Kurz bevor das Museum den Fehler einer seiner Kuratorinnen bemerkte, sorgte es selbst dafür, dass dieser Fehler, wenn er auffiele, für das Haus richtig peinlich werden würde.

Der Fehler passiert am 28. November 2013. Für diesen Tag hat das Pariser Auktionshaus Boisgirard-Antonini eine Versteigerung zum Thema "Arts d’Orient", Kunst aus dem Orient, angesetzt. Eines der Objekte im Katalog: ein Stück Wanddekoration aus dem Palast des Sultans von Ghazni im heutigen Afghanistan. Eine Tafel aus hellem Marmor, 69 Zentimeter lang, 43 Zentimeter breit, 6 Zentimeter dick, mit einem Relief aus kunstvoll geschnitzten Arabesken und einem schmalen Schriftzug – ein Loblied auf das Geschlecht der Ghaznawiden. Sie gehörte Ma’sud III., bis die Truppen von Dschingis Khan den Palast 1221 zerstörten. Eine Rarität aus einer privaten Sammlung. Das Mindestgebot: 20.000 Euro.

Zum Zeitpunkt der Auktion ist das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe (MKG) dabei, die Abteilung für islamische Kunst neu zu gestalten. Die Hamburger Sammlung ist nach der des Berliner Pergamonmuseums die zweitwichtigste in Deutschland, das Marmorpaneel von Ma’sud III. würde das Haus dennoch in eine neue Liga katapultieren – ähnliche Stücke liegen im Brooklyn Museum in New York, im Museum of Asian Art in San Francisco, im Institut du Monde Arabe in Paris. Schnell ist der Kuratorin klar: Das Paneel muss nach Hamburg, sie hat einen Schatz gefunden.

Das MKG kaufte eine Steintafel, die zweifelsfrei gestohlen war

Wie hoch das Gebot ist, bei dem die Kuratorin in der Auktion den Zuschlag bekommt, will das Museum nicht bestätigen; die Rede ist von mindestens 35.000 Euro. Finanziert, wie alle Neuerwerbe, nicht aus dem laufenden Etat, sondern von einer Stiftung, die in diesem Zusammenhang um keinen Preis genannt werden will. Weil die Lage in Afghanistan unübersichtlich ist und das MKG sensibilisiert für den Umgang mit Raubkunst, veranlasst das Museum ein paar Routine-Checks, verlässt sich sonst aber auf den guten Ruf des Auktionshauses. In einer Holzkiste kommt das Paneel nach einigen Wochen in Hamburg an, eingewickelt in Papier, zusammen mit einigen Dokumenten, die die einwandfreie Provenienz belegen sollen. Es bekommt die Inventarnummer 2013-176, damit ist es offiziell Teil der Hamburger Sammlung. Niemand ahnt etwas.

Dann, im Sommer 2014, kündigt das Museum eine große Sonderausstellung zum Thema Raubkunst an. Sie verspricht ein Coup zu werden: Selten zuvor, wahrscheinlich sogar noch nie, hat ein Museum so offen und selbstkritisch die Frage aufgebracht, auf welchen Wegen die einzelnen Objekte den Weg in die Sammlung fanden. Bis dahin hatten sich in erster Linie reine Kunstmuseen mit der Frage beschäftigt, im Hinblick auf Bilder, die in der NS-Zeit enteignet wurden.

"Gehört uns wirklich alles, was eine Inventarnummer trägt?", fragt die damalige Museumsdirektorin Sabine Schulze im Katalog. Da wäre etwa das jüdische Silber, 3000 Gabeln, Messer, Löffel, Leuchter und andere Gegenstände, 1939 beschlagnahmt, vor der Einschmelzung gerettet und 1960 dem Museum übergeben, weil die einstigen Eigentümer nicht mehr ausfindig zu machen waren. Kann man sie guten Gewissens ausstellen? Da wären auch die Bronzen, die der Museumsgründer Justus Brinckmann 1897 in Afrika einkaufte – britische Soldaten hatten sie ein halbes Jahr zuvor bei der Plünderung des Königspalasts von Benin im heutigen Nigeria gestohlen. Die Ausstellung ist mutig, die Fragen, die darin aufgeworfen werden, sind existenziell für die gesamte Branche. Alle, die sie bisher ignoriert haben, stehen durch die Hamburger Offensive in schlechtem Licht da.

Wenige Wochen vor der Eröffnung kommt Stefan Heidemann ins Museum. Heidemann ist seit 2011 Professor für Islamwissenschaften an der Universität Hamburg, vorher hatte er als Kurator die Islamkunst-Ausstellung im New Yorker Metropolitan Museum of Art neu gestaltet, nun berät er das MKG, das das Gleiche vorhat. Seine Hamburger Kollegin zeigt ihm stolz ihre Errungenschaft, das Marmorpaneel, das gerade im Keller für die Ausstellung vorbereitet wird. Heidemann stutzt. Ein Stück von solcher Qualität soll einfach so aufgetaucht sein, aus privater Sammlung, aus dem Nichts? Er macht ein Foto, zeigt es ein paar Tage später einer Kollegin in New York. Dann ruft er in Hamburg an und erklärt in knappen Worten, dass im Keller des Museums, das sich in ein paar Tagen als vorbildlich im Umgang mit Provenienzforschung im eigenen Haus darstellen würde, eine zweifelsfrei gestohlene Steintafel liege.