Das Problem an weltbewegenden Nachrichten ist, dass sie oft kleiner gemacht werden, als sie wirklich sind. Nehmen wir die Amazonas-Synode in Rom. Nach drei Wochen zäher Verhandlungen sprach sich eine Zweidrittelmehrheit der anwesenden Bischöfe Ende vergangener Woche dafür aus, im dünn besiedelten Amazonien ständige Diakone zu Priestern zu weihen.

Das klingt nach einer technischen Entscheidung, die den Rest der Welt höchstens peripher tangiert. Doch sie ist mehr als das. Sie ist ein weltkirchliches Ereignis und ein Erfolg für Papst Franziskus, auch wenn sich viele Katholiken in Deutschland und der westlichen Welt nach der Missbrauchskrise mehr Mut zur Rundumerneuerung ihrer Kirche gewünscht haben dürften.

Mehr noch als um die Misere Amazoniens geht es nämlich ums Eingemachte des Katholizismus, um das Amts- und Hierarchieverständnis, die priesterliche Lebensform, kurz: den Zölibat. Den gibt es schon länger – seit dem Zweiten Laterankonzil von 1139, um genau zu sein. Dort wurde festgeschrieben, dass Priester "Tempel Gottes, Gefäß des Herrn und Heiligtum des Heiligen Geistes sein und heißen müssen" und sich als solches nicht der "geschlechtlichen Ausschweifung und Unreinheit" hinzugeben haben. Der "Codex Iuris Canonici" von 1917 verschärfte diese Regel noch. Seitdem gilt die Ehe als Weihehindernis und umgekehrt. Ausnahmen waren nicht vorgesehen.

Zwar gestand Papst Paul VI. in seiner Zölibats-Enzyklika von 1967 ein, dass man gegen den Zölibat durchaus einiges einwenden könne – in der Bibel steht er nicht, zudem ist das Ideal der kultischen Reinheit eher heidnischen als christlichen Ursprungs –, dafür legitimierte er ihn spirituell: "Die gottgeweihte Jungfräulichkeit der Priester macht in der Tat die jungfräuliche Liebe Christi zu seiner Kirche und zugleich die übernatürliche Fruchtbarkeit dieses Ehebundes sichtbar." Bevor sich jedoch die Katholiken der Welt fragen konnten, was Paul VI. mit diesem Geschwurbel eigentlich gemeint hat, erklärten seine Nachfolger Johannes Paul II. und Benedikt XVI. jede Debatte über den Zölibat bereits für wenig hilfreich und obsolet. Erst jetzt wurde der Zölibat, was er zuvor niemals war: sakrosankt.

Umso bemerkenswerter ist es, dass die Bischöfe nun eine Öffnung des Zölibats Papst Franziskus zur Annahme empfehlen. Ist damit der Zölibat Geschichte? Als katholisches Kompromisspapier tut das Abschlussdokument alles, um genau diesen Eindruck zu vermeiden. Nein, es gehe lediglich um die besondere Situation Amazoniens, wird da beteuert. Schließlich bekämen viele Katholiken dort nicht mal an Ostern mehr einen Priester zu sehen. Davon abgesehen müsse die Weihe von Ständigen Diakonen aber auch dort die absolute Ausnahme bleiben.

So kaschiert das Papier seine weltkirchliche Symbolwirkung. Schließlich mangelt es nicht nur im südamerikanischen Dschungel an Geistlichen. In Deutschland etwa wurden im Jahr 2018 nur 60 Priester geweiht – im Jahr 1962 waren es fast zehnmal so viel. Zudem wird seit dem Bekanntwerden des Missbrauchsskandals im Jahr 2010 immer wieder darüber diskutiert, ob der Pflichtzölibat als Risikofaktor für sexuellen Missbrauch zu bewerten ist. So ergab eine von der Deutschen Bischofskonferenz in Auftrag gegebene Studie etwa im vergangenen Jahr, dass verheiratete Diakone wesentlich seltener zu Tätern werden als Geistliche.

Vor diesem Hintergrund wirkt jede Öffnung des Zölibats, so klein und lokal begrenzt sie auch sein mag, wie der Beginn der katholischen Rundumerneuerung, auf die viele Gläubige und auch immer mehr Bischöfe mittlerweile hoffen. Ihnen gegenüber stehen die Konservativen. Für sie ist jede Liberalisierung ein potenzielles Sakrileg. Ihr Ziel ist es, den katholischen Kern zu bewahren, der mit dem Zölibat angeblich gleich mit aus der Kirche hinausreformiert werden soll.