Abschied vom Hackler – Seite 1

"Und dann war Krise", sagt Ernst Schönberger. Es ist Ende Oktober, und er sitzt im T-Shirt neben dem Museum Arbeitswelt in Steyr auf der Terrasse in der Sonne. Die Steyr rauscht neben ihm, ein paar Hundert Meter weiter vereinigt sich der Fluss mit der Enns. Wenn der bald 65-jährige Gewerkschafter von seinem Arbeitsleben erzählt, berichtet er davon, wie er sich von Krise zu Krise hangelte – so wie das Heer seiner Kollegen, die vom steten Wandel der Industrielandschaft heimgesucht wurden.

Einst waren sie das Salz der Erde und das Rückgrat der Sozialdemokratie. Für sie war die Arbeiterbewegung angetreten, eine hellere und gerechtere Zukunft zu erstreiten. Mit der steten Transformation der Arbeitswirklichkeit konnten die Genossen allerdings nicht Schritt halten. Sie büßten große Teile ihrer Basis ein und schlitterten zunehmend in die Krise. Das ist die wahrscheinlich wichtigste Ursache, die zu der aktuellen roten Malaise führte.

Erst lernte Ernst Schönberger Maschinenschlosser in einem Betrieb, der bald ins Schlingern geriet. Mitte der Siebzigerjahre heuerte er dann bei Steyr-Daimler-Puch an. Das galt damals noch als sicherer Arbeitsplatz. Traktoren, Lastwägen, Busse, Panzer, Sturmgewehre und andere Waffen produzierte der quasi verstaatlichte Betrieb, dazu bald auch Motoren in Kooperation mit BMW. Aber die Nutzfahrzeuge schrieben rote Zahlen, und die Panzerexporte waren bald politisch unerwünscht.

"Da hängt eine Decke drüber, und die heißt Angst. Sie ist nie mehr verschwunden"

Was folgte, war eine 30-jährige Geschichte von Umstrukturierung, Filetierung, Verkauf und der Schließung ganzer Werkstätten. "Einige Jahre lang sind regelmäßig Hundertschaften an Beschäftigten entlassen worden", erzählt Schönberger. 3500 Menschen waren es, die am Höhepunkt ihre Arbeit verloren – in einem Einzugsgebiet von 40.000 Bewohnern. Steyr war damals Krisenregion.

Schönberger erzählt das mit seiner rauchigen, tiefen Stimme, hält eine Marlboro in der Hand, die er vergisst anzuzünden. Von 1990 an war er 24 Jahre lang Betriebsrat bei MAN, welche die Lkw-Produktion von Steyr übernommen hatte. Strukturwandel heißt für ihn: "Du hast erwachsene Männer, die plärren", weil sie nicht mehr wüssten, wie sie nach der Kündigung die Familie ernähren sollen. Arbeiter, "die ihre Kollegen bei der Führungskraft denunzieren. Klar, das war nicht die Regel, das waren Einzelfälle. Aber das wirkt wie ein Virus. Da hängt eine Decke drüber, und die heißt Angst", sagt Schönberger. "Und die Angst ist nie mehr verschwunden."

Dabei ist Steyr eigentlich eine Vorzeigeregion, die den Strukturwandel "bewältigt" hat, wie es gerne heißt. Aber der Strukturwandel ist permanent. Abteilungen werden geschlossen, die globalisierte Produktion funktioniert auch ganz anders als in früheren Zeiten. "Fertigungstiefe null" herrsche bei MAN, wie das in der Fachsprache genannt wird. Das bedeutet, dass Achsen, Motoren, Karosserien, einfach alles, global verstreut produziert und am Standort Steyr das Fahrzeug nur mehr fertig montiert wird. Da verschwinden immer wieder ganze Berufsbilder, und neben den Stammbelegschaften gibt es Leiharbeiter, die bei Auftragsspitzen eingestellt und in Flauten abgebaut werden. Wenn wieder ein Schwung an Leuten gehen müsse, dächten sich die anderen, so Schönberger, "Gott sei Dank, es erwischt nicht mich".

