Der zweite Beweggrund liegt in Elsers feinnervigem Gerechtigkeitssinn. Sieht er sich persönlich ungerecht behandelt, reagiert er mitunter scharf. Nicht weniger deutlich fällt seine Reaktion auf soziale Ungerechtigkeiten aus. Im Verhör nimmt er 1939 kein Blatt vor den Mund: "Nach meiner Ansicht haben sich die Verhältnisse in der Arbeiterschaft [...] in verschiedener Hinsicht verschlechtert. So z. B. habe ich festgestellt, daß die Löhne niedriger und die Abzüge höher wurden. Während ich im Jahre 1929 in der Uhrenfabrik in Konstanz durchschnittlich 50,– RM wöchentlich verdient habe, haben die Abzüge zu dieser Zeit für Steuer, Krankenkasse, Arbeitslosenunterstützung und Invalidenmarken nur ungefähr 5,– RM betragen. Heute sind die Abzüge bereits bei einem Wochenverdienst von 25,– RM so hoch. Der Stundenlohn eines Schreiners hat im Jahre 1929 eine Reichsmark betragen, heute wird nur noch ein Stundenlohn von 68 Pfg. bezahlt."

So spricht kein unpolitischer Mensch. Elser erkennt in aller Klarheit die herrschende Verlogenheit und Unfreiheit, und er will sie nicht hinnehmen. Ohne Kompromisse grenzt er sich von der nationalsozialistischen "Volksgemeinschaft" ab. Offenbar war dies auch im überschaubaren dörflichen Rahmen möglich.

Elser erkennt, dass es zum Krieg kommen wird, wenn Hitler an der Macht bleibt

Sein wichtigstes Motiv allerdings ist noch ein anderes: die Verhinderung eines Krieges. Seit Herbst 1938, erklärt er der Gestapo, habe er gewusst, "daß es bei dem Münchener Abkommen nicht bleibt, daß Deutschland anderen Ländern gegenüber noch weitere Forderungen stellen und sich andere Länder einverleiben wird und daß deshalb ein Krieg unvermeidlich ist". Er sei zu dem Schluss gekommen, "daß die Verhältnisse in Deutschland nur durch eine Beseitigung der augenblicklichen Führung geändert werden könnten. Unter der Führung verstand ich die ›Obersten‹, ich meine damit Hitler, Göring und Goebbels. Durch meine Überlegungen kam ich zu der Überzeugung, daß durch die Beseitigung dieser 3 Männer andere Männer an die Regierung kommen, die an das Ausland keine untragbaren Forderungen stellen, die kein fremdes Land einbeziehen wollen und die für eine Verbesserung der sozialen Verhältnisse der Arbeiterschaft Sorge tragen werden."

So denken damals sicherlich auch andere. Was Georg Elser unterscheidet, ist, dass er handelt – so planvoll und präzise, wie er auch seinem Beruf nachgeht.

Ihm ist dabei vollkommen klar, dass er mit seinem Anschlag die nationalsozialistische Herrschaft nicht beenden wird: "Ich war davon überzeugt, daß der Nationalsozialismus die Macht in seinen Händen hatte und daß er diese nicht wieder hergeben werde. Ich war lediglich der Meinung, daß durch die Beseitigung der genannten drei Männer eine Mäßigung in der politischen Zielsetzung eintreten wird." Diese Aussage, wenn auch im Nachhinein getroffen, zeugt von großer Klarsicht, und die meisten Historiker würden ihr heute wahrscheinlich zustimmen: Den Nationalsozialismus hätte ein erfolgreiches Attentat im November 1939 nicht schlagartig beendet. Eine nationalsozialistische Herrschaft ohne Hitler aber wäre eine andere gewesen.

Über die Jahrzehnte verhängte man viele diffamierende Urteile über den Mann aus Königsbronn; das eine oder andere klingt bis heute nach.

Der Schreiner Georg Elser – ein Terrorist? Nein, denn seine Tat richtete sich gegen Hitler, einen Verbrecher an der Macht, und seine Führungsclique.

Georg Elser – ein Feigling, der sich nach dem Attentat davonstahl? Nein, er hatte bei seinem versuchten Grenzübertritt einige Gegenstände dabei, die seine Täterschaft hätten belegen können, falls in Deutschland ein Unschuldiger verhaftet worden wäre. Elser stand zu seiner Tat; die Protokolle seines Verhörs durch die Gestapo belegen dies auf eindrucksvolle Weise. Damit unterschied er sich im Übrigen vom Gros der nationalsozialistischen Parteigänger, die nach 1945 immer wieder behaupteten, lediglich Befehlen gefolgt zu sein.

Nach mehr als fünf Jahren vollständiger Isolation in den Zellenbauten der Konzentrationslager Sachsenhausen und Dachau wurde Georg Elser auf persönlichen Befehl Hitlers noch am 9. April 1945 erschossen. Sein Anschlag hatte sich gegen das NS-Regime gerichtet, das er als Unrechtsstaat erkannte, während die deutsche Gesellschaft Hitlers Herrschaft stützte, ja teils bis zum bitteren Ende verteidigte. Trotzdem mag es bis heute – oder heute wieder – manchem schwerfallen, auch Elser zu den wenigen Mutigen zu zählen, die sich durch ihr Handeln gegen das NS-Regime als die wahren Patrioten zu erkennen gegeben haben. Dass Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zum 80. Jahrestag der Tat Elsers Geburtsort und die Gedenkstätte in Königsbronn besuchen wird, ist insofern mehr als nur ein Akt der nachholenden Würdigung eines Mannes, dem die Anerkennung allzu lange verweigert worden ist.