Die größten Detektive der Weltliteratur sind gewöhnlich Agenten einer kühlen Rationalität. Auguste Dupin, Sherlock Holmes, Hercule Poirot: Sie alle lösen die Fälle dank ihrer bestechenden analytischen Intelligenz. Das Verbrechen tritt ihnen als abstraktes Rätsel gegenüber, als ein Geflecht von Daten, Aussagen und Spuren, das sie nach und nach entwirren und von den Knoten der Lüge und Zweideutigkeit befreien. Zum Herkunftsmilieu der Opfer und Verdächtigen halten sie klare, manchmal sogar hochmütige Distanz.

In diesem Kreis der weltberühmten Ermittler gibt es eine Ausnahme, den Pariser Kommissar Jules Maigret, den Georges Simenon in über hundert Romanen und Erzählungen eingesetzt hat. Der Schweizer Kampa Verlag bringt eine Neuedition des monumentalen Gesamtwerks von Simenon heraus; bis zum Herbst 2021 sollen auch sämtliche Maigret-Bände veröffentlicht sein, in revidierter und teilweise neuer Übersetzung. Zu den Romanen, die gerade erschienen sind, gehören Maigret macht Ferien, einer der schönsten Simenon-Romane überhaupt, Maigrets erste Untersuchung und Maigret und der gelbe Hund.

In diesen sorgsam gestalteten Bänden ist die kriminalistische Methode Maigrets noch einmal genau zu verfolgen. Der Prozess der Wahrheitsfindung ist für den massigen Kommissar untrennbar mit einem Prozess der Einfühlung verbunden. Maigret muss die Atmosphäre seiner Umgebung in allen Nuancen aufnehmen, sich in die Beteiligten hineinversetzen, um voranzukommen; Klima, Essensrituale, Kleidervorlieben, Jargons, Lebensgeschichten sind für die Aufklärung des Verbrechens wichtiger als Spurensicherung oder Tatortfotografie. "Hatte er sich jemals um Abdrücke gekümmert?", heißt es in Maigret macht Ferien einmal spöttisch. Er ist kein asketischer, sondern ein sinnlicher Ermittler. Dass die Romane immer an der Grenze zwischen Kriminalgeschichte und Milieustudie angesiedelt sind, hat also nicht zuletzt mit der besonderen Erkenntnismethode des Kommissars zu tun: "Wenn alle Personen in seinen Augen die gleiche menschliche Greifbarkeit angenommen hätten", schreibt Simenon, "wenn er sie ›erspüren‹ könnte, stünde das Geheimnis bald vor seiner Aufklärung."

In Maigrets erste Untersuchung wird der junge Kommissariats-Sekretär allerdings noch als Mann der Lehrbücher eingeführt, als Verfasser kriminologischer Studien, der sich gewissenhaft Notizen macht und beim Verhör die "neuesten Theorien über Zeugenaussagen im Kopf" hat. Von den "Polizeivorschriften" heißt es, dass Maigret sie "so gut auswendig wusste wie ein Erstkommunikant seinen Katechismus". Und mit dieser Beflissenheit ist anfangs auch eine bestimmte Konstitution des Körpers verbunden. Der junge Maigret wird noch als auffällig dünn beschrieben. Hagerkeit der Gestalt und Konformität der Methoden hängen zusammen. Mit der zunehmenden Skepsis gegenüber den herkömmlichen Polizeitechnologien, mit der Ausprägung einer idiosynkratischen Herangehensweise, die eine "Frage der Atmosphäre ist, nicht der Schule" (Maigret und der gelbe Hund), wächst auch die Leibesfülle.

Überhaupt fällt beim Wiederlesen der Romane auf, wie konsequent Simenon den Verlauf der Fälle an die physische Konstitution des Detektivs bindet. Maigrets Körpergefühl ist der verlässliche Seismograf für den Status der Ermittlungen. Solange sich noch nichts tut, solange die Untersuchungen auf der Stelle treten, wird immer wieder die Behäbigkeit und schiere Masse dieses Körpers zum Thema gemacht. In fast jedem Roman ist auf den ersten fünfzig, sechzig Seiten davon die Rede, wie Maigret "mit schweren Schritten" umhergeht, sich "mühsam aus seinem Stuhl" erhebt, "schwerfällig die Treppe der Kriminalpolizei" hinaufsteigt, "mit hängenden Schultern" aus dem Haus des Ermordeten kommt. In dem Moment aber, da sich ein erster Verdacht ergibt und ein Ruck durch die Ermittlungen geht, ist diese Beschleunigung auch an Maigrets Körperregungen ablesbar. "Nun war es", wie Simenon in Maigret macht Ferien schreibt, "als hätte sich in ihm etwas zusammengezogen. Sogar seine Schritte waren nun fester, seine Bewegungen bestimmter."

Wie tief die Verfahren der Ermittlung in die Lebensweise des Detektivs eingegangen sind, wird deutlich, wenn er einmal gezwungenermaßen außer Dienst gesetzt wird. Maigret macht Ferien ist das scheiternde Experiment eines Müßiggangs. Der kriminalistische Blick ist Maigret "zur zweiten Natur geworden", wie es heißt: Auch als bloßer Tourist am Ferienort kann er nicht anders, als seine Schritte unbewusst in die Richtung des örtlichen Polizeikommissariats zu leiten und Verhaltensauffälligkeiten der anderen Urlauber zu studieren. Und es ist folgerichtig, dass Maigrets Trockenübungen der Detektion plötzlich mit einem wahrhaftigen Fall konfrontiert werden, dass in dem Städtchen am Meer tatsächlich ein Verbrechen geschieht, so als hätte die unversiegbare Beobachtungskraft des Kommissars es heraufbeschworen. Nun kommt der unfreiwillige Müßiggänger wieder zu sich selbst: "Maigret bekam endlich Boden unter die Füße. Endlich hatte er etwas Bestimmtes zu tun." Wirklichkeit ist für den Kommissar (und seinen Erfinder) nur insofern interessant, als sie sich zu einem Fall verdichtet.

Simenons elliptische Sprache in den Maigret-Romanen, der regieanweisungshafte Stil, ist häufig gerühmt worden. Dass ein Erzähler mit beiläufigen, beinahe flüchtig ausgestreuten Mitteln eine derart anschauliche Welt zu entwerfen vermag, hat gerade jene Autoren zu seinen fasziniertesten Lesern gemacht, deren eigenes Schreiben von besonderer Dichte gekennzeichnet war. Walter Benjamin, André Gide, der junge Peter Handke: Sie alle haben Simenons Bücher dafür geliebt, dass das Erzählen hier plötzlich ganz leicht von der Hand zu gehen schien und dennoch die ergreifendsten Charaktere, die anschaulichsten Milieus hervorbrachte. Diese einzigartige Kunst Georges Simenons ist nun, in der großen Zürcher Ausgabe, aufs Neue zu bestaunen.

Georges Simenon: Maigret und der gelbe Hund. A. d. Franz. v. E. Edl u. W. Matz; Kampa Verlag, Zürich 2019; 208 S., 16,90 €, als E-Book 12,99 €

Georges Simenon: Maigrets erste Untersuchung. A. d. Franz. v. H. Wille u. B. Klau; Kampa Verlag, Zürich 2019; 240 S., 16,90 €, als E-Book 12,99 €

Georges Simenon: Maigret macht Ferien. A. d. Franz. v. J. Raimond u. B. Brands; Kampa Verlag, Zürich 2019; 256 S., 16,90 €, als E-Book 12,99 €