurzfristig von ihrem Mann, kehrt jedoch bald zu ihm zurück. Im selben Jahr wird Elser in Königsbronn eingeschult. Ein Klassenfoto zeigt die Armut der Schülerinnen und Schüler: Die meisten sind barfuß; Elser ist in einer der hinteren Reihen zu erkennen. 1917, im dritten Jahr des Ersten Weltkrieges, beendet er 14-jährig die Schulzeit.

Sechs Monate lang hilft er danach seinem Vater im Holzhandel und seiner Mutter in der Landwirtschaft – bis er im Herbst 1917 eine Lehre als Eisendreher im Königsbronner Hüttenwerk beginnt. Doch offenbar überfordert ihn die Arbeit gesundheitlich, sodass er die Ausbildung 1919 abbricht und Tischler lernt. Vor allem der Möbelbau macht ihm Freude. Im Frühjahr 1922 legt er in der Gewerbeschule in Heidenheim die Gesellenprüfung ab, nach eigenen Angaben als Bester.

Die folgenden Jahre sind in vieler Hinsicht prägend. Elser wird Mitglied im Holzarbeiterverband; 1928/29 tritt er dem kommunistischen Roten Frontkämpferbund bei, der paramilitärischen Organisation der KPD, offenbar ohne sich in beiden Organisationen stark zu engagieren. Er wählt nach eigener Aussage die KPD als "Arbeiterpartei". Mit Leidenschaft aber erfüllt ihn vor allem sein Beruf.

Zeitgenossen beschreiben ihn als einen sehr genau arbeitenden Tischler. Immer wieder überprüft er das Geschaffene. Als er einem Freund ein Kinderbett liefert, belässt er es nicht dabei, es aufzustellen, sondern inspiziert es noch einmal ausgiebig, ja kommt am nächsten Tag zur abermaligen Prüfung vorbei. Er empfindet Stolz auf sein Handwerk.

Anfang 1923 wechselt er zu einer Möbelfabrik in Aalen, wo er Kücheneinrichtungen und Schlafzimmermöbel fertigt. Wegen der einsetzenden Hyperinflation muss er die Stelle jedoch im Herbst 1923 aufgeben. Für eine Weile kehrt er zurück zu den Eltern.

Vermutlich fällt die Entscheidung im Herbst 1938

So penibel, wie Elser arbeitet, so ausgeprägt ist sein Gerechtigkeitssinn. Stets achtet er darauf, dass man ihn angemessen entlohnt. Im Berufs- wie im Privatleben legt er zudem größten Wert auf Unabhängigkeit. Er lässt sich nicht unter Druck setzen, fällt seine eigenen, von anderen nicht immer akzeptierten Entscheidungen. Georg Elser gilt als ein oft schweigsamer, aber geselliger Mensch. Seit seiner Schulzeit musiziert er, erst auf der Flöte, dann auf der Ziehharmonika, später, in Konstanz, lernt er das Zitherspiel.

Anfang 1925 verlässt er Königsbronn – in der Tradition der wandernden Tischlergesellen, womit er sich auch aus den komplizierten Familienverhältnissen lösen kann. In den kommenden sieben Jahren arbeitet er immer wieder in Orten rund um den Bodensee, in Manzell, Konstanz, Bottighofen und Meersburg. Er hält sein Schicksal nun fest in den eigenen Händen, ein freier, unabhängiger Mensch. 1928 lernt er die Näherin Mathilde Niedermann kennen, zwei Jahre später kommt Elsers einziger Sohn, Manfred, zur Welt. Die Partnerschaft jedoch zerbricht kurz nach der Geburt; Elser will nicht heiraten, will ungebunden bleiben. Mathilde Niedermann muss ihr Kind allein aufziehen.

Zu Hause leidet Elsers Mutter zunehmend unter den "ewigen Saufereien" ihres Mannes. Im Frühjahr 1932 bittet sie ihren Sohn, zurück nach Königsbronn zu kommen. Die Zeit der Freiheit und der Wanderschaft ist vorbei. Georg Elser hilft nun wieder Mutter und Vater.