Unter Strukturwandel versteht man, grob gesprochen, den Untergang bestimmter Industrien in den bisherigen Industriestaaten, die Verheerung ganzer Industriestädte, aber auch das sukzessive Verschwinden der früheren Leitfigur des Arbeitnehmers – nämlich des Industriearbeiters – und die Ausbreitung völlig neuer Beschäftigungsformen. Die krassesten Erscheinungen davon haben alle vor Augen: wenn ganze Industrien untergehen, wie etwa der Kohlebergbau in Nord- und Mittelengland oder im Ruhrgebiet, wenn die meisten Standorte der Stahlindustrie dichtmachen, wenn Leitbetriebe verschwinden wie etwa die wichtigen Unternehmen der metallverarbeitenden Industrie in der Obersteiermark. Ein paar kanonische Bilder haften im Gedächtnis, Bilder von Rückzugsgefechten, die von Beginn an aussichtslos waren: der Bergarbeiterstreik in England, die Besetzung der Rheinbrücke in Rheinhausen im Ruhrgebiet.

Die Großfabrik verliert an Bedeutung

Die stillgelegte Textilmaschine in einer ehemaligen Wollweberei © Martin Huber/​pa/​dpa

Solche Niedergänge legen sich wie Katastrophen über Städte und Regionen, und selbst wenn der Strukturwandel geschafft ist, bleiben traumatisierte Regionen zurück. Man weiß, was einem passieren kann. Eine ganze Generation wurde in ihrer Lebensleistung abgewertet. Die Menschen haben ja nicht nur ihre Stellen verloren, sondern auch all das, was mit Arbeit sonst noch verbunden ist – ihre sozialen Netzwerke, ihr Verwobensein in eine Gemeinschaft und den Beruf, der ihren Tag strukturierte und ihnen Identität bot, und eine Stellung in der Gesellschaft, die Stolz verlieh.

Der deutsche Wirtschaftshistoriker Lutz Raphael hat in der monumentalen Studie Jenseits von Kohle und Stahl die ganze Geschichte der Deindustrialisierung nachgezeichnet. Und dieser Prozess ist mit dem Verschwinden bestimmter Leitindustrien längst nicht vollständig erfasst. "Gäbe es noch eine intellektuell wache Sozialdemokratie, dies müsste ihr Buch sein", feierte die Süddeutsche Zeitung die Studie. Raphael beschreibt, wie den sozialdemokratischen Parteien nicht nur ihre Kernklientel wegschrumpfte, sondern wie sich in den verschiedenen heutigen Arbeitnehmermilieus Entsolidarisierung breitmachte – und zugleich die Sozialdemokratien zu Parteien moderner, wohlsituierter Akademiker wurden. Wie also Fäden zerrissen, welche die traditionellen Parteien der einfachen Leute von den Hacklern entfremdeten. Darin liegt der tiefere Hintergrund des Untergangsgeredes von SPD oder SPÖ, wie es gerade die Talkshows dominiert.

Zunächst bedeutet Deindustrialisierung, auch dann, wenn sich Industrien behaupten können, den Verlust von Arbeitsplätzen im produzierenden Gewerbe. Und der ist aufs Engste mit der Steigerung der Arbeitsproduktivität verbunden. Manche Industrien gingen weitgehend unter – Stahl, Werften, Bergbau, Textilindustrie. Andere konnten sich behaupten, in Westeuropa etwa die Chemieindustrie, die Elektroindustrie, Maschinenbau, Automobilbau, Rüstung, Luftfahrt. Aber auch diese Industrien erlebten natürlich massive Rationalisierungswellen, gerade die erlaubten es ihnen ja, sich im internationalen Wettbewerb zu bewähren.

