Die Details habe ich vergessen, aber das tapfere Schneiderlein battlet sich doch einmal mit einer Krähe, um ein Stück Käse, kann das sein? Schneiderlein sagt: Schau, ich kann diesen Stein hier zerquetschen. Aber es hat in Wirklichkeit ein Stück Käse in der Hand und zerdrückt diesen. Krähe so whoa, lässt ihren Käse fallen, und das Schneiderlein hat gewonnen.

An derlei Zugänge zur Wirklichkeit musste ich denken, als ich an einem nebligen Vormittag in die derzeit im Wiener Kunsthistorischen Museum laufende Ausstellung Caravaggio & Bernini (bis 19. Januar) ging. Besonders die Werke des von mir verehrten Bildhauers Bernini wollte ich sehen, dessen geglückte Verwandlung von hartem Stein in zerdrückbar weiche organische Materie bis heute unerreicht ist. Dummerweise stellte sich heraus, dass das Museum nicht so viele Werke der beiden Meister ausstellt, aber zumindest einige Bernini-Skulpturen gibt es. Den Rest seines Werks schaute ich mir, draußen auf den Stufen sitzend, auf dem iPhone an. Als Internetmensch weiß man sich ja zu helfen.

Als ich dort saß, kamen einige Menschen vorbei und kommentierten das Ausstellungsbanner. Es zeigt den David von Caravaggio, ohne jedoch den abgetrennten Kopf des Goliath, nur den stehenden Jüngling, der das Schwert siegreich, aber bereits etwas interesselos und gelangweilt in der Hand hält. Ein Mann pries, wohl um die neben ihm gehende Frau zu beeindrucken, den entblößten Nippel des Jungen. Da wolle man doch hineinbeißen, sagte er.

Berninis Medusa ist die vielleicht eindrucksvollste Skulptur der Ausstellung. Ein leuchtend im Raum schwebender Kopf einer Frau, mit Haaren aus Schlangen. Aus irgendeinem Grund wurde entschieden, ihren Kopf ein klein wenig vorgeneigt zu präsentieren, weshalb man als Betrachter leicht in die Knie gehen muss, um ihren Gesichtsausdruck zu erkennen. Er ist wunderbar eingefangen. Irritiert, verdattert, als wäre sie eben erst erwacht. Sie kennt sich noch nicht ganz aus. Was ist das da auf meinem Kopf? Die Schlangen als Missgeschick, als "Herrje!". Ja, es ist eine Form von Slapstick. Das macht es so großartig.

Die mythische Verwunschenheit ist kein Schicksalsschlag, sondern bloß eine Art Schluckauf innerhalb der Naturgesetze. Und das Beste: die Schlangen sind ebenfalls verwirrt. Bernini hat auch ihnen einen entsprechenden Blick gegeben. Durcheinandertuschelnd würmeln sie um den Kopf, nicht einverstanden mit ihrer jeweiligen Position, sie überlagern, bedrängen einander, diskutieren, zetern, wie auf Twitter.

Ganz in der Nähe hängt Caravaggios motivisch stark verwandtes Bild vom Knaben, der von einer Eidechse in den Finger gebissen wird. Sein Gesicht ist, wenig überraschend, zu einer schreckhaften Grimasse verzerrt. Die Eidechse selbst ist kaum zu erkennen, was aber auch nur folgerichtig ist, denn wenn wir die Eidechse nicht erkennen können, überrascht es uns auch nicht, dass der Junge sie nicht sah. Damit sind wir auf seiner Ebene. Das heißt, auch für uns gibt es eine Eidechse. Sie wartet auf uns. Sie ist uns bestimmt. Dass sie ihm ausgerechnet aus einem Stillleben, das heißt aus einem Genre, entgegenspringt, wirkt wie etwas, das eigens für Kunsthistoriker ersonnen wurde.

Dann Berninis Heiliger Sebastian. Viele Künstler stellten ihn als hübschen Jüngling dar, der die ihm zugedachten Märtyrerpfeile mit verklärtem Blick empfängt. Hier aber ist es ein bärtiger Mann mittleren Alters. Und wo sind die Pfeile? In der Tat stehen einige Museumsbesucher vor der Skulptur und spielen Such den Pfeil. Sie deuten, neigen ihre Köpfe, entdecken. Ah, da. Und da, noch einer. Ganz versteckt, seitlich. Die Pfeile sind nicht die Hauptsache. Eingeklemmt an der Flanke, sehr dezent, geradezu eingemeindet, wie eine nicht weiter dramatische Hautschwellung. Zentral ist allein der Ausdruck des Mannes Sebastian, sein Kopf ist zurückgelegt, voll Zuversicht und Verzückung. Es ist fast so, als hätte ihm jemand von Zenons Pfeil-Paradoxon erzählt. Der Pfeil kommt niemals wirklich am Ziel an. Und erleichtert wäre der Verurteilte zurückgesunken in die Gewissheit seiner theoretischen Unzerstörbarkeit.

Später, auf den Stufen draußen, werde ich jemanden sagen hören, dass er Museen, vor allem so Sonderausstellungen in engen Räumen, nicht mag, er würde da immer am liebsten wild um sich schießen.

Aber man kann sowieso davon ausgehen, dass man in jeder Ausstellung von Barockkunst ordentlich mit Grausamkeit konfrontiert wird. Was man allerdings meist vergisst, ist die Tatsache, dass ein Großteil der Gewalt von Kindern ausgeübt werden wird, vor allem von fetten Babys.

Da sind zum Beispiel Eros und Anteros von Alessandro Algardi, zwei gequollene, fette Putten, die miteinander ringen. Das verblüffende Erklärschildchen neben der Skulptur besagt, dass sie sich darum balgen, wer von den beiden den anderen lieber mag. Kein Wunder, dass sie so unglücklich sind. Einen, vermutlich Eros, lässt der Künstler die Oberhand erlangen, zumindest für den kurzen Augenblick, den die Skulptur festhält. Die Grausamkeit eines Babys zu zeigen ist sowohl spielend leicht als auch halsbrecherisch schwer. Denn einerseits ist diese Grausamkeit selbsterklärend (Mitleid lernt man ja erst später im Leben), andererseits auch tabu. Ich erinnere mich an ein Foto, auf dem das Babyface eines Kindersoldaten aus Sierra Leone zu sehen war, kurz nachdem er jemandem die Kehle durchgeschnitten hatte. Hier ist es wieder, im Blick von Eros.