Er richtet sich allerdings auch eine kleine Tischlerwerkstatt im elterlichen Haus ein, wo er einzelne Möbelstücke fertigt, meist auf Bestellung von Königsbronner Bürgern, wodurch er sich ein wenig Geld verdient. Sein Vater hingegen ist hoch verschuldet. 1935 muss er Haus und Grundstück veräußern. Über den Kauf eines neuen Hauses kommt es 1938 zu Differenzen zwischen Elser und dem Rest der Familie. Er zieht daraufhin, im Mai 1939, nach Heidenheim und nimmt den Kontakt zu seinen Eltern nicht wieder auf.

Es ist die Zeit, in der Georg Elser den Entschluss fasst, ein Attentat auf Hitler zu verüben. Vermutlich fällt die Entscheidung im Herbst 1938. Bis zum 8. November 1939 setzt er sie systematisch planend in die Tat um.

Von Anfang an lehnt Elser den Nationalsozialismus ab. Er ist und bleibt Individualist. Den Aufzügen der Braunhemden geht er aus dem Weg, konsequent verweigert er den Hitlergruß. Sein Bruder berichtet, dass Georg Elser das Haus verließ, wenn "Führerreden" im Rundfunk liefen. Elsers Freundin Elsa Härlen erinnert sich später an seine Reaktion auf eine nationalsozialistische "Spendenaktion": "Entweder Du bist dafür und gibst etwas, oder Du bist dagegen, dann gibst Du eben nichts", soll er gesagt haben. Ein Freund zitiert Elser mit den Worten: "Ich lass mich lieber erschießen, als dass ich für die Nazis auch nur einen Schritt mache."

Die Lage der Arbeiter, sagt er im Verhör, habe sich nach 1933 verschlechtert

Drei Motive sind für Elsers Weg in den Widerstand ausschlaggebend.

Zunächst wendet er sich gegen das Regime, weil er frei sein will. Freiheit bedeutet für ihn allerdings nicht nur persönliche Unabhängigkeit, die Abwesenheit von Zwang privat und bei der Arbeit: Er beruft sich als politisch denkender Zeitgenosse auch auf die seit 1919 durch die Weimarer Reichsverfassung garantierten politischen und sozialen Grundrechte, die von den Nationalsozialisten weitgehend abgeschafft werden. Der Gestapo sagt Elser 1939 unumwunden: "Ferner steht die Arbeiterschaft nach meiner Ansicht seit der nationalen Revolution unter einem gewissen Zwang. Der Arbeiter kann z. B. seinen Arbeitsplatz nicht mehr wechseln, wie er will, er ist heute durch die HJ nicht mehr Herr seiner Kinder, und auch in religiöser Hinsicht kann er sich nicht mehr so frei betätigen. Ich denke hier insbesondere an die Tätigkeit der Deutschen Christen." Deutlicher lassen sich die Einschränkungen der persönlichen Freiheit, der Freiheit der Erziehung und der Glaubensfreiheit kaum in Worte fassen (wobei die Bezeichnung der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten als "nationale Revolution" vermutlich einer Glättung der Aussage im Protokoll entspringt).

Feinnerviger Gerechtigkeitssinn

Der zweite Beweggrund liegt in Elsers feinnervigem Gerechtigkeitssinn. Sieht er sich persönlich ungerecht behandelt, reagiert er mitunter scharf. Nicht weniger deutlich fällt seine Reaktion auf soziale Ungerechtigkeiten aus. Im Verhör nimmt er 1939 kein Blatt vor den Mund: "Nach meiner Ansicht haben sich die Verhältnisse in der Arbeiterschaft [...] in verschiedener Hinsicht verschlechtert. So z. B. habe ich festgestellt, daß die Löhne niedriger und die Abzüge höher wurden. Während ich im Jahre 1929 in der Uhrenfabrik in Konstanz durchschnittlich 50,– RM wöchentlich verdient habe, haben die Abzüge zu dieser Zeit für Steuer, Krankenkasse, Arbeitslosenunterstützung und Invalidenmarken nur ungefähr 5,– RM betragen. Heute sind die Abzüge bereits bei einem Wochenverdienst von 25,– RM so hoch. Der Stundenlohn eines Schreiners hat im Jahre 1929 eine Reichsmark betragen, heute wird nur noch ein Stundenlohn von 68 Pfg. bezahlt."

