Der gefeierte Harvard-Ökonom Raj Chetty will mit Big Data soziale Ungleichheit bekämpfen, um den alten Mythos des "American Dream" wiederzubeleben.

Professor

Den Amerikanischen Traum haben sie nicht auf Lager. "Das kauft keiner", sagt der freundliche Buchhändler im Harvard Bookstore im Herzen der amerikanischen Ostküstenstadt Boston. Er meint das Buch Ragged Dick des Schriftstellers Horatio Alger aus dem Jahr 1868. Der Roman ist die Urgeschichte dessen, was als American Dream zum unique selling point der USA wurde – es von unten nach oben zu schaffen. Vom Tellerwäscher zum Millionär. Im Buch ist das ein Schuhputzer, der am Ende in ein schönes Mittelklasse-Apartment in Manhattan zieht. Durch Fleiß, Geschick und Unternehmergeist.

Die Geschichte aber des Ragged Dick, des in Lumpen startenden und im Anzug endenden jungen Mannes, diese Geschichte gibt es im Buchladen der berühmtesten Universität Amerikas gerade nicht zu kaufen. Keine Nachfrage.

Nur 50 Meter weiter hat der Mann sein Büro, der es sich zum Ziel gesetzt hat, seinen Landsleuten das Träumen wieder zu ermöglichen. Er heißt Raj Chetty, ist 40 Jahre alt und das, was man einen Shootingstar der akademischen Welt nennt. Chetty sagt: "Es ist heute fast doppelt so wahrscheinlich, den Amerikanischen Traum in Kanada zu verwirklichen, wie in den USA."

Wer in den USA im Jahr 1940 geboren wurde, hatte eine Chance von 92 Prozent, mehr zu verdienen als seine Eltern. Wer im Jahr 1980 geboren wurde, nur noch eine von 50 Prozent. Wenn die eigenen Eltern im unteren Fünftel der Einkommensverteilung liegen, stehen die Chancen, es selbst ins obere Fünftel zu schaffen, bei nur 7,5 Prozent. In Kanada sind es 13,5 Prozent.

Der Lebenslauf von Chetty ist eindrucksvoll. Der Sohn indischer Einwanderer absolvierte in nur drei Jahren sein Wirtschaftsstudium in Harvard, promovierte dort und wurde mit 28 einer der jüngsten Professoren, die die Hochschule je hatte. Trotzdem konnte ihn die Universität Stanford abwerben, wo er seine Forschungen vertiefte, bis Harvard ihn vergangenes Jahr zurückholte mit dem Angebot, sein eigenes Institut zu gründen. "Opportunity Insights" heißt es, und was Chetty hier macht, ist nichts weniger als der Versuch, den Amerikanischen Traum wieder zum Leben zu erwecken.

Als Defibrillator dienen ihm Millionen von Daten, Verkaufsgeschick und der Wille, Wissenschaft in konkrete Maßnahmen zu überführen. Unter seinen Studenten kursiert der Satz, es sei nicht mehr die Frage, ob Chetty den Nobelpreis gewinnen werde, sondern nur wann. Kommenden Dienstag verleiht ihm das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung den mit 200.000 Dollar dotierten A.SK Social Science Award, der zu den höchsten sozialwissenschaftlichen Auszeichnungen weltweit zählt.

Wer ist der Mann, dem es nicht reicht zu sagen, Amerika sei nicht Amerika, wenn die Chance auf ein gutes Leben genauso hoch sei wie bei einem Münzwurf – sondern der auch glaubt, das ändern zu können?

Man darf nicht den Fehler machen, an einen Professor im Tweedjackett zu denken, der in sein unaufgeräumtes Büro einlädt, um stundenlang zu plaudern. Chetty hat seine eigene Pressesprecherin. Jeder Termin ist auf die Minute genau geplant. Wenn Chetty vom Hörsaal zum Büro oder vom Hotel zum Hörsaal läuft, nutzt er die Zeit für mindestens ein Walk-and-Talk-Meeting am Telefon. Das Gespräch mit der ZEIT wird kurz vorher noch um 15 Minuten gekürzt, Chetty erwartet ein wichtiges Telefonat. Es bleibt einem also nichts übrig, als sich ihm an die Fersen zu heften, in sein Seminar zu gehen, ihm am nächsten Tag nach Washington zu folgen, dort seine Rede bei einer Konferenz zu hören und abends dabei zu sein, wenn er einen wichtigen Preis entgegennimmt.

Die Wendeltreppe, die im Wirtschaftsinstitut von Harvard nach oben führt, ist gesäumt von Schwarz-Weiß-Porträts von Professoren, die das Institut geprägt haben. Alles Männer. Die häufigsten Namen sind John und William. Oben leitet an diesem Tag Anfang Oktober Raj Chetty sein Seminar. Es ist die letzte Sitzung im Semester, geplant ist eine Rekapitulation. Draußen vor dem Fenster hängen an einem weißen Pfahl die Stars and Stripes schlapp im Regen. Drinnen erklärt Chetty, warum der American Dream ein hohles Versprechen geworden ist.