Wenn deutschsprachige Gegenwartsliteratur in die Vergangenheit zurückschaut – und das passiert sehr oft –, so ist das historische Terrain für solche Erkundungen klar vermessen: NS-Zeit und Zweiter Weltkrieg, DDR, alte Bundesrepublik, manchmal miteinander verwoben. Saison für Saison widmen sich neue Romane jenen Epochen, die literarisch offenbar unerschöpflich sind. Umso erstaunlicher ist es, wenn jetzt ein Roman diese Gesetzmäßigkeit durchbricht und endlich vorführt, welchen weißen Fleck es auf der literarischen Landkarte hierzulande noch immer gibt: den Stalinismus und die deutschen Kommunisten. Denn die deutsche Vergangenheit des 20. Jahrhunderts spielte auch in Moskau. Dass unsere Gegenwart dies weitgehend vergessen hat, ist ein trauriger Skandal.

Eugen Ruge führt also in seinem Roman Metropol ins Moskau der Jahre 1936 bis 1938, in die Zeit von Stalins sogenanntem Großen Terror. Der 65-jährige Autor erzählt jetzt gewissermaßen die Vorgeschichte seines erfolgreichen, Buchpreis-prämierten Debüts In Zeiten des abnehmenden Lichts von 2011, in dem er die Geschichte seiner Familie in der DDR verarbeitete, einer kommunistischen Elite, deren Welt allmählich zugrunde ging. Die Großeltern Wilhelm (genauer: Stiefgroßvater) und Charlotte hatten darin schon ihren Auftritt – doch mit dem neuen Roman nimmt ihr Schicksal eine dramatische Wendung. Denn der Enkel hat seit 2011 einiges herausgefunden über sie, die als Kommunisten 1933 in die Sowjetunion emigrierten. Im Epilog berichtet Eugen Ruge, wie die Moskauer Jahre für seine Großmutter zeitlebens seltsam tabuisiert waren und er erst spät ergründete, warum: Sie und ihr Mann waren Mitarbeiter des OMS – "eine Silbe wie ein Glockenschlag", wie im Roman die Figur Charlotte sagen wird. Das war ein streng abgeschirmter Geheimdienst der Komintern, jener 1919 gegründeten internationalen Organisation, die die kommunistischen Parteien der jeweiligen Länder an die Moskauer Mutterpartei fesseln sollte. Charlotte und Wilhelm gerieten 1936 in den Mahlstrom des Terrors. Im Prolog schildert Ruge den Besuch im Moskauer Archiv, wo ihm Material über seine Großmutter ausgehändigt wird: "Ich sehe was, was du nicht siehst. Das Spiel hast du mir beigebracht. Ich sehe was, was du nicht siehst, und das ist: Deine Kaderakte, Charlotte." 246 Seiten, mit deren Hilfe Ruge seinen "Tatsachenroman" schreibt, mit abgedruckten Dokumenten zwischendurch: über reale Figuren und Konstellationen, aber mit literarischer Fantasie in Prosa verwandelt. "Dies ist die Geschichte, die du nicht erzählt hast."

Eindrucksvoll rekonstruiert Ruge die Atmosphäre

Um das existenzielle Moskauer Drama zu entfalten, hat Ruge eine überzeugende Form gefunden: Er erzählt aus der Sicht von drei Figuren. Am häufigsten erleben wir die Perspektive von Charlotte; dann als Gegenpol die von Wassili Wassiljewitsch Ulrich, dem wenig bekannten Vorsitzenden Richter der berüchtigten Moskauer Schauprozesse gegen führende Bolschewiki; schließlich die von Hilde Tal, einer lettischen Revolutionärin im Komintern-Apparat und Ex-Frau von Charlottes Mann Wilhelm. Alle drei setzt Ruge allmählich miteinander in Beziehung, wie Marionetten gelenkt von der Grausamkeit jener Zeit – der Roman ist auch ein Buch über den finsteren Abgrund des Weltkommunismus.

Das Zentrum des Romans ist das Hotel Metropol, um das Ruge die revolutionären Seelen kreisen lässt und mit dem er dem berüchtigten Hotel Lux, in dem die führenden Parteikader der kommunistischen Parteien wohnten, ein würdiges Pendant zur Seite stellt. Im Metropol, einem Jugendstil-Prachtbau mit Marmorfußboden aus der Zarenzeit, werden Lotte und Hans Germaine (so ihre Tarnnamen) im Oktober 1936 zwangseinquartiert, ein "Luxusgefängnis". Sie hatten vor Jahren Kontakt zu einem gerade zum Tod verurteilten "Volksfeind"; sie sollen sich für eine Untersuchung bereithalten. Das bange Warten des Paares in Zimmer 479 beginnt – es wird 477 Tage dauern.

Eindrucksvoll gelingt Ruge die detailfreudige Rekonstruktion der stalinistischen Atmosphäre, zwischen Ideologie und Alltag. In den Zeitungen gibt es Gedichte von Zwölfjährigen, die für angeklagte Volksfeinde fordern: "Erschießt die tollwütigen Hunde!" Angst und Misstrauen regieren. Nach und nach füllt sich das Hotel mit den vertrauten Genossen aus dem OMS, aus aller Herren Länder – sicherheitshalber setzt man sich im Speisesaal nicht an dieselben Tische. Und irgendwann verschwinden sie alle wieder nacheinander. Nachts klopft der NKWD nebenan an die Tür zur Verhaftung, während das Paar lauscht, ob es diesmal dran ist. Wie somnambul mittendrin Charlotte, die durch den Albtraum taumelt, tagsüber unterwegs bei der Jagd nach Lebensmitteln, abends an die Lektüre eines populären Romans über die Expedition der Tscheljuskin geklammert. Erschütternd die wenigen Begegnungen mit ihren Söhnen Werner und Kurt aus erster Ehe, die nicht wissen dürfen, wo sich ihre Mutter gerade aufhält. Und ständig die panische Grübelei, die in die Vergangenheit führt: Hatte man vielleicht schon früh gegen die Parteilinie verstoßen und das in der schriftlichen Selbstkritik vergessen?