Manchmal erwartet man, dass alles schwierig wird, verworren, wild. Aber wenn man dann sieht, wie schwierig und verworren und wild es wirklich geworden ist, dann steht man doch da und fragt sich: Wie konnte das denn jetzt schon wieder passieren? Wie konnte es jetzt schon wieder so weit kommen?

Drei Landtagswahlen hat der Osten in diesem Herbst erlebt, dreimal war dieselbe Dynamik zu besichtigen: Ein Ministerpräsident kämpft gegen die AfD, und am Ende gewinnt der Ministerpräsident. In Sachsen siegte Michael Kretschmer (CDU). In Brandenburg Dietmar Woidke (SPD). In Thüringen, jetzt am Sonntag, war es Bodo Ramelow, der Linke, der sich gegen die AfD durchsetzte.

Und trotzdem war es diesmal anders. Schwieriger. Dramatischer. Thüringen eben. Das Land, in dem es politisch schon immer verrückter, viel verrückter zugeht als anderswo. Die Wahl, die im Vorfeld nur noch wenige zu interessieren schien, die einer Art Ost-Ermüdung zum Opfer zu fallen schien, elektrisiert plötzlich die Republik.

Es ist kurz nach 18 Uhr an diesem Wahlsonntag, als sich ein Mann aus einer kleinen Küche im Thüringer Landtag schleicht, umgeben von seiner Entourage. Alle Blicke wirken bitter in diesem Moment, doch am bittersten wirkt seiner. Der Mann heißt Mike Mohring. Er schaut zu Boden.

Mohring, 47, ist der, der sich die größten Hoffnungen gemacht hatte, er hatte Ministerpräsident für die CDU werden wollen, nach fünf Jahren rot-rot-grüner Regierung. Jetzt läuft er eine Treppe hinunter, er schleppt sich eher, in Richtung Tiefgarage, nach unten, immer nach unten, er sagt kein Wort, bis er verschwindet hinter einer schweren Tür aus Metall, die hinter ihm zufällt. Er wird kurz darauf ins Auto steigen; wird zu einer Party fahren, die keine ist: zur Wahlparty seiner Partei in der Erfurter Altstadt. Er wird dort sagen: "Für Thüringen zu kämpfen ist unser Auftrag." Und: "Wir sind heute Abend zusammen. Ich lasse euch nicht allein, ihr lasst mich nicht alleine." Es wird Leute geben, die meinen, Tränen in seinen Augen gesehen zu haben. Verzweiflung. Nach all seinen Kämpfen dieses Jahres war die politische Dynamik stärker als er. Die Polarisierung zwischen AfD und Regierungschef-Partei lässt eben alle anderen kleiner werden und verschwinden.

Die Wahlergebnisse in diesem Land, in Thüringen, sie sind aber selbst für ostdeutsche Verhältnisse ungewöhnlich; schwer zu deuten.

Da liegt zum Beispiel die Linke von Bodo Ramelow, dem Ministerpräsidenten, mit 31 Prozent der Stimmen ganz vorn.

Zugleich aber werden seine Koalitionspartner, die SPD und die Grünen, mit acht und fünf Prozent bitter abgestraft; so bitter, dass es rechnerisch für keine rot-rot-grüne Mehrheit mehr reicht.

Es reicht aber auch für keine andere Mehrheit, jedenfalls keine, wie man sie in Deutschland schon erprobt hätte; wie man sie gewohnt wäre. Linke, SPD, Grüne und FDP könnten gemeinsam regieren, aber das will die FDP auf keinen Fall.

Linke und CDU könnten gemeinsam regieren, aber geht das? Will die Linke das? Will die Union das?

In Thüringen gibt es an diesem Sonntagabend nur zwei Politiker, deren Lippen ein stetes Lächeln umschmeichelt, sie sind die beiden Wahlgewinner, aber sie könnten unterschiedlicher nicht sein.

Bodo Ramelow, der Ministerpräsident der Linken, hat ein historisch starkes Ergebnis geholt; er hat bewiesen, dass es einen Weg gibt, eine Partei zum Erfolg zu führen, die viele schon totgesagt hatten: Seine Linke erscheint inzwischen so sozialdemokratisch, dass sie die Thüringer SPD fast überflüssig gemacht hat. Was wiederum dazu führt, dass Ramelows Sieg weniger wert ist: Denn wenn er mit niemandem regieren kann, was bringt dann all der schöne Erfolg?