Am Morgen des 17. Dezember 2013 gingen Oberstaatsanwälte in der Türkei gegen vier amtierende Minister samt Söhnen, einige hochrangige Beamte und Unternehmer wegen Korruption vor. Razzien in ihren Wohnsitzen förderten Bargeld in Kartons und Geldzählmaschinen zutage. Die Schlüsselfigur der Ermittlungen im Korruptionsskandal, Reza Zarrab, soll zwecks Goldschmuggel und Geldwäsche im Iran das US-Embargo umgangen und Minister bestochen haben. Als der türkische Minister für Umwelt und Stadtentwicklung angab, auf Anweisung des Ministerpräsidenten gehandelt zu haben, geriet der damalige Premier Recep Tayyip Erdoğan in den Fokus.

Und was tat Erdoğan? Das aus seiner Sicht Klügste. Erst setzte er die Staatsanwälte ab, dann verhängte er eine Nachrichtensperre. Wir Journalisten steckten im Dilemma zwischen Verbot und Berufsverantwortung. Einige Kollegen beschlossen, das Verbot zu übertreten und die Berichterstattung fortzusetzen. So informierten wir Leser und Zuschauer ausführlich über die Ermittlungen.

Die Folge: Erdoğan setzte einen Minister ab, drängte vier zum Rücktritt, wartete, bis sich die Wogen geglättet hatten, dann "belohnte" er sie unter anderem mit Botschafterposten. Wir dagegen, die den Mut zur Veröffentlichung hatten, verbrachten Monate bis Jahre vor Gericht, zum Teil im Gefängnis. Der Vorwurf lautete nicht nur Missachtung der Nachrichtensperre, sondern auch noch Mitgliedschaft in einer Organisation, die Erdoğans Sturz zum Ziel hätte. Bei jeder Verhandlung erklärten wir, als Journalisten gehandelt und uns im Namen der Öffentlichkeit um Aufdeckung der Wahrheit bemüht zu haben. Vergebens.

Ebenso ging es zu, als wir berichteten, dass Lkw des türkischen Geheimdienstes Waffen nach Syrien lieferten. Wieder eine in flagranti ertappte Regierung, die sich hinter einer Nachrichtensperre zu verbergen suchte. Wieder missachteten wir das Verbot. Wieder Anklagen, Untersuchungshaft, Verurteilungen.

Vergangene Woche gab es zwei wichtige Entwicklungen in der Sache: Das Verfassungsgericht erklärte die Nachrichtensperre von 2013 einstimmig für verfassungswidrig. Die Verfassung hatten also nicht wir verletzt, die das Verbot übertraten, sondern jene, die es verhängt hatten. Allerdings entschädigte das höchste Gericht die Journalisten nicht für ihre Jahre vor Gericht oder in Haft und bestrafte auch die Regierung nicht, die ihre Straftaten verschleiert hatte.

Für die streng kontrollierte türkische Justiz war ein solcher Schritt nicht möglich, jetzt unternahmen ihn die USA. Mitten in den Spannungen mit Ankara wegen Syrien nahm die New Yorker Staatsanwaltschaft Ermittlungen auf gegen die Halkbank, die Teil des Korruptionsskandals war, wegen Geldwäsche, Fälschung und Missachtung der US-Sanktionen gegen den Iran. Und ein Resolutionsentwurf an den US-Kongress forderte Nachforschungen zum Vermögen von Erdoğans Familie. Diese Nachricht konnte die türkische Regierung nicht unterdrücken.

Wahrheiten, sagt man, kann man zwar eine Weile verheimlichen. Sie haben aber die schlechte Angewohnheit, doch irgendwann ans Licht zu kommen.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe