Nicht immer verfangen Friedensangebote, aber man kann es ja mal versuchen. Im Juni 2018 offerierte Wendelin Wiedeking seinem Geschäftspartner Ulrich Marseille ein Aktienpaket. "Ich denke, 29 Euro pro Aktie wäre ein fairer Preis", schrieb der frühere Porsche-Chef dem Gründer des Pflegekonzerns MK-Kliniken AG in einer E-Mail. "Dann können wir uns wieder den schöneren Dingen des Lebens widmen." Doch Marseille dachte überhaupt nicht daran, darauf einzugehen. Über die Bewertung der MK-Kliniken tobt zwischen dem Manager und dem Unternehmer ein erbitterter Streit, auf dessen Höhepunkt Wiedeking gedroht haben soll, irgendetwas mit Marseilles "Eiern" anzustellen. Man streitet über die genaue Formulierung (näheres siehe unten).

An diesem Freitag wird vor dem Berliner Landgericht über die Sache mit den Genitalien verhandelt, Marseille klagt gegen Wiedeking auf Unterlassung. Der ZEIT liegen interne E-Mails und Gerichtsunterlagen vor, mit denen sich der Streit nachzeichnen lässt. Die Dokumente gewähren einen seltenen Einblick in die rustikale Streitkultur von Vertretern einer Managerelite, die Konflikte sonst gerne von PR-Beratern in Floskeln portionieren lässt, die sie sehr zivilisiert aussehen lassen. Es geht um mehrere Millionen Euro, aber auch um die Egos der Beteiligten und darum, wer der härtere Geschäftemacher ist. Beiden scheint bei diesem Duell klar: Gewinnen kann nur einer.

Auf der einen Seite steht der gebürtige Westfale Wendelin Wiedeking, 67, der Porsche vor der Pleite bewahrte und zum profitabelsten Autobauer der Welt machte. Dessen Selbstbewusstsein ist so legendär wie seine Hybris. 2009 versuchte er mit Porsche, den um ein Vielfaches größeren Volkswagen-Konzern zu übernehmen – und scheiterte. Gegen eine Rekordabfindung von 50 Millionen Euro verließ er daraufhin das Unternehmen.

Wiedekings Widersacher ist der in Bremerhaven aufgewachsene Ulrich Marseille, 63. Früher als andere erkannte er, dass man mit Altenpflege viel Geld verdienen kann. 1984 eröffnete er im niedersächsischen Langen sein erstes Seniorenwohnheim mit 24 Zimmern. Keine zwei Jahrzehnte später gehörte er zu den ganz Großen in der Branche. Dann versuchte er es auch in der Politik. Er schloss eine Allianz mit Ronald Schill, der in Hamburg lange vor der AfD eine Partei rechts von der CDU zu etablieren versuchte. Doch Karriere außerhalb der Wirtschaft machte Marseille nie.

Wiedeking und Marseille haben beruflich alles erreicht. Trotzdem können beide vom Geschäft nicht lassen. Der frühere Porsche-Chef investierte als Privatier sein Vermögen in eine Vielzahl von Unternehmen: in die Signa-Gruppe des Immobilienunternehmers René Benko, zu der Karstadt gehört, in die Schuhkette Shoe-Passion – und eben auch in Marseilles MK-Kliniken AG, wo der Gründer gemeinsam mit seiner Ehefrau die meisten Anteile hält und als Aufsichtsratschef eine Art Alleinherrscher ist. Das ist Wiedekings Problem.

Die MK-Kliniken sind längst eine Hülle, die praktisch keine Heime mehr betreibt. Im Spätsommer 2017 verkaufte die Gesellschaft den Betrieb von 46 Altenheimen an einen französischen Investor, und seither steckt viel Geld im Unternehmen. Hinzu kommt eine Vielzahl von Immobilien, die ordentlich Miete abwerfen. Nach dem Deal mit den Franzosen boten die MK-Kliniken den Anteilseignern an, deren Papiere zurückzukaufen. Offeriert wurden maximal 16,60 Euro je Aktie. Da die AG nicht börsennotiert ist, gibt es keinen Marktpreis.

Wiedeking hält die Papiere für zu niedrig bewertet. In einer Klage gegen die MK-Kliniken vom Oktober vergangenen Jahres lässt er vorrechnen: 280 Millionen Euro habe der Verkauf der Betriebsgesellschaft eingebracht, 220 Millionen Euro seien die Immobilien wert. Davon seien rund 75 Millionen Euro an Schulden und weiteren Kosten abzuziehen. Ergibt Pi mal Daumen einen Unternehmenswert von rund 425 Millionen. Wenn man diesen nun durch die mehr als 13 Millionen Aktien der AG teilt, käme man auf einen Wert von rund 32 Euro je Aktie.

Damit wird die Dimension des Streits klar. Wiedeking hält laut ZEIT-Informationen mindestens 219.000 Papiere an dem Unternehmen. Erhielte er – wie im Aktienrückkaufprogramm angeboten – 16,60 Euro je Aktie, wäre seine Beteiligung 3,7 Millionen Euro wert. Erhielte er die von ihm selbst ermittelten 32 Euro, wären es fast sieben Millionen Euro – dafür lohnt es sich schon mal zu streiten.

Auf welchem Niveau dieser Streit stattfindet, konnten Anwesende am 20. September 2017 miterleben. Da trafen sich Wiedeking und Marseille im Restaurant Capriccio in Berlin-Grunewald. Jener Abend wird nun vor dem Berliner Landgericht aufgearbeitet. Anhand der Gerichtsunterlagen lässt sich rekonstruieren, was passiert ist – wobei es zu den Ursachen naturgemäß unterschiedliche Darstellungen gibt.