In einem hippen Café im Genfer Quartier Eaux Vives sitzt Alisée de Tonnac, CEO des Schweizer Start-up-Förderers Seedstars World vor einem großen Krug Wasser und einer leeren Poke-Bowl. Die 31-Jährige sieht etwas müde aus, ihr 17 Monate alter Sohn ist krank, das Treffen hat sie deshalb kurzfristig hierhin verschoben. "Wir sind mittlerweile routiniert. Wenn unser Sohn krank ist, ruft die Krippe an, ich hole ihn ab und bringe ihn zum Arzt."

DIE ZEIT: Frau de Tonnac, was ist Ihr größtes Kapital?

Alisée de Tonnac: Wahrscheinlich die Fähigkeit, zu networken. Wobei ich keine Networkerin by DNA bin, ich musste mir das alles beibringen.

ZEIT: Das Geschäftsmodell Ihres Start-ups Seedstars klingt recht verwegen: Sie schnorren bei den Reichen und geben das Geld jungen Start-ups in Lagos, Amman oder Jakarta. Wie machen Sie das?

De Tonnac: Indem wir die Investoren davon überzeugen, dass die aufstrebenden Märkte enorm viel wirtschaftliches Potenzial haben.

ZEIT: Und die Investoren glauben Ihnen?

De Tonnac: Klar, es stimmt ja auch. Schauen Sie, es gibt genug Geld auf der Welt. Die Frage ist, wie man es einsetzt. In Ländern wie Nigeria, Jordanien und Indonesien gibt es zuhauf attraktive Investitionsmöglichkeiten.

"Die Freiheit, meine Zelte abzubrechen und woanders wieder aufbauen zu können, die ist mir extrem wichtig."
Alisée de Tonnac, CEO von Seedstars World

ZEIT: Sie bezeichnen Ihre Arbeit als Impact-Investing. Was heißt das genau?

De Tonnac: Es gibt ungefähr 600 Millionen unbeschäftigte junge Menschen auf der Welt. Das ist ein soziales Problem, aber auch ein riesiges wirtschaftliches Potenzial. Wir unterstützen, trainieren und beraten diese jungen Entrepreneurs mit unseren Start-up-Wettbewerben. Und wir stellen ihnen Kapital zur Verfügung.

ZEIT: Sie haben Seedstars im Jahr 2013 zusammen mit drei Partnern gegründet. Sie alle waren damals Mitte 20. War der soziale Gedanke von Anfang an Teil Ihres Plans?

De Tonnac: Nein, das passierte einfach. Unsere Generation, die Millennials, ist von einer Sache extrem überzeugt: dass Profit und sinnhafte Arbeit Hand in Hand gehen können. Für meine Eltern war es wichtig, ein Haus zu besitzen, ein Auto. Ich will nur so viele Gegenstände wie nötig haben. Nichts, was mich bindet. Die Freiheit, meine Zelte abzubrechen und woanders wieder aufbauen zu können, die ist mir extrem wichtig.

ZEIT: Nach Ihrem Studium sind Sie beim Kosmetikkonzern L’Oréal eingestiegen. Sie hatten einen guten Job, waren aber, in Ihren eigenen Worten, vor allem damit beschäftigt, teuren Lippenstift zu verkaufen.

De Tonnac: Das war damals mein Mindset: Stufe für Stufe die Karriereleiter erklimmen. Status erarbeiten. Und dann die Tage bis zur Pension zählen. Heute kann ich sagen: Das war totaler Bullshit!

ZEIT: Sie verdienten sicher gut.

De Tonnac: Nein, ich hatte einen italienischen Lohn. Des Geldes wegen habe ich es nicht gemacht. Es ging mir um Status.

ZEIT: Heute ist Ihr Lohn also höher?

De Tonnac: Ja.

ZEIT: Um wie viel?

De Tonnac: Das sage ich Ihnen nicht. (lacht)

"Bei meinem Unternehmen habe ich gelernt: Geld ist unser Treib- und Sauerstoff."
Alisée de Tonnac

ZEIT: Sie lebten als Kind ein nomadenhaftes Leben, zogen wegen des Jobs Ihres Vaters von Kontinent zu Kontinent, lebten in Frankreich, Singapur, den USA. Wie war das für Sie?

De Tonnac: Meine Eltern sagen heute, ich hätte jeweils am dramatischsten reagiert, wenn wir wieder weiterzogen. Aber ich habe mich dafür auch immer am schnellsten am neuen Ort eingelebt. Eigentlich war es aber eine ziemlich gewöhnliche Kindheit: liebende Eltern, viele Freunde, gute Ausbildung. Fast schon banal.

ZEIT: War Geld in Ihrer Familie ein Thema?

De Tonnac: Kaum. Geld war vorhanden. Also sprach man nicht groß darüber.