Es passiert nicht oft, dass Klaus Lederer die artikulierten Gedanken ausgehen, aber hoch über Tokio, im 53. Stock, passiert es dann doch. Der Berliner Senator steht vor der Front gigantischer Panoramafenster des Mori-Art-Museums und schaut herab. Lautlos und ergeben liegt die Stadt unter ihm, die Abenddämmerung fällt herab, und Lederer ist überwältigt. Lange Zeit sagt er nichts, dann bringt er nur ein einziges Wort heraus. "Boah."

Es ist seine erste längere Dienstreise, seit er vor drei Jahren Kultursenator wurde – vier Tage Tokio mit dem Deutschen Symphonie-Orchester, das eine Tournee durch Japan, Südkorea und China macht. Lederer war noch nie in Tokio, auch nirgendwo sonst in Japan, überhaupt nirgendwo in Ostasien, alles ist neu für ihn. In gewisser Weise kommt er an diesem Tag im Oktober auf dem vorläufigen Höhepunkt seiner Karriere an. Fast 9000 Kilometer hat er sich von Berlin entfernt, und während eines elf Stunden langen Fluges ist er von einem Regionalpolitiker zu einem Repräsentanten Deutschlands aufgestiegen. Den Höflichkeitsbesuch bei einem der Bürgermeister von Tokio hat er schon hinter sich. Gleich wird er zu einem Empfang in der deutschen Botschaft erwartet. Die designierte Botschafterin wird ihn bitten, neben ihr in der ersten Reihe Platz zu nehmen. Dort sitzt er dann fröhlich in seiner Jeans, das Jackett hat er gerade noch rechtzeitig vor der Pforte der Residenz übergeworfen. Während sich die distinguierten Herren in der zweiten Stuhlreihe die Krawattenknoten zurechtruckeln, schlagen die herausgeputzten Damen ihre Beine vornehm übereinander, bevor sie sich gemeinsam den Klängen der Violinisten zuwenden.

Neben Lederer sitzt sein Freund und regelmäßiger Begleiter, sein Pressechef Daniel Bartsch, auch er ein mitteljung gebliebener Veteran der Linkspartei. Lederer ist 45 Jahre alt, der Pressesprecher 48. Sie wurden beide in der DDR geboren, wohnten vor dem Fall der Mauer in Ost-Berlin, und sie erlebten danach, wie die organisierte Linke Westdeutschlands den Osten einzunehmen versuchte. Die beiden verbindet viel.

Ständig tragen sie die schwarze Kleidung der Künstlerszene. Der Pressesprecher hält sich seit dem Jahr 1987 bedingungslos ans Schwarze, Klaus Lederer gestattet sich – sehr, sehr selten – die Ausnahme eines weißen Hemdes, etwa als er im Jahr 2009 mit seinem neun Jahre jüngeren Freund Hochzeit feierte, der im Bundesministerium für Arbeit beschäftigt ist. Lederer und sein Pressesprecher, sie lieben beide die Auftritte des Kabarettisten Helge Schneider, beide können ganze Passagen auswendig aufsagen. Beide fertigen ihre Zigaretten noch selbst, Lederer dreht sie, der Pressesprecher stopft. Überall auf der Welt stellen sie sich dieselbe Frage: Wo ist hier die Raucherecke?

Allerdings gibt es auch Trennendes. Lederer trägt die Haare sehr kurz. Der Pressesprecher freute sich bei der Ankunft in Japan darüber, dass im Badezimmer des Hotels Haargummis lagen, mit denen er seinen Pferdeschwanz bändigen kann. Würden die beiden eine Band gründen, dann wäre Lederer der Frontmann, und Bartsch würde sich um die Akustik in der Halle kümmern. Lederer nennt den Pressesprecher manchmal Bela. Das hört der Angesprochene gern. Ein Gründungsmitglied der Rockgruppe Die Ärzte, die der Pressesprecher früher verehrte, heißt ebenfalls Bela. Der Senator hat keinen Spitznamen, für den Pressesprecher ist er einfach nur Klaus.

Dieser Klaus ist eine erstaunliche Figur. Er gehört einer verschachtelten Partei an, in der es noch immer die "Kommunistische Plattform" gibt, aber es ist Lederer gelungen, sich aus dem Muff der Doktrinen zu befreien. Laut den regelmäßigen Umfragen der Berliner Zeitung ist Lederer in fast jedem Monat der beliebteste Politiker der Hauptstadt, auch im Oktober wieder. Spricht das für Lederer oder gegen Berlin? Fragt man ihn nach seiner Popularität, dann erwidert er: "Man muss das mit einem spielerischen Unernst betrachten." Aber er verfolgt genau, wer ihm nahe rückt und auf Platz zwei in der Hitliste steht – im Moment der Finanzsenator von der SPD.

In der rot-rot-grünen Koalition Berlins, in der es knirscht und kracht, hat es Lederer zu einer schillernden Sonderrolle gebracht. Er ist einer von zwei Stellvertretern des Regierenden Bürgermeisters, des Sozialdemokraten Michael Müller, der politisch laviert, oft mühevoll um Autorität ringt und in der Not versucht, seine Senatoren zu Untergebenen zu erziehen. Mit einem Mal springt dieser unorthodoxe Klaus auf die Bühne, der aussieht, als sei er ein erheblich jüngerer, erheblich schlankerer Bruder von Herbert Grönemeyer, nie um einen Spruch verlegen, mal geistreich, mal flapsig. Wäre er Kultursenator in Hamburg oder Bremen, dann könnte man denken: ein Lokalpolitiker, zuständig für Trallala. Aber in einer der wichtigsten Kulturmetropolen Europas genießt Lederer den Ruf einer prägenden Kraft, die Politik von der gesellschaftlichen Mitte aus macht, nicht vom Rand. Die Gerüchte, Lederer könne unter speziellen Umständen der nächste Regierende werden, nimmt er mit der professionell erarbeiteten Nonchalance eines Mannes auf, der sich seinen Reputationsgenuss nicht anmerken lässt. Über die Möglichkeit, künftig Berlin zu regieren, sagt er: "Es ist jetzt nicht die Zeit, darüber zu spekulieren. Ausschließen kann ich es aber nicht."

Als Lederer in Tokio gelandet ist und am Flughafen in den Zug Richtung Zentrum steigt, weiß er nicht viel über dieses Land. Genau genommen weiß er fast nichts. In seiner freien Zeit hat er Heinrich Manns Roman Die Jugend des Königs Henri Quatre gelesen, aber nichts über Japan. Er hat den Pressesprecher die Reise vorbereiten und ein paar Termine arrangieren lassen, aber Lederer hat davon nichts mitbekommen. Er hat sich auf die endlosen Haushaltsverhandlungen, auf die Begehrlichkeiten von Musikschulen und Kleinkunstbühnen konzentriert. Ständig will einer Geld von ihm. Die Beliebtheit eines linken Kultursenators hängt auch davon ab, welcher klammen Künstlergruppe er Zuschuss besorgen kann.