Jetzt bin ich mal gespannt", murmelt er und schiebt den USB-Stick in seinen Rechner. Dreißig Jahre alt ist der Film, den er anschauen will. Er weiß nicht, ob er ihn überhaupt abspielen kann, er hat ihn vom Vater eines Freundes. Es ist ein Film über Träume und Freiheit. Über einen jungen Mann und seine große Chance. Ein Film über ihn.

Es flimmert, es flackert, Streifen. Dann, langsam, werden es weniger Streifen, das Bild wird scharf. Ein Plakat, abgefilmt, handgeschrieben: "Man lebt nur einmal und deshalb ein unbedingtes Muss für Jeden: Disco Circus".

Rechts unten in der Ecke des Bildschirms erscheint das Datum der Aufnahme, 08.04.1989.

"Ich fasse es nicht", sagt Schwani, schiebt seine Gleitsichtbrille zurecht, lehnt sich im Schreibtischstuhl nach vorne, "es funktioniert! Den Film habe ich ewig nicht gesehen. Das ist ja geil." Vier Männer, alle in ihren 20ern, erscheinen nach und nach auf dem Video. Sie tragen dunkelblaue Stonewashed-Jeans, hoch in der Hüfte, eng am Po, dazu ein weißes T-Shirt, in die Hose gesteckt, mit dem Aufdruck "Disco Circus". Sie stehen in einer Mehrzweckhalle im Kreis und sprechen miteinander. Was sie sagen, ist nicht zu verstehen, ihre jungen Gesichter, in denen je ein kleiner Schnauzer wächst, sehen ernst aus.

"Da, der bin ich", sagt Schwani und zeigt auf einen Mann mit blonder Vokuhila-Frisur, vorne kurz, hinten lang.

Die vier Männer sind staatlich geprüfte Schallplattenunterhalter. So nannte man sie, die DJs der DDR. Wer im Sozialismus auflegen wollte, musste einen Lehrgang machen, ein Jahr lang. Er musste eine Prüfung bestehen und sich dann alle zwei Jahre vom Kreiskabinett für Kulturarbeit testen lassen. Ob er es schaffte, mit seinen Ansagen und seinem Programm die Leute zum Tanzen zu animieren. War man gut, konnte man es bis zum Profi bringen. In der DDR waren DJs fast so etwas wie Showmaster, die ihre Auftritte regelrecht moderierten. Sie waren nicht nur dazu da, Musik abzuspielen, sondern auch dazu, das Publikum zu unterhalten.

An dem Abend auf dem Video, in einem Speisesaal auf dem Darß, hat Andreas Schwanbeck als DJ Schwani seine große Prüfung. Vor 200 Mädchen, die 15, vielleicht 16 Jahre alt sind und während eines Ferienlagers einen Kurs für Zivilverteidigung machen, Thema: Erste Hilfe und Evakuierungsmaßnahmen bei einem Atomschlag. Jetzt ist der Abschlussabend mit Disco. Die Musik sollen DJ Schwani und die drei anderen auflegen. Ein Jahr lang haben sie an einem Programm mit Showeinlage und Spielen gearbeitet, sie nennen es "Disco Circus". An diesem Abend versuchen sie, in die nächste Stufe aufzurücken. Schwani ist bereits in der Mittelstufe, Stufe B. Die Stufen entschieden darüber, wie viel Geld ein Schallplattenunterhalter bekam. Mit Stufe A konnte der DJ 5 Mark pro Stunde als Gage nehmen, mit B 6,50 und mit C 8,50 Mark. Den Aufstieg von A zu B schafften noch gut die Hälfte der DJs, von B zu C war es nur noch ein Drittel, wie Schwani sich erinnert. Damals also will er Stufe C schaffen.

Im Jahr darauf, so sein Plan, wird er die letzte Prüfung ablegen. Stufe S. Sonderstufe. Die hat in Ribnitz-Damgarten keiner. Dann würde er 10 Mark die Stunde verlangen können – auch im Sozialismus war ja nicht komplett unerheblich, wie viel einer verdiente. Für Schwani noch wichtiger: Er hätte dann auch die Chance, als einer von wenigen in der DDR, hauptberuflich als Schallplattenunterhalter zu arbeiten. Aber für S braucht er C, und für C muss er die fünf Männer und Frauen vom Kreiskabinett für sich gewinnen, die in der Ecke der Halle sitzen. Und auch die Leute von der Stasi, die, wie Schwani und seine Freunde Jahre später erfahren werden, irgendwo im Hintergrund stehen.

Schwani, auf der Bühne, greift zum Mikrofon: "Musik, die nicht nur in die Ohren, sondern auch in die Beine geht! Das waren Earth, Wind & Fire mit September, und jetzt kommt ein Song, der genau vor zehn Jahren Nummer eins war: Le Freak." Schwani nickt seinem Kollegen am Kassettendeck zu, der drückt eine Taste, die Kassette läuft. Hinter den beiden blinken die Scheinwerfer, die sie aus alten Traktorlampen zusammengebaut haben, über ihnen glitzert die Discokugel, die sie aus einem Ball und einem zerschlagenen Spiegel gebastelt haben. Schwani blickt zum Publikum, schwingt die Hüfte von rechts nach links. Vor ihm tanzen die Mädchen, werfen ihr Haar zurück. Schwani lächelt in die Menge. Er ist jetzt der Mann. Er ist es, der ihnen Madonna, Prince und David Bowie bringt. Musik aus dem Westen, die in der DDR nur selten zu kaufen ist und auf Partys nur zu einem bestimmten Prozentsatz gespielt werden darf. Die Freiheit. Für drei oder vier Minuten. Das hier ist sein Abend.

Andreas Schwanbeck ist jung, und sein Traum ist zum Greifen nah.

Heute ist er 56 Jahre alt und seit 44 Jahren DJ. Seit 44 Jahren schaut er den Menschen beim Feiern zu, ist Beobachter, immer aus derselben Position, in Ost- wie in Westzeiten, 14 Jahre mit Mauer, 30 Jahre ohne.

Was sieht er? Und was kann man lernen, über das Land und über die Menschen, wenn man mit DJ Schwani auf Tour ist?

"Was ist denn das wieder für eine Scheiße!", schimpft Schwani, als er seinen alten VW Caddy am Rand der Wiese parkt, schräg gegenüber von Uschi’s Gasthof. "Wo soll ich denn hier bitte schön spielen?" Er seufzt. "Draußen, das mach ich nicht!" Zu kalt. "Na, das fängt ja mal wieder gut an!" Kopfschüttelnd zieht er den Zündschlüssel ab. Die Tanzfläche ist mitten auf der Wiese, zwischen zwei Festzelten. Aus einem davon eilt eine kleine rundliche Frau mit Brille herbei. Uschi.

Es ist ein Frühsommertag dieses Jahres, Neuendorf, ein Ort in Mecklenburg-Vorpommern, nicht weit von Rostock entfernt, feiert sein Dorffest, und Uschi hat Schwani gebucht, sie engagiert ihn öfter für Feiern im Gasthof. Uschi ist im Gemeindevorstand, war sie schon zu DDR-Zeiten, als sie und ihr Mann noch in der LPG, der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft, waren.

"Tach, Schwani!"

"Moin, Uschi! Sag mal, wo soll ich denn spielen? Ich dachte, ich spiele in einem geschlossenen Raum." Schwani ist freundlich. Von seinem Ärger ist nichts mehr zu hören. Er ist Dienstleister.