So spricht kein unpolitischer Mensch. Elser erkennt in aller Klarheit die herrschende Verlogenheit und Unfreiheit, und er will sie nicht hinnehmen. Ohne Kompromisse grenzt er sich von der nationalsozialistischen "Volksgemeinschaft" ab. Offenbar war dies auch im überschaubaren dörflichen Rahmen möglich.

Elser erkennt, dass es zum Krieg kommen wird, wenn Hitler an der Macht bleibt

Sein wichtigstes Motiv allerdings ist noch ein anderes: die Verhinderung eines Krieges. Seit Herbst 1938, erklärt er der Gestapo, habe er gewusst, "daß es bei dem Münchener Abkommen nicht bleibt, daß Deutschland anderen Ländern gegenüber noch weitere Forderungen stellen und sich andere Länder einverleiben wird und daß deshalb ein Krieg unvermeidlich ist". Er sei zu dem Schluss gekommen, "daß die Verhältnisse in Deutschland nur durch eine Beseitigung der augenblicklichen Führung geändert werden könnten. Unter der Führung verstand ich die ›Obersten‹, ich meine damit Hitler, Göring und Goebbels. Durch meine Überlegungen kam ich zu der Überzeugung, daß durch die Beseitigung dieser 3 Männer andere Männer an die Regierung kommen, die an das Ausland keine untragbaren Forderungen stellen, die kein fremdes Land einbeziehen wollen und die für eine Verbesserung der sozialen Verhältnisse der Arbeiterschaft Sorge tragen werden."

So denken damals sicherlich auch andere. Was Georg Elser unterscheidet, ist, dass er handelt – so planvoll und präzise, wie er auch seinem Beruf nachgeht.

Ihm ist dabei vollkommen klar, dass er mit seinem Anschlag die nationalsozialistische Herrschaft nicht beenden wird: "Ich war davon überzeugt, daß der Nationalsozialismus die Macht in seinen Händen hatte und daß er diese nicht wieder hergeben werde. Ich war lediglich der Meinung, daß durch die Beseitigung der genannten drei Männer eine Mäßigung in der politischen Zielsetzung eintreten wird." Diese Aussage, wenn auch im Nachhinein getroffen, zeugt von großer Klarsicht, und die meisten Historiker würden ihr heute wahrscheinlich zustimmen: Den Nationalsozialismus hätte ein erfolgreiches Attentat im November 1939 nicht schlagartig beendet. Eine nationalsozialistische Herrschaft ohne Hitler aber wäre eine andere gewesen.

Über die Jahrzehnte verhängte man viele diffamierende Urteile über den Mann aus Königsbronn; das eine oder andere klingt bis heute nach.

Der Schreiner Georg Elser – ein Terrorist? Nein, denn seine Tat richtete sich gegen Hitler, einen Verbrecher an der Macht, und seine Führungsclique.

Georg Elser – ein Feigling, der sich nach dem Attentat davonstahl? Nein, er hatte bei seinem versuchten Grenzübertritt einige Gegenstände dabei, die seine Täterschaft hätten belegen können, falls in Deutschland ein Unschuldiger verhaftet worden wäre. Elser stand zu seiner Tat; die Protokolle seines Verhörs durch die Gestapo belegen dies auf eindrucksvolle Weise. Damit unterschied er sich im Übrigen vom Gros der nationalsozialistischen Parteigänger, die nach 1945 immer wieder behaupteten, lediglich Befehlen gefolgt zu sein.

Nach mehr als fünf Jahren vollständiger Isolation in den Zellenbauten der Konzentrationslager Sachsenhausen und Dachau wurde Georg Elser auf persönlichen Befehl Hitlers noch am 9. April 1945 erschossen. Sein Anschlag hatte sich gegen das NS-Regime gerichtet, das er als Unrechtsstaat erkannte, während die deutsche Gesellschaft Hitlers Herrschaft stützte, ja teils bis zum bitteren Ende verteidigte. Trotzdem mag es bis heute – oder heute wieder – manchem schwerfallen, auch Elser zu den wenigen Mutigen zu zählen, die sich durch ihr Handeln gegen das NS-Regime als die wahren Patrioten zu erkennen gegeben haben. Dass Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zum 80. Jahrestag der Tat Elsers Geburtsort und die Gedenkstätte in Königsbronn besuchen wird, ist insofern mehr als nur ein Akt der nachholenden Würdigung eines Mannes, dem die Anerkennung allzu lange verweigert worden ist.