© Illustration: Monja Gentschow für Die Zeit

Sie irren über den weiten Bahnsteig, staunen über das cremeweiße Empfangsgebäude aus der Gründerzeit. Wie hat es eine so kleine Stadt wie Zittau zu einem so stattlichen Bahnhof gebracht? Die grünen Flügeltüren öffnen sich automatisch, Sie schreiten hinaus und sehen: Leere. Der Vorplatz wirkt verwaist. Vögel zwitschern, ein Mitarbeiter der Stadtreinigung mäht den Rasenstreifen. Es riecht nach Gras und Ausflug aufs Land.

Heute liegt Zittau ab vom Schuss. Genau dort aber, wo Sie nun stehen, verlief im 19. Jahrhundert eine zentrale Handelsroute, hier gönnten sich Fabrikanten aus Dresden und Prag eine Pause von der Fahrt. Und sie entdeckten die Region als Reiseziel.

Links auf dem Vorplatz sehen Sie ein Holzhäuschen, das wie die Requisite eines Märchenfilms wirkt. Von dort aus fährt die Schmalspurbahn hoch ins Zittauer Gebirge, einen Ausläufer des Elbsandsteingebirges mit Kurhotels und Bergbauden. Sie verspüren Lust, direkt weiterzufahren? Jeder Zittauer versteht Ihren Drang. Aber kommen Sie erst einmal an.

Der Bahnhof markiert den höchsten Punkt Ihrer Stadtbesichtigung. Die Altstadt von Zittau liegt im Tal; von nun an geht es nur noch bergab. Sie laufen die Bahnhofstraße nach rechts, vorbei an den Resten der Robur-Werke. Der Name wird Sie zumindest dann beeindrucken, wenn Sie selbst aus dem Osten kommen. Sie wissen: Ohne Robur-Busse und -Lkw wäre die DDR noch schneller am Ende gewesen. Die Tore zur Werksruine rosten. Dahinter glänzen zwei rote Oldtimer-Busse; sie warten auf die nächste Ostalgie-Tour.

Am Ende der Bahnhofstraße müssen Sie eine zweispurige Einbahnstraße, den Ring, überqueren. Mit viel, sehr viel Fantasie könnte er ein Burggraben aus dem Mittelalter sein. Sie gehen über die Ampel, laufen die Bautzner Straße hinab. Links das 400 Jahre alte Gymnasium mit Glockenturm, im Altbau schrägt gegenüber, Sie lesen richtig, ein Unverpackt-Supermarkt namens Aurelie. Wussten Sie, dass Zittau eine Hochschule mit 3000 Studenten hat? Es ist besser, das zu erwähnen. Denn Sie werden von dieser Lebendigkeit auf Ihrem weiteren Weg vorbei an sanierten Fassaden und eingestaubten Schaufenstern wenig bemerken.

Nach zehn Minuten erreichen Sie den Markt und sehen links die Johanniskirche. Die Türen stehen offen. Gehen Sie hinein, schauen Sie sich Kirchenschiff, Altar und Orgel an. Die wahre Attraktion der Kirche ist aber ihr 60 Meter hoher Südturm – 266 Stufen (ja, das muss sein). Im Tal bietet allein der Aufstieg die Aussicht auf Überblick.

Wenn Sie das letzte Stück der Treppe erreichen, wundern Sie sich vielleicht über die Wäsche, die zwischen den Balken trocknet, über die Katze, die unter der Dachluke in der Sonne döst. In der winzigen Wohnung unter der Dachspitze wohnt der Turmwächter. Früher hatte dieser sogenannte Türmer die Aufgabe, die Stadt vor aufziehenden Gefahren zu warnen. Heute wohnt hier ein junger Musiker. Er bläst dreimal täglich in seine Trompete. Vielleicht begegnen Sie ihm.

Treten Sie hinaus auf die Aussichtsplattform, und schauen Sie nach Südosten. Wo die Häuserreihen enden, beginnen die Sudeten. In der Ferne deuten sich die Gipfel der Schneekoppe und des Jeschken in Tschechien und Polen an. Früher stauten sich am nahen Grenzübergang die Autos. Mittlerweile lässt sich mit dem Auge nicht mehr erkennen, wo das eine Land endet und die anderen beginnen.

Als Teil der Dreiländerregion bewirbt sich Zittau als europäische Kulturhauptstadt. Hier oben können Sie sich das für einen Moment vorstellen. Wenn Sie sich nun leicht über die Brüstung beugen, werden Sie unten auf dem Markt das Rathaus sehen. Die Wahrheit kommt vor dem Abstieg: Seit Mai ist die AfD im Kreistag stärkste Kraft.

Essen versöhnt, Essen lenkt ab. Sie verlassen die Kirche, rechts sehen Sie das Dornspachhaus, ein Wirtshaus aus der Ritterzeit mit Loggien und Gewölben. Auf der Speisekarte finden Sie regionale Spezialitäten, dicke Rippe mit Sauerkraut oder hausgemachte Stopperle zum Beispiel. Die in Butter und Speck geschwenkten Klöße geben den Beinen neue Kraft. Vor Ihnen liegt ja noch ein steiler Weg nach oben, ob Sie nur zurück zum Bahnhof oder weiter ins Gebirge wollen.