Um den Nobelpreis für Peter Handke ist ein höchst beunruhigender Streit entbrannt. Die Anklage lautet wie in alten Zeiten auf Verletzung der gesellschaftlichen Moral. Und haben die Ankläger nicht recht damit, dass die Ehrung eines Künstlers empört, der serbische Kriegsverbrechen parteiisch beiseitegewischt, wenn nicht romantisiert hat? Natürlich haben sie recht damit, und unbedingt ist Margarete Stokowski (auf Spiegel Online) zuzustimmen, dass Kunst und Künstler nicht so ohne Weiteres zu trennen sind, die politisch oder sonst wie irregeleitete Privatperson nicht von der zu rühmenden Ästhetik des Werkes.

Möglich kann das im Ausnahmefall sein, aber die Regel ist es nicht. Es gab Schriftsteller mit antisemitischen Anwandlungen, deren Werk nichts davon enthält; Fontane ist ein Beispiel. Auch die Privatverworfenheit von Schauspielern schlägt sich kaum auf Bühne oder Leinwand nieder. House of Cards ist eben nicht von Kevin Spaceys erotischen Umtrieben kontaminiert, es sei denn, man glaubt an eine Art magischer Kontaktschuld, die unabhängig von benennbaren Kausalitäten besteht und selbst noch den Zuschauer infiziert, der sich von den Reizen der Serie hinreißen lässt.

Aber im Allgemeinen durchdringen sich Gesinnung, Lebenswandel und Schaffen sehr wohl, auch wenn es gewisse Reinheitsfantasien verletzt – Fantasien von "absoluter" Kunst oder dem Vorbildcharakter der Künstler. Die Pointe besteht aber nicht darin, dass daraufhin das Werk zu verwerfen ist, weil der Mensch dahinter unseren Sittlichkeitsansprüchen nicht genügt. Die Pointe besteht darin, dass gerade die Abweichung von der Norm die Werke inspiriert und ihnen oft erst den Stachel und das Beunruhigende gibt, das es erlaubt, überhaupt von Kunst zu sprechen (im Unterschied zu einem Leitartikel oder einem Parteiprogramm).

Bei einem Künstler, den es liebt, verdrängt das Publikum gerne das Skandalöse. Aber nach heutigen Maßstäben müssten auch die Romane von Balzac mit einer Triggerwarnung versehen werden: Er verachtete die Massendemokratie, er war Monarchist. Doch erst sein Monarchismus gab ihm den archimedischen Punkt außerhalb der Gesellschaft – den Standpunkt einer Fundamentalopposition –, von dem aus sich die rabiate Kritik an dieser Gesellschaft formulieren ließ, für die ihn Marx schätzte. Er war Ankläger der Verhältnisse, gerade weil er reaktionär war und ihm deswegen der zeitgenössische Glaube an den Fortschritt nicht die Sinne vernebelte.

Die Selbstverständlichkeiten einer Gesellschaft nicht zu teilen ist Voraussetzung dafür, ihr etwas zu erzählen, was sie noch nicht weiß oder nicht wissen will. Jean Genet, ein Kleinkrimineller mit Hafterfahrung, hat einen großen Teil seiner Werke aus der Perspektive des Outlaws geschrieben. Dies macht ihren ästhetischen Wert aus und mehr als das: Es erlaubt dem bürgerlichen Publikum die Erfahrung einer Perspektive, die es anders gar nicht machen kann. Man muss Diebstahl nicht empfehlen, wenn man Genet empfiehlt. Man muss ihm noch nicht einmal die Weihen einer Art höheren Antimoral erteilen, wie das Sartre versucht hat. Auch reiner Amoralismus kann eine Qualität von Literatur sein.

Warum? Nun, gerade weil sich die Gesellschaft keinen Amoralismus leisten kann und der Mensch in ihr nur als gezähmtes, beaufsichtigtes und gefesseltes Wesen vorkommen darf. Von dessen Freisetzung – sozusagen der Auswilderung – kann nur die Literatur erzählen. Ob Handkes Berichte vom Balkan diese existenzielle Dimension haben, lässt sich zwar bezweifeln. Aber aus Perspektive der Gesellschaft gibt es darin immerhin Verharmlosung von Gewalt, Zynismus im Umgang mit Opfern, Unterschlagung von Fakten, auf jeden Fall eine Faktenverachtung, die in der mythisch raunenden Unschärfe seiner Schreibweise vielleicht schon immer angelegt waren.

Und tatsächlich spricht wenig dafür, dass sich sein Werk in ein gutes frühes (Mitleid mit Frauen) und in schlechtes späteres (Mitleid mit Serben) scheiden lässt – oder in ein gutes, rein dichterisches und ein schlechtes, unsauber journalistisches. Es herrscht überall die gleiche Opposition gegen die gesellschaftliche Mehrheitsmeinung beziehungsweise das, was Handke dafür hält. Es geht immer darum, ein Jenseits der alltäglichen Vorstellungen zu erobern. Die romantisch exaltierte Suche nach dem wahren Wort und der wahren Substanz der Dinge, die dem Normalmenschen verschlossen bleiben und sich nur dem Dichter-Seher erschließen, muss einem nicht sympathisch sein. (Mir ist sie es nicht.) Man muss aber die Konsequenz erkennen. Wer von den "andersgelben Nudelnestern" in Serbien schwärmt, kann auch verführt sein, die andersmenschliche – nämlich unmenschliche – Kriegsführung der Serben als eine schöne Eigentümlichkeit zu feiern.