Soll der Staat das Vermögen seiner Bürger besteuern? An dieser Frage hat sich unter amerikanischen Spitzenökonomen eine Kontroverse entzündet, deren Bedeutung weit über das Fach hinausreicht. Es stehen sich gegenüber: Larry Summers, einer der renommiertesten Ökonomen des Landes, der unter Bill Clinton Finanzminister und unter Barack Obama oberster Wirtschaftsberater war. Und: Gabriel Zucman und Emmanuel Saez, Professoren an der Universität Berkeley, Bestsellerautoren und international anerkannte Ungleichheitsforscher.

Zunächst einmal ist es nicht ungewöhnlich, dass sich Wirtschaftsforscher streiten. Die Ökonomie ist keine exakte Wissenschaft, das lässt Spielraum für unterschiedliche Interpretationen der Realität. Was die Diskussion über die Vermögensteuer aber so interessant macht: Beide Seiten verfügen über großen politischen Einfluss. Summers bei den gemäßigten Demokraten um den Präsidentschaftsbewerber Joe Biden. Saez und Zucman bei Elizabeth Warren, der demokratischen Senatorin aus Massachusetts. Sie strebt mit einem für US-Verhältnisse ungewöhnlich staatsinterventionistischen Wirtschaftsprogramm ebenfalls das höchste Amt im Staat an. So geht es in dieser Auseinandersetzung auch darum, wie radikal progressive Wirtschaftspolitik zu sein hat – eine Frage, die auch für Deutschland relevant ist.

Ausgangspunkt der Kontroverse ist eine Konferenz des Peterson Institute for International Economics am Rande der Jahrestagung des Internationalen Währungsfonds am vorvergangenen Wochenende, bei der die Hauptakteure ihre Sicht der Dinge erläuterten. Saez und Zucman präsentierten Daten, die eine erhebliche Schieflage im amerikanischen Steuersystem nahelegen. Demnach müssen heute Arbeitnehmer mit einem niedrigen Einkommen einen höheren Anteil ihres Verdienstes an den Fiskus abführen als Arbeitnehmer mit einem hohen Einkommen. Konkret: Der von den 400 reichsten Amerikanern zu bezahlende Steuersatz lag in den Achtzigerjahren im Schnitt noch bei knapp 50 Prozent ihres Einkommens, heute sind es nur mehr 23 Prozent. Die untere Hälfte dagegen wird im Schnitt mit 24 Prozent belastet.

Steuersätze in Abhängigkeit vom Einkommen nach Daten von Emmanuel Saez and Gabriel Zucman

Steuersätze in Abhängigkeit vom Einkommen nach Daten von Emmanuel Saez and Gabriel Zucman

Quelle: "The New York Times", Saez/Zucman hoch © ZEIT-Grafik

Die beiden Forscher schlagen deshalb eine Steuer vor, die vor allem die Superreichen treffen soll. Elizabeth Warren hat auf Basis dieser Vorschläge ein Konzept entwickelt, bei dem auf Vermögen von mehr als 50 Millionen Dollar zwei Prozent Steuern bezahlt werden sollen. Für Vermögen ab einer Milliarde käme ein Zuschlag von einem weiteren Prozentpunkt hinzu. Insgesamt soll eine solche Reform – so Saez und Zucman – innerhalb von zehn Jahren zusätzliche Staatseinnahmen von 2750 Milliarden Dollar bringen. Die Forscher versprechen sich davon nicht nur mehr Geld für die Bildung und die Gesundheitsvorsorge, sie wollen so auch den Einfluss der Superreichen auf die Politik eindämmen.

Larry Summers zweifelt so ziemlich alle diese Argumente an. Das beginnt bei den Daten zur Steuerbelastung. Amerikaner mit niedrigem Einkommen zahlten nicht nur Steuern, sondern erhielten auch Sozialleistungen. Wenn man diese Zahlungen berücksichtige, sei die Ungerechtigkeit nicht so groß, wie es eine isolierte Betrachtung der Steuersätze nahelege.

Summers ist auch skeptisch, ob eine Vermögensteuer so viel Geld einbringt, wie Saez und Zucman glauben. So könnten Unternehmen oder Privatleute ihre Gewinne ins Ausland verlagern. Er verweist unter anderem auf die Erfahrung in Europa, wo die Vermögensteuer in immer mehr Ländern abgeschafft worden sei oder nicht mehr erhoben werde, unter anderem in Deutschland und Österreich. Und: Um Vermögen besteuern zu können, müsse es erst einmal bewertet werden. Das ist relativ leicht, wenn es sich um Geld auf dem Bankkonto handelt, aber was genau ist ein Unternehmen eigentlich wert?

Fraglich ist laut Summers auch, ob durch die Einführung einer Vermögensteuer der politische Einfluss reicher Geldgeber signifikant verringert wird. Um in einer der beiden großen Parteien eine wichtige Rolle zu spielen, reichten Spenden in Höhe von "maximal fünf Millionen Dollar im Jahr" aus. So viel Geld hätten die Superreichen auch übrig, wenn sie die von Warren vorgeschlagene Vermögensteuer bezahlen müssten. Die Aussicht auf höhere Steuern könne die Vermögenden sogar andersherum dazu bringen, einen größeren Teil ihres Reichtums für politische Lobbyarbeit auszugeben, weil ein Teil des Geldes ansonsten weggesteuert würde und damit verloren wäre.