Wo sogar die Toten leben – Seite 1

Kilometerbreit schiebt der Avon tief unter uns seine braune Brühe landeinwärts, Flut. Voraus Nebel, im Dunst über der Autobahnbrücke drängen sich düstere Schatten. Die Black Mountains. "Als die römischen Soldaten das sahen, wollten sie nicht weiterziehen. Sie errichteten ihre Siedlungen am Südufer." Harry Bingham geht in seiner Rolle als Tourguide auf. Wir sind unterwegs ins Land seiner Kindheit, dorthin, wo seine Serienheldin Fiona ermittelt, nach Wales. Harry Binghams Serie über Fiona Griffiths gehört zum Aufregendsten, was die internationale Kriminalliteratur zu bieten hat. Einen Tag lang werden wir ihr Revier durchqueren, die Orte besuchen, an denen ihre Abenteuer spielen.

Fiona ist in Cardiff stationiert, aus dramaturgischen Gründen. In der Hafen- und Universitätsstadt sind die Polizeieinheiten konzentriert, die in Fällen von Mord und schwerer Kriminalität im größten britischen Polizeidistrikt ermitteln. Das hat Cardiff, im 19. Jahrhundert Zentrum des Welthandels mit Kohle und Stahl, für den Autor Bingham interessant gemacht. Fiona hingegen fasziniert die Stadt im Süden von Wales überhaupt nicht. Was sie fesselt, sind Leichen.

In ihrem aktuellen, sechsten Fall – Das tiefste Grab – ist sie schon seit 453 Tagen auf Entzug. Unmissverständlich sagt das der Abreißblock, mit dessen Hilfe sie wie ein Häftling die Tage ohne interessante Leiche zählt. Verkehrte Welt: Nur wenn sie eine Tote hat, und meistens sind es weibliche, fühlt Fiona Griffiths sich richtig lebendig. Das hat mit dem Cotard-Syndrom zu tun, an dem sie als Teenager gelitten hat, einer seltenen, schweren psychotischen Erkrankung. Betroffene empfinden einzelne Körperteile oder schlimmstenfalls sogar die ganze eigene Person als abgestorben. Nach drei Jahren in der Psychiatrie, nach einem Studium in Cambridge und nach Bekanntschaft mit dem Russen Lev, der sie in der Kampftechnik Krav Maga trainiert, sind die Symptome so weit abgeklungen, dass Fiona nicht nur einigermaßen gut funktioniert. Sondern brillant, aber nur als Detektivin. Als Mensch muss sie trainieren, sich wie ein soziales Wesen zu verhalten. Durch Imitation der "Normalen" lernt sie, situationsadäquate Gefühlsausdrücke zu produzieren. Aus der Ich-Perspektive erzählt, schafft das wunderbar komische Momente und herrliche Seitenhiebe auf die Männerwelt, in der sie sich behauptet.

Für Harry Bingham, der nach dem Studium in Oxford bis zu seinem 32. Lebensjahr als Investmentbanker gearbeitet hat, besteht kein großer Unterschied zwischen Unternehmer und Autor: Beide müssen etwas von Grund auf ("from the scratch" ist eine Lieblingsfloskel) entwickeln. Und so geht es Fiona auch. Nachdem sie aus den tiefsten psychiatrischen Löchern gekrochen ist, muss sie ihre Persönlichkeit Stück für Stück neu zusammensetzen. Die Idee zu dieser seltsamen Heldin kam Bingham schrittweise. Als seine Frau Nuala an einer Form von Fatigue-Syndrom erkrankte, beendete er die Bankerkarriere. "Meinen ersten Roman, einen Thriller aus dem Finanzwesen, schrieb ich in einem verdunkelten Zimmer, weil Nuala ständige Hilfe benötigte." Als eine Patientin seiner Frau, die als Neurotherapeutin arbeitet, an Cotard erkrankte und sich umbrachte, stellte sich ihm die Frage, warum jemand Selbstmord begeht, der sich bereits tot fühlt: "Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen." Binghams Serie um Fiona Griffiths umspielt dieses Menschheitsthema wie ein barockes Musikstück: mal grell und heiter, mal tieftraurig, mal bombastisch und pompös. Aber immer gebändigt durch eine feste formale Struktur.

Wir haben den Riegel der Black Mountains hinter uns gelassen. Der Wagen quetscht sich einen schmalen asphaltierten Weg bergan. Auf einem Viehpfad geht es zu Fuß weiter, wir gelangen auf eine Schafweide, die nach altem Brauch von jedermann genutzt werden darf. An einem grünen Bergkegel über uns sind jetzt deutlich die überwachsenen Wälle einer eisenzeitlichen Ringburg zu erkennen. Das ist Castell Dinas, das Land von König Artus. Und auch das des jungen Harry Bingham. "Im Sommer sind wir oft hier hochgewandert. Von oben sieht man das Tal meiner Kindheit."