Das heißt aber: Während in den Industrien, die im Zuge des Strukturwandels scheitern, gleich auf einen Schlag Zehntausende Arbeitsplätze verloren gehen, sind auch darüber hinaus in anderen Branchen die Beschäftigten damit konfrontiert, in Firmen mit schrumpfenden Belegschaften zu arbeiten. Der Rationalisierungszwang und der Druck, günstiger und effizienter zu produzieren, führen zu einem schleichenden Arbeitsplatzabbau oder zu immer wiederkehrenden Entlassungswellen. Das Gefühl der Sicherheit schwindet und wird durch eine stets empfundene Gefährdung ersetzt. Wenn Arbeitsplätze verloren gehen und sogar Massenarbeitslosigkeit existiert, dann betrifft das nicht nur jene, die arbeitslos werden und deren Existenz auf dramatische Weise brüchig wird. Es betrifft alle anderen auch – sie fühlen sich gefährdet, ihr Auskommen steht stets auf Messers Schneide.

Eine ganze Alterskohorte scheidet aus, weil sie schon mit 50 Jahren in Rente geht

Mehr als zehn Prozent der österreichischen Beschäftigten befürchten, dass sie innerhalb der nächsten sechs Monate ihren Arbeitsplatz verlieren werden. Von den rund eine Million neu aufgenommenen Beschäftigungsverhältnissen im Jahr 2010 wurden rund 78 Prozent innerhalb von zwei Jahren wieder beendet. Im Laufe eines Jahres sind knapp eine Million Menschen irgendwann von Arbeitslosigkeit betroffen. Bei rund 3,8 Millionen unselbstständig Beschäftigten eine immens hohe Zahl.

Lutz Raphael spricht vom "Abschied vom Malocher" und von Deindustrialisierung sowie von dem Einzug von endemischer Unsicherheit. Das hat eine Reihe von Folgen. Eine ganze Alterskohorte scheidet aus dem Arbeitsleben aus, weil sie schon mit 50 Jahren in Rente geht, verliert ihre Netzwerke, erleidet einen "sozialen Tod". Die Großfabrik als Bezugspunkt industrieller Arbeitsbeziehungen verliert an Bedeutung. Für Leute ohne besonders gute Qualifikationen gibt es immer weniger gute Jobs, sondern nur Minijobs und prekäre Stellen. Das erschwert vor allem jungen Leuten aus der Arbeiterklasse den Berufseinstieg und verlängert die Lebensphase schlechter, temporärer Beschäftigung, was etwa vor allem bei jungen Männern aus dem Migrantensegment zu sozialen Problem führt, die dann in der öffentlichen Debatte als "Integrationsprobleme" verhandelt – und damit kulturalisiert – werden.

Posttraumatisierte Städte

In einer Industriestadt wie Nürnberg in Bayern hört man ganz ähnliche Geschichten wie in Steyr. "Die Menschen waren über Jahre mit der Verarbeitung des Leids beschäftigt", erzählt Olaf Klump-Leonhardt. Der große, drahtige Mann war fast zwei Jahrzehnte in verschiedenen Funktionen in der Verwaltung damit befasst, die Stadt aus der Krise zu führen. "Diese Geschichte des oft auch verzweifelten Kampfes mit dem Strukturwandel ist eigentlich die Geschichte meines Berufslebens", staunt er selbst im Rückblick. Denn er ist da ja mehr hineingeraten, als dass es geplant war. "Massenarbeitslosigkeit war plötzlich ein Phänomen", erinnert Klump-Leonhardt sich an die Achtzigerjahre.

Es begann mit dem Untergang der Firma Triumph-Adler, ging weiter mit der Pleite von Grundig, dem Kollaps legendärer Leitfirmen wie Quelle und dem radikalen Stellenabbau bei AEG. Diese Schläge kamen wie ein Schock, aber Revolten lösten die Schließungen keine aus. "Es gab mehr stilles Leiden als große Proteste. Die Menschen haben die Geschehnisse wie eine Naturkatastrophe angesehen." Zwar versammelten sich bei der AEG-Krise täglich Hunderte Menschen vor den Werktoren, organisierten Proteste im Lichte brennender Ölfässer, aber letztlich war jedem klar: Gegen Unternehmen, die ohnehin die Betriebe schließen wollen, könnten Streiks wenig ausrichten. Das Maximum, was man erreichen könne, seien ordentliche Sozialpläne.

