Den Wahlsonntag beginnt Pfarrer Begrich wie jeden Tag, indem er aus der hebräischen Bibel übersetzt. Das ist sein Frühsport. Teja Begrich, 48, setzt sich an den schweren Schreibtisch des Urgroßvaters Karl-Gustav Begrich, der Pfarrer in Profen bei Zeitz war. Großvater Siegfried war Pfarrer in Erfurt. Vater Gerhard war Pfarrer in Halle. Mutter Elfriede war Pfarrerin in Berlin und Pröpstin in Erfurt. Eine mitteldeutsche Protestantendynastie.

Er selbst, Teja, ist nun Pfarrer in achter Generation. Hinter ihm an der Wand hängt goldgerahmt ein altes Kinderbild: vier Brüder, von denen drei Pfarrer wurden und einer bei Stalingrad fiel, dazu eine Schwester, die einen Pfarrer heiratete. In Tejas Wahlkreis in Mühlhausen wird an diesem Abend nicht die Linke gewinnen, sondern die CDU, mit 31,1 Prozent (die AfD holt 23,5 und die Linke 22,2).

Wo liegt noch Mühlhausen? Nordwestliches Thüringen: spröder als Weimar, ärmer als Erfurt. Viel Fachwerk, viel Feldstein, hohe Gotik und dahinter der Wald. Von 33.000 Einwohnern sind ein Viertel Christen, für den Osten beachtlich. Hier ist Begrich zuständig für die Gemeinden St. Nikolai und Divii Blasi – in Letzterer war einst Johann Sebastian Bach Organist. Am Wahlsonntag hat Begrich eine Taufe. Halleluja! Er ist seit 2013 auch Beauftragter der Mitteldeutschen Kirche für christlich-jüdischen Dialog, aber seine Familie führt den Dialog schon immer. Vater Begrich war Dozent für Altes Testament und wurde 2003 von der Jüdischen Gemeinde Halle mit einem Preis für Verständigung geehrt. Mutter Begrich setzte durch, dass die Jüdische Gemeinde in Erfurt von der Kirche einen blauen Fußboden bekam und dass vorm Erfurter Rathaus ein Chanukka-Leuchter steht; am Wahlabend trägt sie ein Halskettchen mit Davidstern. Über das Hebräischlesen sagt Teja Begrich, es helfe ihm, sich der Heiligen Schrift zu nähern.

Leider: Von den elf altehrwürdigen Kirchen Mühlhausens dienen fünf nicht mehr als Kirche. Und das Pfarrhaus in Bornhagen im Eichsfeld, in dem Tejas Urgroßonkel wohnte, gehört jetzt Björn Höcke.

DIE ZEIT: Herr Begrich, es ist Sonntagnachmittag, es gibt noch keine Hochrechnungen, würden Sie uns verraten, was Sie gewählt haben?

Teja Begrich: In der Zeitung lieber nicht. Als Pfarrer bin ich nicht Partei, sondern für alle zuständig. Aber ich kann sagen, dass ich in meiner Familie den Ruf habe, ein Konservativer zu sein.

Gustav Begrich: Viel konservativer als Oma!

Teja: (lächelt und zieht seine Hosenbeine etwas hoch, sodass rote Socken zum Vorschein kommen)

Elfriede Begrich: Das ist aber auch das einzig Progressive an ihm!

ZEIT: Sind die Socken eine Solidaritätsbekundung für den linken Landesvater Bodo Ramelow?

Peggy Begrich: Na ja, der ist eher linkskonservativ.

Teja: Jedenfalls ist er ein anständiger Christ. Mike Mohring von der CDU auch.

ZEIT: Ihre Eltern, Herr Begrich, gehörten zu jenen mutigen Pfarrern, denen wir die Friedliche Revolution verdanken. Was ist das Schönste an der Einheit?

Teja: Wenn ich mit meinem Rennrad nach Hessen fahre, und ich komme vorbei an den Schildern "Hier war Deutschland bis 1989 geteilt", dann freue ich mich jedes Mal. Nicht nur über das vereinte Land, auch über Europa. Und dass sich Ost und West nicht mehr als feindliche Blöcke gegenüberstehen. Ich habe mich immer geärgert, wenn die Westler zu einem sagten, dass sie "aus Deutschland" kommen, und das sollte heißen: nicht aus Ostdeutschland. Neulich bei einer ZEIT-Leserreise ist mir das auch passiert. Sonst waren die nett. (lacht)

Gustav: Komisch, dass es immer noch Ost und West gibt. Oft, wenn ich im Netz sage, ich bin Ossi, wird mir unterstellt, ich sei rechts. Bei Computerspielen, wenn der Gegner einen nicht leiden kann, kommt die Nazi-Keule. Ich habe keine Lust, zu beweisen, dass ich nicht rechts bin. Umgekehrt sagen Ostdeutsche, sie seien stolz, aus dem Osten zu sein. Der Rapper Finch Asozial hat einen Song mit dem Titel Ostdeutschland. Ich finde, man kann sich freuen, in Deutschland geboren zu sein, aber stolz? Ist doch keine Leistung! Vielleicht ist es heute Glück. Da kann man dankbar sein. (alle nicken beifällig)

ZEIT: Gustav, Sie sind noch nicht volljährig. Wen hätten Sie heute gewählt, wenn Sie dürften?

Gustav: Bei den Kommunalwahlen durfte ich schon, da habe ich zwei Stimmen an Oleg Shevchenko von den Thüringer Jusos gegeben, weil er ein guter Typ und Jude ist. Die dritte Stimme ging an Steffen Thormann von der Linken.

Helene Begrich: Ich möchte hier mal klarstellen, dass ich in Berlin an der Uni ganz viele Freunde aus dem Westen habe, für die Ost-West überhaupt kein Thema ist. Und als rechts hat mich auch noch niemand beschimpft.

ZEIT: Helene, Sie studieren Theologie und haben heute früh in der Kirche gesagt, die Protestanten brauchten dringend noch eine Reformation, nur mit Sonntagsgottesdiensten werde das nichts. War klar, dass Sie die Familientradition fortführen?

Helene: Nein! Als ich klein war, sagten die Leute immer: Du wirst bestimmt mal Pfarrerin! Da dachte ich, das ist das Allerletzte. Also ging ich nach der Schule für ein Freiwilliges Soziales Jahr nach Israel. Dort merkte ich, dass mich Theologie doch interessiert. Ich habe aber am Telefon, als ich es meinen Eltern gestand, rumgedruckst. Wenn ich jungen Leuten jetzt sage, was ich studiere, ist die Reaktion oft: O Gott! Bist du denn gläubig?