Sie hatte gerade Historisches geleistet. Noch nie, seit in der Schweiz das Proporzwahlrecht eingeführt wurde, also seit mehr als hundert Jahren, konnte eine Partei an einem einzigen Wahlsonntag so viele zusätzliche Nationalratssitze gewinnen wie die Grünen an diesem 20. Oktober. Aber was wird Regula Rytz, die Parteipräsidentin der Grünen, die Frau hinter diesem Erfolg, am Tag nach der Wahl von einem Fernsehreporter gefragt: "Sind Sie nicht zu leise für die grünen Anhänger, die grüne Partei?"

Sogar im Moment ihres größten Triumphs wird Regula Rytz den Zweifel nicht los, der an ihr haftet, seit sie Politik macht: nämlich, dass eine zierliche, jung gebliebene 57-jährige Frau, stets anständig im Ton, stets sachlich im Inhalt und selbst in ihren zahlreichen Niederlagen immer gut gelaunt, dass so eine Frau für die große Politik eigentlich viel zu klein und zu ruhig sei.

Bis vor einigen Jahren stimmte das auch. Wollte eine Frau in der Schweizer Politik erfolgreich sein, musste sie herausragen. Aus der Schar ihrer männlichen und ihrer weiblichen Kollegen.

Sie musste im Stil einer Generalin auftreten, wie Magdalena Martullo Blocher, Gabi Huber oder Karin Keller-Sutter.

Sie musste Everybody’s Darling sein wie Doris Leuthard oder Pascale Bruderer.

Sie musste als rotzfrecher Kumpeltyp wie Jacqueline Badran und Anita Fetz durch Bundesbern fräsen.

Oder sie musste sich wie Simonetta Sommaruga oder Eveline Widmer-Schlumpf mit eiserner Disziplin ihre Position erkämpfen und verteidigen.

Nun aber kommen die Normalos.

Allen voran Regula Rytz. Eine Frau, "so seriös, dass es fast schon bieder wird", wie die Grünen-Chefin neulich in der ihr wohlgesinnten linken Wochenzeitung beschrieben wurde.

Rytz entzieht sich der gängigen politisch-medialen Logik. Sie hat ihr Leben zwei Dingen verschrieben: der Politik und einer ökologisch konsequenten Lebensführung. Sie lebt mehr oder minder vegetarisch, besitzt keinen Führerschein und ist, wie sie immer wieder stolz betont, in ihrem Leben erst fünfmal in ein Flugzeug gestiegen.

Das gibt keine guten Storys her. Entsprechend mager fällt die Beute aus, wenn man in den Archiven nach längeren Texten über die Grünen-Präsidentin sucht.

Dass Politikerinnen wie Regula Rytz ausgerechnet heute derart erfolgreich sind, ist allerdings kein Zufall.

"Ich glaube, dass die Menschen genug haben von den Kampfhähnen, die auf den Misthaufen stehen und rumkrächzen, um ihr Revier zu verteidigen", sagt der Psychoanalytiker und Schriftsteller Jürg Acklin. Er sei selber ein Mann und wisse, "wie wir Männer gelernt haben, uns durchzusetzen". Acklin sagt, die Wähler hätten genug von "extremen und polarisierenden Typen". Sie seien froh, wenn eine Politikerin nach Lösungen suche, "und nicht nur hektisch herumbrüllt".

Stille Schafferinnen provozieren die Journalisten. Die Wähler mögen sie

Barbara Hayoz saß mehrere Jahre lang zusammen mit Regula Rytz im selben Rat. Im Berner Kantonsparlament gehörte die FDP-Frau Hayoz zur bürgerlichen Mehrheit, später war es Rytz, die im linksgrünen Gemeinderat von Bern, der städtischen Exekutive, aus einer Position der Stärke arbeiten konnte. "Rytz hat nie Powerplay gespielt. Sie war stets absolut dossierfest, und Effekthaschereien hat sie nie interessiert."

Auch habe Rytz etwas, was vielen anderen Politikern fehle: "Sie kann zuhören und interessiert sich ernsthaft für die Argumente der Gegner. Was nicht heißt, dass sie ihre Meinung änderte."

Zurückhaltend im Auftritt, leise abwägend, aber schließlich konsequent in der Sache. Diese Fähigkeiten haben am 20. Oktober die Wählerinnen und Wähler nicht nur auf nationaler, sondern auch auf kantonaler Ebene überzeugt.

Zum Beispiel im Kanton Basel-Stadt. Dort wurde die Sozialdemokratin Tanja Soland in den Regierungsrat gewählt.

Eine Politikerin, die auffällig langsam spricht, dafür sitzen ihre Sätze. Immer.