Die innerbetriebliche Solidarität weicht einer fatalistischen Grundhaltung

Rasanter Strukturwandel verheert auch ganze Viertel, etwa die klassischen Arbeiterbezirke, wie die Nürnberger Südstadt, in der die Arbeitslosigkeit auf 18 Prozent hochschnellte, und die beinahe zu einem Scherbenviertel wurde. Auch wenn heute, zehn Jahre nach der AEG-Krise, die Katastrophe überwunden ist und sich neue Branchen und Industrien ansiedelten und erfolgreiche Unternehmen das gewerbliche Rückgrat der Region bilden – so steckt nicht nur die Erinnerung den Menschen in den Knochen. Viele sind nie wieder in den Arbeitsmarkt zurückgekehrt.

"Posttraumatisierte Städte sind urbane und suburbane Gemeinschaften, die in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts ihre Leitindustrien verloren haben und sich davon nie mehr erholten", formuliert der Sozialanthropologe Justin Gest, der die Folgen des Strukturwandels in den Arbeiterklasse-Bezirken von East London und im Rust-Belt der USA untersuchte. Wenn sich im Laufe des 20. Jahrhunderts die Arbeiterklasse "von den Armen zum Volk" verwandelt hat – wie das die britische Forscherin Selina Todd formuliert –, dann verwandelte sich ein Teil dieser Klasse seit den Achtzigerjahren wieder retour. Nicht alle, aber ein Teil dieser Klasse ist von Abstieg bedroht oder schon heimgesucht. Arbeitslos, unterbeschäftigt, unvermittelbar oder auch in Jobs gefangen, die zu wenig Geld abwerfen, in Betrieben, in denen der Druck immer mehr wächst und in denen die Autonomie der Einzelnen immer mehr abnimmt. Es müssen immer mehr Überstunden geleistet werden, um den erreichten, aber labil gewordenen ökonomischen Status aufrechterhalten zu können. Zeitarbeit, schlechte Verträge, Arbeitsdruck, Zwölf-Stunden-Tage verbreiten sich und werden mit dem Hinweis legitimiert, das sei notwendig, damit "unsere Unternehmen" im globalen Wettbewerb bestehen können. Selina Todd resümiert über ihre Untersuchungen über die britische Arbeiterklasse: "Angst und Panik plagen auch die Millionen, die sich Sorgen darüber machen, was mit ihnen passieren würde, wenn ihnen der Arbeitsplatz genommen würde."

Der Verlust an Sicherheit verändert auch die sozialmoralischen Ordnungen in den Betrieben. Die Arbeitszufriedenheit nehme ab, und die Beschäftigten zögen sich mental ins Privatleben zurück, befindet Wissenschaftshistoriker Lutz Raphael. Zugleich litten sie "unter dem Verlust innerbetrieblicher Solidarität", entwickelten eine "fatalistische Grundhaltung", seien aber gerade deshalb umso mehr "an ihren Betrieb gefesselt". Denn der eigene Arbeitsplatz steige im Wert, wisse man, dass nicht so leicht Ersatz für ihn zu finden sein werde. Raphael zitiert einen Beschäftigten: "Die Leute sind vielleicht weniger motiviert, vielleicht verbittert, ich weiß es nicht ... Man hört Gerüchte, immer nur Gerüchte, also sind die Leute vollkommen orientierungslos." Das Gerede, dass neue Kündigungswellen drohten, schon wieder Betriebsberater im Haus seien, geht in Fabriken und Büros um. Raphael: "Solidarität ist verloren gegangen, die Arbeiter sind Einzelkämpfer geworden, von denen jeder hofft, irgendwie ungeschoren davonzukommen."

Gern wird von der neoliberalen Ideologie und dem Streben nach Individualismus gesprochen, wenn das Thema der Entsolidarisierung aufkommt. Aber vielleicht haben ideologische Metageschehnisse viel geringere Auswirkungen. Nichts untergräbt schließlich Solidarität mehr als das Gefühl, dass man als Einzelkämpfer darauf achten muss, selbst zu überleben.

Das neue Buch des Autors, "Die falschen Freunde der einfachen Leute", erscheint Anfang November im Suhrkamp-Verlag.