Martin Preins Lachen ist schon auf dem Flur zu hören, dabei hat der 44-jährige Oberösterreicher seit neun Uhr früh vom Tod erzählt. Am späten Nachmittag schüttelt Prein Hände, scherzt und verabschiedet seine 18 Kursteilnehmer im breiten Dialekt: "Danke, goi, ois Guate!" Alle verlassen den Seminarraum beschwingt. Fast erleichtert.

Das zentrale Thema von Martin Prein ist der Tod. Seine Berufsbezeichnung: Thanatologe. 2012 gründete er in Linz sein Institut für Thanatologie, die Wissenschaft vom Tod. Seither versucht Prein den Menschen in Seminaren und Vorträgen das Unbegreifliche ihrer eigenen Sterblichkeit näherzubringen. Es geht auch um die Berührungsangst mit dem, was als sichtbar gewordener Tod in den Kosmos der Lebenden eindringt: "Es ist erstaunlich, dass in all den Auseinandersetzungen rund um das Thema Tod ein ganz zentrales und wesentliches Moment beinahe zur Gänze fehlt", sagt Martin Prein. "Nämlich die Leiche."

"Die Leiche symbolisiert die Angst vor dem Körper gewordenen Tod."
Martin Prein, Thanatologe in Linz

Prein packt Zettel und Bücher in eine Umhängetasche, mehr hat er nicht dabei. Die alten Ahornbäume im Hof eines Bildungszentrums in Wien-Hietzing tragen kaum mehr Blätter und werfen schon am Nachmittag lange Schatten. In der Zeit vor Allerheiligen eilt Prein seit Jahren von Termin zu Termin, von Vortrag zu Vortrag. Seit bald acht Jahren redet er über den Tod: In erster Linie mit Berufsgruppen, die mit Verstorbenen konfrontiert sind, aber auch mit Privatpersonen. Für 80 Euro pro Teilnehmer klärt Prein Fragen rund um den toten Körper und berät, wie man Trauernden begegnet. Im Styria-Verlag ist jetzt sein erstes Buch erschienen, es trägt den Titel Letzte Hilfe Kurs.

Seinen Weg begann Prein aber als Rauchfangkehrer. Später wurde er Hilfsarbeiter, Lastwagenfahrer, Busfahrer, schließlich Bestatter, dann Notfallpsychologe und letztlich Thanatologe. Dass seine Arbeit heute auf so großes Interesse stoße, liege wohl daran, dass sich Menschen ideologiefrei mit dem Tod auseinandersetzen wollten, "ohne Tränendrüsen-Gerede".

Zehntausende Menschen sind in Österreich Tag für Tag mit dem Tod konfrontiert. Ärzte, Pflegepersonal, Bestatter, Totengräber, Polizisten, Angehörige. Statistisch gesehen stirbt jährlich knapp ein Prozent der Bevölkerung. Die 99 Prozent, die überleben, eint eine archaische Urangst, die sich im "Leichentabu" niederschlage. "Die Leiche symbolisiert die Angst vor dem Körper gewordenen Tod", sagt Prein. Deswegen werde der Kontakt zu Leichen weitgehend vermieden.

Eine Leiche ist nichts, wovor er Schrecken empfindet

Menschen, die beruflich mit Toten zu tun haben, hafte von jeher ein seltsamer Ruf an. "Warum eigentlich?", begann sich Prein zu fragen, als er Leichen wusch und zur Aufbahrung vorbereitete. "Was machen die Toten mit uns Lebenden?" Seine Antwort: "Der tote Körper konfrontiert uns mit der unglaublichen Macht des Todes. Was wir wissen, ist: Niemand kann ihm entkommen. Und der Leichnam ist das verkörperte Memento mori: Sei dessen eingedenk, dass auch du sterben wirst."

Der erste Verstorbene, dem Martin Prein begegnete, war sein Großvater im Jahr 1979. Das Begräbnis, erzählt Prein, fand an einem bitterkalten Tag Ende November statt. Schützen feuerten einen letzten Salut – der Großvater war Kriegsveteran. Am Kopfende des Sarges gab es ein Sichtfenster aus Glas, die Mutter musste den neugierigen Vierjährigen hochheben.

Prein kann sich das blass-bläuliche Gesicht des Großvaters im Sarg in Erinnerung rufen, sich nebenbei ein Stück Topfentorte mit Waldfrüchten in den Mund schieben und "Mmmhh" sagen. Eine Leiche ist nichts, wovor er Schrecken empfände. "Würdest du seit 20 Jahren als Urologin arbeiten und jeden Tag nackte Männer sehen, wäre das kein Anblick, der dich aus der Fassung bringt," erklärt er.

Als Kind wollte Prein Maurer werden. Der Bub wuchs nach der Scheidung seiner Eltern bei der Großmutter in einem 600-Einwohner-Ort in Oberösterreich auf. Samstags schleppte die alte Frau eine Blechbadewanne in die Stube, wärmte Wasser am Holzofen und rubbelte ihn sauber. Es gab kein fließendes Warmwasser, kein Bad, nur ein Plumpsklo, eine Ziege, Hennen, eine Sau und einen Holzstock für das Kind, das früh mitarbeiten musste. "Das war eine schöne Zeit", findet Prein.