Man lernt viele lustige Wörter, wenn man sich mit Salzburgs Festspiel-Szene beschäftigt. "Wertauslastung" zum Beispiel ist ein Wort, das nachklingt, oder "Einigungszwang". Sehr beliebt ist auch jemandes "Unverwendbarkeit" in diesem oder jenem Kontext. Und dass die Wahrheit "elastisch" ist, versteht sich ohnehin von selbst ("eh", wie man in Österreich sagt). Da also alles elastisch ist und keiner seriös verwendbar in den Augen des anderen, herrscht neuerdings Aufruhr an der Salzach. Schlammschlachten werden geschlagen, Tischtücher zerschnitten – und nach anderthalb Jahren kreist eine Frage über den Köpfen, die angeblich niemand gewollt hat: Wer braucht eigentlich die Salzburger Osterfestspiele, dieses karajaneske Relikt aus einer Zeit, in der es kübelweise Manna regnete und die Musik sich selbst genügte?

Im Vordergrund des Zerwürfnisses stehen zwei Alphatiere. Der eine, der Dirigent Christian Thielemann, ist seit 2013 künstlerischer Leiter der Osterfestspiele, sekundiert von Peter Ruzicka als Geschäftsführer, einem alten Vertrauten. Beide lieben die Tradition: Im Zentrum des Festivals – 1967 von Herbert von Karajan gegründet, um die Berliner Philharmoniker Oper spielen zu lassen – stehen demnach "ein bedeutender Dirigent und sein Orchester". Rüttelt man an diesem Prinzip, so Ruzicka, beschädige man "die Seele" der Osterfestspiele. Der Rüttler wiederum ist das andere Alphatier, Nikolaus Bachler, derzeit Intendant der Bayerischen Staatsoper. 2020 wird Bachler Ruzicka nachfolgen, wenn dieser sich aus freien Stücken zurückzieht. Und Bachler will reformieren, will wechselnde Dirigenten, einen starken Regie-Fokus und mehr "Hitze" erzeugen, wie er sagt – auch im Blick auf Werbung, Marketing und Sponsoren.

Alleinherrschaft gegen Pluralität, möchte man meinen, 20. gegen 21. Jahrhundert, und warum sollten die Herzen auch nicht für das Neue schlagen, den Aufbruch? Doch wir sind in Salzburg, da hat vieles einen doppelten Boden. Also ist vordringlich die Frage, ob Bachler dieses Konzept schon bei seinem Bewerbungsgespräch mit dem Aufsichtsrat in der Tasche hatte – oder ob er es erst präsentierte, als klar war, dass Thielemann ihn und seine Pläne ablehnt. Die zeitlichen Vorläufe im Klassikgeschäft lassen Ersteres vermuten. Wurde der Steirer Bachler also engagiert, um den Preußen Thielemann aus dem Feld zu schlagen?

Thielemann sagt im Gespräch, er sei "vom Chef zum Angestellten" degradiert worden, da Bachler ab 2022 auch künstlerisch die Gesamtverantwortung trage. Dies widerspreche seinen eigenen, vertraglich fixierten Kompetenzen.

Bachler erzählt am Telefon, Thielemann habe ihn eigentlich interessiert. Nur benehme dieser sich oft "wie ein pubertierender Junge".

Thielemann schäumt, es fehle ihm jedes Verständnis, wie Bachler für Salzburg Webers Freischütz vorschlagen könne, eine deutsche Oper mit deutschen Dialogen – für ein internationales Publikum geradezu ein Affront.

Bachler behauptet, es gebe einen Jago in der Affäre, einen "Einflüsterer" und Intriganten. Der habe den anfangs keineswegs unwilligen Thielemann "umgedreht". Beweisen kann er das nicht. Sich Peter Ruzicka in seinem hanseatischen Lodenmantel als Jago vorzustellen fällt jedenfalls schwer.

Ein Hahnenkampf also. Wer profitiert davon, fragt man sich? Und wenn es denn die Absicht der politisch und ökonomisch Verantwortlichen gewesen sein sollte, die Ära Thielemann zu beenden: Warum haben sie nicht mit offenem Visier gespielt, dem Dirigenten für seine Verdienste gedankt und ihn 2022, mit Ende seines Vertrages, auf einer Sänfte aus der Stadt getragen? Die vor allem perspektivisch prekäre wirtschaftliche Situation der Osterfestspiele hätte das leicht gemacht. Vielleicht wäre Thielemann nicht ohne Weiteres hinauszukomplimentieren gewesen, selbst im Guten nicht. Böse Zungen behaupten, er verdiene in Salzburg zu Ostern Gagen, die er nirgends sonst auf der Welt bekäme. Und natürlich liebt man in Salzburg den Skandal, das große Drama.

Solche Fragen führen aus dem Vorder- in den Hintergrund und in die Historie der Geschichte, und hier wird sie symptomatisch. Bis heute finanzieren sich die Osterfestspiele Salzburg zu 88 Prozent aus privaten Mitteln, aus Kartenerlösen, Beiträgen der Förderer und gezieltem Sponsoring. Die Kunst muss sich also verkaufen – oder wie es die ehemalige Salzburger Landeshauptfrau Gabi Burgstaller, SPÖ, formulierte: Sollen sich die Jachtbesitzer das doch selber zahlen. Unter Karajan taten sie es mit Hingabe, 4500 potente Förderer bildeten zugleich das Publikum, außerdem wurde die Oper im Sommer nachgespielt.