Die Lage ist brenzlig ganz oben im Hamburger River Palace Hotel, und das nicht nur, weil der linke Daumen der Staatsanwältin Chastity Riley glüht, trotz des eisgekühlten Gins, in den sie ihn taucht. Geiselnahme in der Bar hoch oben über St. Pauli, zwölf Männer in Anzügen übernehmen mit Uzi und Pumpgun – nicht ahnend, dass unter den Gästen inkognito ein paar Kommissare vom LKA den 65. Geburtstag von Kollege Faller feiern, inklusive Riley. Die Konstellation ist also schon einmal, nun ja, ungewöhnlich, die Simone Buchholz in Hotel Cartagena entwirft. Was die zwölf Männer wollen, bleibt der unwissentlich festgesetzten Ermittlerrunde ein Rätsel, auch wenn jeder mit Profiblick die Lage scannt – schon weil es gefährlich werden könnte, falls Kollege Calabretta den Helden spielen möchte. Derweil überlegt sich Riley, mit welchem dieser Typen sie schlafen würde; wir wissen ja: "Ich bin nun mal der eher unübersichtliche Typ Frau." Die langsam vergehende Zeit lastet auf dem Ort, obwohl die Geiselnehmer es gestatten, dass alle sich an der Bar frei bedienen können.

Sehr viel schneller rasen jedenfalls die Jahrzehnte für Henning Garbarek. In raschen, dynamischen Schnitten wechselt Buchholz zwischen der vor Spannung berstenden Bar-Szenerie, die aus der Sicht der bald fiebernden Chastity Riley gewohnt megacool geschildert wird, und der schiefen Bahn, auf die der Hamburger Junge Henning unaufhaltsam gerät. Somit sind wir schlauer als Chastity, wir ahnen längst, dass der Cocktail aus Kokain, kolumbianischem Kartell und komischen Kiezgrößen, den die Polizei Ende der Neunzigerjahre hochgehen und Henning auf Curaçao abtauchen ließ, in dieser Barnacht 2019 komplett neu gemixt wird. Erst als die Geiselnehmer Conny Hoogsmart mit vorgehaltener Uzi zum Wurstessen bis zum Kotzen zwingen, ihn dabei interviewen und alles via Facebook nach draußen streamen, dämmert den Zeugen das ganze Drama. Aber wie heil rauskommen aus diesem "Feuerwerk der Emotionen" (Riley)?

Den Sturm über St. Pauli facht Simone Buchholz mit virtuosen erzählerischen Mitteln an. Messerscharfe Dialoge, in präzisen Strichen hingeworfene Psychogramme, rasante Szenen, dazu die gnadenlose Mischung aus Ironie und Melancholie ("Herzklinik, hallo") plus eine gewisse Durchgeknalltheit – das beherrscht die Autorin wie kaum jemand sonst. Chastity Rileys seitenlanger innerer Rap im Fieberwahn zum Beispiel ist große Literatur. Und überhaupt: Wer würde dieser Staatsanwältin nicht verfallen?

Simone Buchholz: Hotel Cartagena. Suhrkamp Verlag, Berlin 2019; 228 S., 15,95 €, als E-Book 13,99 €