Die Kupferdiebe werden staunen. Immer wieder reißen organisierte Banden Kabel im Tonnenmaßstab aus Versorgungsschächten neben den Eisenbahngleisen. Das Kupfer verkaufen sie nach China. Ärgerliche Zugausfälle sind die Folge. Demnächst aber: Kein Kupfer mehr im Schacht! Nur noch für Diebe unbrauchbare Glasfasern.

Mit dem etwas blutarmen Begriff "Digitale Schiene Deutschland" umschreibt die Deutsche Bahn ein Megaprojekt, welches Zigmilliarden verschlingen und noch Jahrzehnte dauern wird. Aber ein Meilensteinchen wird gerade im Ostseebad Warnemünde fertig.

Dort wird ein 13 Kilometer langes Teilstück der S-Bahn-Strecke Neustrelitz-Warnemünde "digitalisiert". Genauer: Zwei alte Stellwerke wurden zusammengelegt und technisch aufgerüstet. Für Mittwoch hatte die Bahn zur Einweihung geladen. Die Dimensionen des Gesamtvorhabens erahnt, wer weiß, dass Warnemündes Stellwerk deutschlandweit erst das zweite digitale ist. Insgesamt müssen über 2.742 Stellwerke umgebaut werden. Fertig und in Betrieb ist bereits das Premieren-Digitalstellwerk Annaberg-Buchholz in Sachsen; Nummer drei soll jenes von Mertingen-Meitingen an der Strecke Nürnberg–Augsburg werden.

Ausbaupläne

Hier werden gerade (oder in den nächsten Jahren) Strecken digitalisiert.

Ein herkömmliches Stellwerk ist zunächst einmal ein Häuschen, meist zweistöckig, mit vielen Fenstern ringsum. Es erinnert an den Tower auf dem Flughafen. Rätselhafte Buchstaben sind auf die Fassade gemalt: Hpf, Bwn, Bhf, Hef et cetera. Ob am Bahnhof oder wie ein Insekt über den Gleisen eines Güterbahnhofs oder irgendwo in der Pampa neben der Strecke – jedes Stellwerk überwacht und steuert den Eisenbahnverkehr auf einem Gleisabschnitt von meist nur ein paar Kilometern.

Stellwerke sind eine Erfindung der frühen Eisenbahntage. Ganz zu Beginn bewegte der Lokführer seinen Zug noch fast wie ein Kutscher sein Fuhrwerk. Jede Fahrt verlief auf Sicht; bei Nebel wurde es kritisch. Dann begannen die Betreiber, die Zug- und Streckenüberwachung auszugliedern: Das erste Stellwerk der Welt wurde 1843 im Großraum London gebaut, es markierte die Trennung von Zugsteuerung und Streckenüberwachung. Dem stolzen Lokführer wurde fortan ein ortsfester, eher unauffälliger Zwilling zur Seite gestellt, der Fahrdienstleiter, in der Schweiz auch als "Zuglotse" bekannt. Er wachte fortan über Strecke, Weichen, Signale und Schranken.

Michael Wolff heißt der Fahrdienstleiter des zum Abriss freigegebenen Stellwerks Warnemünde Werft. Passenderweise geht er just 2019 in Rente. Samt seinen zahlreichen Grünpflanzen – Fahrdienstleiter ist ein einsamer Beruf.

In der ersten Etage seiner langjährigen Arbeitsstätte liegt der Raum mit den vielen Fenstern zu den Gleisen und zum Bahnhof hin; zentral darin der "Stelltisch", der war in den 1950er-Jahren eine Sensation in der Stellwerkstechnik. Vorher hatte Wolffs Vorgängern die Wacht über eine Zugfahrt noch harte körperliche Arbeit bereitet: Mit gewaltigen Hebeln mussten Weichen gestellt, Schranken gesenkt und Signale betätigt werden; die dafür nötigen Kräfte wurden über kilometerlange Seilzüge übertragen. Ein Blick aus den Fenstern – und das Einfahrtsignal konnte auf "Fahrt" gestellt werden. Eine geradezu vordigitale Intelligenz im mechanischen Werk der Stangen und Hebel sorgte dafür, dass eine einmal eingerichtete "Fahrstraße" nicht irrtümlich und mit katastrophalen Folgen geändert werden konnte.