Im Tal des Wye stand das Cottage ohne Strom und fließendes Wasser, das sich Binghams Eltern Anfang der Sechzigerjahre gekauft hatten, hier hat der 1967 in London geborene Autor die Kindheit und später die Ferien verbracht. Das sind die Schauplätze, an denen Fiona einem mysteriösen Zirkel aus walisischen Upperclass-Verbrechern nachstellt. Hier befindet sich die großenteils geflutete Höhle, durch die sie sich in einer der nervenzerfetzendsten Angst-im-Dunkeln-Szenen, die es gibt, kämpfen muss, um einem verletzten Kameraden zu helfen. Hier liegt auch das Haus, dem eines der Fiona-Bücher seinen englischen Titel The Dead House verdankt: ganz am Rande des Friedhofs der kleinen Dorfkirche in Boughrood, auf dem Binghams Vater Thomas begraben liegt. Harrys Mutter Elizabeth Loxley wartet schon. Stolz berichtet die achtzigjährige Dame, wie sie das einzige in Wales erhaltene Totenhaus durch Spendensammlungen vor dem Verfall gerettet hat. Nach der Choleraepidemie von 1848 hatte die Regierung angeordnet, Choleraopfer in derartigen Häusern und nicht mehr in den Wohnungen aufzubahren, um die Verbreitung der Krankheit zu stoppen.

Harry Binghams wahnsinnige Bücher haben Methode

Harry Bingham hat das Totenhaus in seinem vielleicht besten Roman Wo die Toten leben nach Ystrad Fflur versetzt. Fiona verbringt dort die Nacht neben der sorgfältig drapierten Leiche einer jungen Frau. Am Morgen danach schließt sie aus dem Detail unrasierter Beine, dass die scheinbar eines natürlichen Todes Gestorbene ermordet wurde. Dieses winzige Indiz führt Fiona auf die Spur (und beinahe auch in die tödlichen Fänge) einer Sekte, die religiösen Wahn mit dem brutalsten Gelderwerb verbindet: Kidnapping.

Harry Binghams wahnsinnige Bücher haben Methode. Inzwischen sind wir im Haus der Mutter im benachbarten Llyswen angelangt, werden mit hervorragender Pastete und Kaffee bewirtet. Zeit für Gespräche. "Nach Chandler konnte man keine Rätselkrimis à la Agatha Christie mehr schreiben. Der Krimi wurde realistisch, egal, ob Detektiv oder Polizei ermitteln." Inzwischen sei aber auch dieser Realismus, den beispielsweise der schottische Autor Ian Rankin mit seinem Detective Inspector Rebus perfektioniert hat, schon wieder etwas angestaubt, erklärt Bingham. "Moderne Crime-Fiction will nicht mehr nur wissen, wer es war, sondern auch, was geschehen wird, detektivische Ermittlung und Thriller mischen sich. Weil ich aber die alten romantischen Rätsel eines Conan Doyle liebe – der Rationalismus war immer nur die eine Seite, auf der anderen standen die Schauder von Dartmoor und der gespenstische Hund von Baskerville –, versuche ich, in meinen Romanen beides miteinander zu verbinden: den Realismus der Polizeiarbeit mit romantischen Rätseln, wie sie Sherlock Holmes gelöst hat."

Auf so ein romantisches Rätsel stößt Fiona im sechsten Roman Das tiefste Grab. In einem Reihenhaus bei Cardiff liegt eine Archäologin und Artusforscherin ohne Kopf, aber mit drei eisenzeitlichen Speerspitzen in der Brust in ihrem Arbeitszimmer. Im Gegensatz zu ihren Normalo-Kollegen, die routiniert auf Ritual- oder Raubmord tippen, wittert Fiona den Atem der Geschichte. Und wird, assistiert von der an ALS schwer erkrankten Studentin Kathie, selbst zur Artusforscherin. Rätsel über Rätsel baut Bingham auf: Was wäre sensationeller als ein archäologischer Beweis für Artus’ historisch umstrittene Existenz? Wenn dieser Beweis in seinem Schwert Excalibur bestünde? Würde es gefunden, wäre es dann echt? Wie immer kommt Fiona einer großen Verschwörung näher, die wie immer mit dem Zirkel der Verbrecher verknüpft ist, die sie schon so lange sucht. Und diesmal steht ihr auch ihr Ziehvater zur Seite, der frühere Verbrecherkönig von Cardiff, in einem silbernen Range Rover, wie ihn King Arthur heute fahren würde.

Unwillkürliche Assoziationen: Hinter den Artusmorden (es bleibt nicht bei einem) stecken wahnwitzige Hasardeure, die den Mythos vergangener Größe beschwören, um fette Knete zu machen. London liegt näher an Llyswen, als man denken könnte.

Im Windfang des herrschaftlichen Anwesens, das die Mutter heute bewohnt, signalisieren kleine Europa-Fahnen, wo die Familie steht. Harry Binghams Vater Thomas war einer der führenden Juristen des Vereinigten Königreichs. In den Gesprächen, die wir über Mord, Gerechtigkeit und die Zugehörigkeit zur Upperclass führen, ist er als Autorität immer mit dabei. In dieser Familie von Oxford-Absolventen (Mutter Elizabeth: "P. D. James und ich haben dort gemeinsam studiert") ist das liberale, höfliche, gebildete England lebendig. Über den Tod hinaus: Eine der letzten Aktionen von Harry Binghams Vater als höchster Jurist der Krone war die Installierung jenes Supreme Court, dessen Urteile in den jüngsten Brexit-Wirren Boris Johnson (im Gespräch nur "er" genannt oder "Alex", Boris heißt mit erstem Vornamen eigentlich Alexander) so manchen Strich durch die Rechnung gemacht haben. Dieser liberale britische Geist weht auch in den Romanen seines Sohnes Harry, angefeuert durch literarischen Witz, Lebensklugheit und Liebe zu seinen Lesern, denen er jede Mail beantwortet.

Harry Bingham: Fiona – Das tiefste Grab
Aus dem Englischen von Kristof Kurz und Andrea O’Brien; Rowohlt Verlag, Hamburg 2019; 544 Seiten, 10,– €, als E-Book 9,99 €